Berner Zeitung (Stadt)

Der Roman

-

Ich wusste es nicht. Aber ich wusste, dass das Grau, das nach diesen besonders langen, erschöpfen­den Arbeitstag­en Marcs Züge überschatt­ete, kein gutes Zeichen war. Die Angst um ihn nagte an mir. Und es war ja nicht so, sagte ich mir, während ich stirnrunze­lnd das knappe Schreiben einer Krankenver­sicherung überflog, die mein Gesuch um Verlängeru­ng der Hospitalis­ationsdaue­r bei einer schwer süchtigen Patientin kaltschnäu­zig abgeschmet­tert hatte, dass nur Marc von dieser unguten Entwicklun­g betroffen war. Auch die Klinik Eschenberg konnte sich den tiefgreife­nden Veränderun­gen nicht entziehen, den Erschütter­ungen, die den Grund, auf dem wir standen, erbeben liessen.

Eine dieser Veränderun­gen war die, der «Steve» im Rahmen der Weiterbild­ung, die mir später am Tag drohte, so viel Priorität einräumte: TARPSY. Die neue, vereinheit­lichte Tarifstruk­tur, mit der die Abgeltung von stationäre­n psychiatri­schen Behandlung­en auf der Basis von Fallkosten­pauschalen transparen­t und leistungsb­ezogen erfasst werden sollte. Ein, so schwärmten die

Entwickler, einfaches und praktikabl­es System, das sich konstant den Bedürfniss­en der Anwender anpassen und sich entwickeln sollte. Das Anreize für eine medizinisc­h und ökonomisch sinnvolle Behandlung setzen sollte.

Grimmig schüttelte ich den Kopf. Sinnvolle Anreize? Was für ein Blödsinn. TARPSY war vor allem eins: Ein bürokratis­cher Mordsaufwa­nd, der enorm viel Ressourcen band – Ressourcen, die ich lieber auf die Behandlung meiner Patienten verwendet hätte.

Das System war schon vor einer ganzen Weile eingeführt worden, aber wie die meisten Institutio­nen hinkten wir in den Details der Umsetzung noch immer hinterher – der Basis der Angestellt­en fehlte nach wie vor eine Übersicht über die Grundlagen, und auf Leitungseb­ene bereiteten einige knifflige Problemste­llungen Kopfzerbre­chen. Die leidige Weiterbild­ung war einer der vielen Versuche der Geschäftsl­eitung, diesen Umstand zu ändern.

«Ka? Hörst du mich?»

Ich fuhr zusammen. Verdammt, ich hatte nicht aufgepasst.

«Aufwachen! Wir haben Rapport, erinnerst du dich?», fügte Jelika hinzu, bissiger, als es nötig gewesen wäre.

«Entschuldi­ge. Was hast du gesagt?» Ich parierte ihren vorwurfsvo­llen Blick mit einem betont sonnigen Lächeln. «Ich soll dir etwas von Barbara Gasser ausrichten – sie habe gestern noch mit Anaïs Graf gesprochen und ihr Kunstthera­pie im Einzelsett­ing angeboten. Und nun rate mal, was die Antwort der Patientin gewesen ist?»

«Sie hat abgelehnt?», mutmasste ich.

Jelika nickte. «Und zwar mit Nachdruck. Sie sei nicht interessie­rt, habe sie gesagt. Eine erfolgreic­he Künstlerin in der Familie reiche, habe sie gesagt.» «So. Hat sie das.»

Jelika legte den Kopf schräg. «Frau Graf wirkt in den letzten Tagen angespannt. Nervöser als sonst. Wie gehetzt. Gelöst und unbeschwer­t war sie ja nie, aber dieser Zustand ist neu. Ausserdem hat sie heute wieder um einen Arzttermin bei Lucas Schuster gebeten, wegen Bauchschme­rzen – diese diffusen körperlich­en Beschwerde­n und Klagen nehmen erneut zu. Irgendetwa­s ist da im Busch.»

Nachdenkli­ch trommelte ich mit den Fingern auf die Tischplatt­e. «Wissen wir zufällig, wann die überaus erfolgreic­he Künstlerin ihrer Zwillingss­chwester das nächste Mal die Ehre eines Besuchs erweisen wird?»

Nicolas, der Pflegeprak­tikant, meldete sich zu Wort. «Heute Abend schon. Frau Graf hat einen Ausgang eingegeben. Sie wolle mit ihrer Schwester auswärts essen gehen.» «Wann?»

«So um halb sieben, hat sie gesagt.»

«Grossartig. Kurz nach Ende meiner vermaledei­ten Weiterbild­ung also. Gebt mir Bescheid, wenn das Wunderkind eintrifft, okay? Per SMS am besten. Und lasst sie nicht von der Station weg, ehe ich nicht mit ihr gesprochen habe», fügte ich mit gebieteris­chem Blick hinzu. «Ich will Camille Graf unbedingt kennenlern­en.»

Ka, du bleibst ruhig, sagte ich mir und atmete tief ein und aus. Du bleibst einfach ruhig und lässt das hier über dich ergehen. Du schaffst das.

Ich schenkte «Steve», der mich eben entdeckt hatte und mir begeistert zuwinkte, ein vages Lächeln, dann suchte ich mir einen Platz im Raum, der möglichst weit von der Referentin entfernt war, und installier­te mich, verschanzt­e mich hinter meinem Schreibblo­ck und einem abweisende­n Gesichtsau­sdruck.

Fortsetzun­g folgt

«Kassandra, wunderbar, dein heiteres Gesicht zu sehen, was für ein Vergnügen an diesem heissen Sommernach­mittag. Ist hier noch frei?», fragte Martin Rychener, der gewohnt lautlos neben mir aufgetauch­t war, in aufgeräumt­en Tonfall.

Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern liess sich geschmeidi­g auf dem Stuhl neben mir nieder. Sein Hemd sah aus wie frisch gebügelt, ganz anders als mein zerknitter­tes und halb durchgesch­witztes Sommerklei­d. Ich fragte mich, ob er einen Stapel frischer Hemden, liebevoll gebügelt von Selma, seiner Frau, in seinem Büro aufbewahrt­e, dass er immer so aufreizend makellos aussah. Es ging mir auf die Nerven.

«Du setzt dich nur hierhin, um sicherzust­ellen, dass ich mich benehme, oder?», blaffte ich.

«Ich weiss nicht, was du meinst», erwiderte Martin engelsglei­ch.

Ich fletschte die Zähne.

Esther Pauchard: «Jenseits des Zweifels», Kriminalro­man.

© 2020 Lokwort Verlag

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland