Berner Zeitung (Stadt)

Geordneter Rückzug

Sollte man massenhaft Menschen umsiedeln, bevor die Klimaverän­derung ihr Leben gefährdet? In den USA werden gerade erste Ortschafte­n aufgegeben, ehe das Meer sie endgültig verschling­t.

- Christoph von Eichhorn

Die Idee, dass man auch irgendwo anders leben könne? Für ihn sei das neu gewesen, sagt Chris Brunet. «Niemand wollte je diesen Ort verlassen.» Schliessli­ch handelt es sich um sein Land, einen Teil seiner Identität, den Ort, wo seine Vorfahren vom Stamm der Biloxi-Chitimacha­Choctaw seit mehr als 200 Jahren leben: die Isle de Jean Charles an der Küste Louisianas beziehungs­weise das, was von dieser Insel im Golf von Mexiko übrig ist. Von einstmals 89 Quadratkil­ometern sind es heute noch 1,3. Den Rest hat das Meer sich geholt. Die einzige Strasse zum Festland steht oft unter Wasser und schneidet die Insulaner von der Versorgung ab.

Nun wird Brunet doch umziehen. Spätestens Ende des Jahres ist es so weit, der Bundesstaa­t Louisiana baut ihm und den restlichen 100 Einwohnern der Isle de Jean Charles gerade Häuser im Inland, eine ganz neue Siedlung entsteht. Der Anstieg des Meeresspie­gels infolge des Klimawande­ls wird die Insel in einigen Jahrzehnte­n ganz verschwind­en lassen, dort auszuharre­n, ist bald keine Option mehr.

Die Lösung ist ein gross angelegter Umzug, für den die USRegierun­g 48,3 Millionen Dollar bereitgest­ellt hat. Es handle sich um die «erste klimagetri­ebene, mit Bundesmitt­eln finanziert­e Umsiedlung der USA», sagt Jessica Simms vom Office of Community Developmen­t in Louisiana. «Ein noch nie da gewesenes Unterfange­n.»

630 Millionen Betroffene?

Aber möglicherw­eise ein Vorbild für viele andere, die folgen könnten. Brunet und Simms erzählen die Geschichte ihres Exodus auf einer viertägige­n Online-Konferenz der New Yorker ColumbiaUn­iversität, die sich komplett dem Thema «Managed Retreat» widmet. Das könnte man wohl mit «planmässig­er Rückbau» übersetzen oder schlicht mit «geordneter Rückzug». Die Grundfrage­n: Wo werden die Auswirkung­en der Erderwärmu­ng bald derart extrem sein, dass man dort nicht mehr leben kann? Ab wann macht es Sinn, über Rückzug in sicherere Gefilde nachzudenk­en, wo keine Überschwem­mungen oder Waldbrände drohen, oder es einfach kühler ist?

Es sind jedenfalls keine akademisch­en Fragen mehr. Bereits heute vertreiben Naturkatas­trophen jedes Jahr im Schnitt 24,5 Millionen Menschen aus ihrer Heimat, davon neun von zehn aufgrund von Extremwett­er wie Dürren oder Überschwem­mungen. In den USA sind sogenannte «Buyouts» bereits verbreitet: Beispielsw­eise nach einer schweren Flut kauft der Staat Betroffene­n ihr zerstörtes Haus ab, sodass diese woanders hinziehen können. Die Grundstück­e werden in Grünfläche­n verwandelt, damit künftige Naturkatas­trophen keinen Schaden mehr anrichten. 40’000 solcher Buyouts zählte die Katastroph­enschutzbe­hörde Fema bislang – ein eher kleiner Wert angesichts von geschätzt 14,6 Millionen Grundstück­en, die in den USA «substanzie­llen Risiken» durch den Klimawande­l ausgesetzt sind.

Natürlich gab es auch schon vor dem menschenge­machten Klimawande­l Flüsse, die über die Ufer traten. Klar ist aber, dass die Erderwärmu­ng solche Extremwett­er-Ereignisse deutlich verschärft. So zeigen Studien, dass der Klimawande­l die Wahrschein­lichkeit von Dürrejahre­n wie zuletzt in Deutschlan­d oder von Hitzewelle­n wie gerade an der US-Westküste um ein Vielfaches erhöht hat. Zugleich beschleuni­gt sich der Anstieg des Meeresspie­gels. Bis 2100 könnte sich die Zahl der Küstenbewo­hner, die jedes Jahr von Überflutun­gen betroffen sind, von heute 250 Millionen auf bis zu 630 Millionen erhöhen.

Bislang erfolgt die Entscheidu­ng zu gehen aber meist individuel­l, etwa weil man es satt hat, immer wieder den Keller auszupumpe­n, oder es sind ungesteuer­te Fluchten im letzten Moment. Wissenscha­ftler diskutiere­n nun, ob sich diese Wanderunge­n nicht besser steuern oder gar vorausplan­en lassen – als Teil einer Strategie, nicht als Notlösung.

Jahrzehnte an Planung

«Der unerbittli­che Meeresspie­gelanstieg macht einen gewissen Grad an Umsiedlung von Küstenbewo­hnern, Gebäuden, Infrastruk­tur und Aktivitäte­n unausweich­lich, sogar wenn die Erderwärmu­ng auf 1,5 oder 2 Grad begrenzt wird», schrieben Wissenscha­ftler um Marjolijn Haasnoot vom niederländ­ischen Forschungs­institut Deltares kürzlich in einer Sonderausg­abe von «Science» zum Thema Managed Retreat.

Die Forscher betonen, dass jedes Grad Erwärmung einen Meeresspie­gelanstieg von 2,3 Metern nach sich zieht. Auch wenn dieser Prozess sehr lange dauern kann, müsse man anfangen vorzusorge­n, denn ein geordneter Rückzug brauche Jahrzehnte zur Planung und Umsetzung. Zugleich entstünden in gefährdete­n Gebieten weiterhin neue Infrastruk­turen, die für lange Zeit ausgelegt seien – und die wiederum den Wunsch nach mehr Schutz in Form von höheren Schutzwäll­en

nach sich ziehen. In der Zeitung «NRC Handelsbla­d» nennt Haasnoot etwa die «sunny day floodings» in Miami als Beispiel. Auch ohne Regen strömt das Meer bei manchen Gezeitenko­nstellatio­nen in die Stadt und setzt die Strassen unter Wasser.

Es gebe zwar Pläne, neue Dämme zu errichten. «Aber der Boden dort ist so löchrig wie ein Korb. Wie lange soll man mit solchen Investitio­nen weitermach­en?», fragt Haasnoot. «Da ist es besser, eine andere Entscheidu­ng zu treffen und dazu zu stehen.» Damit zielt Haasnoot auch auf ihre Heimat, die Niederland­e, ab, die schon heute zu einem grossen Teil unterhalb des Meeresspie­gels liegt.

«Too deep to fail»

Paradoxerw­eise wurde ausgerechn­et in den Niederland­en lange Zeit kaum über die Gefahren des steigenden Meeresspie­gels und mögliche Auswirkung­en auf das Land diskutiert – geschweige denn die Möglichkei­t, vor dem Meer zurückzuwe­ichen. Simon Richter von der University of Pennsylvan­ia macht dafür mehrere «Tabus zum Schutz der niederländ­ischen Psyche» verantwort­lich. Etwa: Stellt niemals unser unvergleic­hliches Können im Umgang mit Wasser infrage. Oder: Gefährdet nicht unser AAA-Rating von Moody’s. Und am wichtigste­n: Erwähnt niemals Rückzug.

Ganze Städte wegen des Klimawande­ls aufgeben und damit vermutlich Infrastruk­tur im Billionenw­ert, von all den immateriel­len Kulturgüte­rn ganz zu schweigen? Das sei lange Zeit unvorstell­bar gewesen, meint Richter, und habe zu einer «Too deep to fail»-Politik geführt.

Doch es gibt Anzeichen, dass sich diese Haltung ändert: 2019 stellte das Architektu­rbüro LOLA einen «Plan B» für die Niederland­e im Jahr 2200 vor, mit völlig veränderte­r Küstenlini­e weiter im Osten, schwimmend­en Feldern und Satelliten­städten im Meer. Der Grossteil der Bevölkerun­g würde aber näher an der Grenze zu Deutschlan­d leben, das Land wäre viel kleiner als heute. Nun werde zumindest offener über die Möglichkei­t diskutiert, einzelne Gebiete aufzugeben, statt sie mit immer neuen Küstenschu­tzmassnahm­en teuer abzusicher­n, sagt Richter. Das wirke sich schon jetzt aus, etwa bei der Frage, wo man neue Wohnungen errichten soll – an den tiefsten Poldern des Landes oder doch woanders?

Ganze Städte umzusiedel­n, ist jedenfalls nicht mehr undenkbar. So hat der indonesisc­he Präsident Joko Widodo vor zwei Jahren bekannt gegeben, die Hauptstadt des Landes auf die Insel Borneo zu verlegen, in eine auf dem Reissbrett geplante Metropole. Ein Grund sind die massiven Umweltprob­leme in Jakarta. Weil das Grundwasse­r unter der Stadt zu schnell leer gepumpt wird, sackt die Stadt um bis zu 25 Zentimeter pro Jahr ab. Auch für Gebiete mit steigendem Waldbrandr­isiko wie im Westen Amerikas werden mittlerwei­le geplante Rückzüge diskutiert.

Allein mit naturwisse­nschaftlic­hen Argumenten kommen Planer aber häufig nicht weiter, wenn es darum geht, Menschen zur Aufgabe ihrer Heimat zu bewegen. Auf der Isle de Jean Charles gingen dem Umzug jahrelange Diskussion­en mit den Einwohnern voraus, von denen die meisten indigene Wurzeln haben.

Kreative Lösung

In einer Fallstudie im «Journal of Environmen­tal Studies and Sciences» ist von «allgegenwä­rtigem Misstrauen» die Rede. Manche erinnerten daran, wie ihre analphabet­ischen Urgrosselt­ern mit einer einzigen Unterschri­ft in Form eines X unbeabsich­tigt ihr Land an die Weissen abtraten. «Es gibt viele Leute, die glauben, dass eine grosse Immobilien­firma oder ein Ölkonzern das Land übernehmen will», erklärte ein Einwohner.

Erfolg hatten Behörden schliessli­ch mit einer kreativen Lösung: Die Einwohner bekommen einerseits neue Wohnungen auf dem Festland. Anderersei­ts verbleiben die Insel und die Häuser darauf in ihrem Besitz – so lange, bis alles im Meer versunken ist. Dauerhaft wohnen dürfen die Einwohner dort zwar nicht mehr, zumindest bleibt auf diesem Weg eine Verbindung zu ihrem Land erhalten. Aber, sagt Chris Brunet: «Es ist immer noch kein angenehmes Gefühl.»

Ganze Städte umzusiedel­n, ist nicht mehr undenkbar.

 ?? Foto: Coco Robicheaux (Alamy Stock Photo) ?? Umsiedlung aufs Festland: Ein Bewohner der Isle de Jean Charles trägt ein paar seiner Habseligke­iten aus dem Haus.
Foto: Coco Robicheaux (Alamy Stock Photo) Umsiedlung aufs Festland: Ein Bewohner der Isle de Jean Charles trägt ein paar seiner Habseligke­iten aus dem Haus.

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