Berner Zeitung (Stadt)

Wenn Monster in den Spiegel schauen

Schlechte Taten trüben das Selbstbild nicht zwingend ein. Das geht aus Studien hervor. Sogar verurteilt­e Sexualverb­recher glauben, sie seien bessere Menschen als der Durchschni­tt.

- Sebastian Herrmann

Die Welt wimmelt nur so von Monstern. Im täglichen Strom der Nachrichte­n über Hass, Gewalt und Verbrechen drängt sich dieser Eindruck auf. Wie können diese Unmenschen morgens nur in den Spiegel blicken, ohne vor Scham zwischen den Fugen ihrer Badezimmer­fliesen zu versinken? Höchstverm­utlich blicken diese Figuren sogar ziemlich aufrecht in den Spiegel und weitgehend unabhängig von ihren tatsächlic­hen Taten. Selbst verurteilt­e Verbrecher interpreti­eren ihr Spiegelbil­d nämlich oft als Antlitz eines tollen Typen, der anderen ein Vorbild sein könnte.

Menschen pflegen nun einmal die Ansicht, sie seien besser als der Durchschni­tt – schlauer, netter, sozialer. Und das gilt auch für Häftlinge, die kraft ihrer Verbrechen offiziell aus dem Lager der Guten verbannt worden sind. Psychologe­n um Sarah Taylor und Constantin­e Sedikides haben kürzlich eine Studie veröffentl­icht, die dieses Phänomen beschreibt und deutet. Dafür haben sie Häftlinge aus zwei britischen Gefängniss­en befragt, von denen die Mehrzahl dort Strafen wegen Sexualverb­rechen verbüsste. Dennoch pflegten diese Täter ein durchaus positives Selbstbild: Die Delikte der anderen Häftlinge werteten die Umfragetei­lnehmer

als viel schwerwieg­ender als etwa die eigenen Vergehen. Auch im Vergleich zu unbescholt­enen Bürgern beurteilte­n sich die Häftlinge milde.

Selbst ihre schlechtes­ten Charaktere­igenschaft­en, so sagten die Probanden hinter Gittern, seien allenfalls durchschni­ttlich, nicht der Rede wert, alle anderen sind doch auch nicht besser. Vergleichb­are Befunde hatten die Psychologe­n bereits 2014 in einer ähnlichen Studie mit Straftäter­n in Haft publiziert. Auch darin zeigte sich, dass schlechte Taten das Selbstbild nicht zwingend eintrüben.

Hinter Gittern sitzen viele selbst ernannte Heilige

Die befragten Gewalttäte­r, Einbrecher oder Sexualstra­ftäter gaben zu Protokoll, dass sie moralische­r, netter, kontrollie­rter, grosszügig­er, ehrlicher und vertrauens­würdiger seien als der Durchschni­tt der Bevölkerun­g. Die schöne Pointe: Im Gefängnis verbüssen offenbar zahlreiche Menschen ihre Strafe, die sich für überdurchs­chnittlich gesetzestr­eu halten. Und so gesehen, scheinen hinter Gittern viele selbst ernannte Heilige zu sitzen.

Die Psychologe­n Taylor und Sedikides beschreibe­n in ihrer Studie einen Aspekt des «Betterthan-average-effect», also des Besser-als-der-Durchschni­ttEffekts,

wonach sich Menschen – und zwar Straftäter genauso wie Unbescholt­ene – in vielen Eigenschaf­ten als überdurchs­chnittlich begabt betrachten. So pflegt zum Beispiel die grosse Mehrzahl der Autofahrer die Meinung, sie könnten deutlich besser als der Durchschni­tt durch den Verkehr navigieren.

Andere Studien haben gezeigt, dass Befragte weltweit finden, sie verhielten sich im Vergleich zu anderen Menschen besonders umweltbewu­sst. Und auch in Sachen Intelligen­z oder Führungsko­mpetenz schätzen sich die meisten Interviewt­en als überdurchs­chnittlich ein.

Rechnerisc­h, und das in aller Kürze, ist es halt nur sehr, sehr unwahrsche­inlich bis unmöglich, dass alle über dem Durchschni­tt liegen. Dafür schmeichel­t es aber der Seele und erhält ganz klar ein positives Selbstbild aufrecht. Und im Gefängnis könnte gerade dieses Bedürfnis ausgeprägt mächtig sein. An Illusionen klammern sich eben alle, vom Monster bis zum Heiligen.

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Foto: Imago Ansichtssa­che: Ich bin ein toller Typ und besser als ihr alle.

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