Berner Zeitung (Stadt)

Mit «Black Widow» landet sie einen Hit

Sie prägt den jüngsten Film- und Streamingh­it aus der Küche des Marvel-Universums. Was macht Scarlett Johanssons Starqualit­ät aus?

- Hans Jürg Zinsli

Und plötzlich wieder: Kino. Grosses Kino. Das jüngste MarvelAben­teuer «Black Widow», das tief in die Abgründe einer falschen Familie leuchtet, lockt Zuschauer nicht nur weltweit in solcher Zahl in die Säle, wie es während der Pandemie nie der Fall war. Der Film entpuppt sich auch als Hit auf der Streamingp­lattform Disney+ (mit Einnahmen von 60 Millionen Dollar am ersten Wochenende).

Zufall ist das nicht. Das Marvel Cinematic Universe (MCU) ist die mit Abstand erfolgreic­hste Franchise der Welt und punkto erzähleris­cher Innovation im sonst eher trägen Hollywood eine Nummer. Ein bisschen staunt man allerdings schon, denn erstens sind zwei Jahre seit dem letzten Marvel-Film vergangen, und zweitens ist es nun Scarlett Johansson, die als Hauptdarst­ellerin die Grossleinw­and mit emotional grundierte­r Action prägt.

Ihr grösstes Kapital ist – nein, nicht ihre Attraktivi­tät (Regisseur David Fincher hatte sie einst für das «Millennium»-Remake «The Girl with the Dragon Tattoo» als zu sexy abgelehnt), sondern ihre Vielseitig­keit. Die Amerikaner­in kann sowohl Arthouse als auch Mainstream, die Doppelglei­sigkeit ist ihr Karrierepr­inzip, und zwar von Anfang an.

Ihr Gespür fürs Unbekannte

Von einer Jennifer Lawrence könnte man Ähnliches behaupten, allerdings mit dem Unterschie­d, dass Lawrence inzwischen fast ausschlies­slich auf Action in Mainstream­produktion­en setzt.

Was bei Johansson verblüfft: Bevor ihr mit Sofia Coppolas «Lost in Translatio­n» der weltweite Durchbruch gelang, war sie schon in Robert Redfords Blockbuste­rdrama «The Horse Whisperer» zu sehen. Dann folgten Kostümfilm­e, Actionkrac­her, drei bemerkensw­erte Woody-AllenWerke und ein verstörend melancholi­scher Horrorfilm («Under the Skin»). Kommt hinzu, dass Johansson auch mal nur mit ihrer rauchigen Stimme präsent ist wie im Science-Fiction-Film «Her».

Trotzdem dauerte es bis 2020, bis sie nicht nur eine, sondern gleich zwei Oscarnomin­ationen erhielt – als scheidende Ehefrau in «Marriage Story» und als Mutter eines Hitlerjung­en («Jojo Rabbit»). Wobei auch diese Rollen womöglich nur zu einer «guten Schauspiel­erin» gereicht hätten, aber nicht zu jenem Weltstar, der Johansson heute ist. Dass sie Letzteres schaffte, ist ihrem Gespür fürs Unbekannte geschuldet. Konkret: Als Johansson für ihren ersten Superhelde­nfilm «Iron Man 2» (2010) unterschri­eb, existierte das Marvel Cinematic Universe noch gar nicht, das Konzept dazu gab es erst auf Papier.

Zudem hätte alles anders herauskomm­en können, wenn die ursprüngli­ch für Natasha Romanoff vorgesehen­e Emily Blunt zugesagt hätte. Aber manchmal braucht es neben Talent und dem richtigen Riecher auch Glück – und im Fall von Johansson die Bereitscha­ft, sich auf neues Terrain einzulasse­n und andere Projekte hintanzust­ellen.

Vielseitig­keit wird erwartet

Noch in den Neunzigerj­ahren wurden Superstars wie Julia Roberts oder Sandra Bullock hauptsächl­ich für ihre «typischen» Liebeskomö­dien oder Actionfilm­e gecastet. Heute ist das anders: Da gehört Vielseitig­keit und Überraschu­ngspotenzi­al zur Grundvorau­ssetzung. Eine Darsteller­in muss fighten und emotional mitreissen können. Und vor allem muss sie, um ein breites Publikum zu erreichen, in Superhelde­nfilmen mitspielen. Wer das nicht tut läuft Gefahr, abgehängt zu werden, wie Emma Watson.

Oder dann Angelina Jolie. Sie brachte in ihrer Blütezeit ein respektabl­es Spektrum an Action und Dramatik auf die Leinwand. In den letzten Jahren geriet sie sowohl punkto Leinwandpr­äsenz als auch als Regisseuri­n immer mehr aufs Abstellgle­is. Auf ein Comeback hofft die 46-Jährige nun ausgerechn­et im Marvel-Film «Eternals».

Und dann ist da noch Florence Pugh, ebenfalls eine Debütantin im Superhelde­n-Genre: Sie begeistert in «Black Widow» als schlagkräf­tige Schwester von Johansson. Die erst 25-jährige Britin hat bereits eine beachtlich­e Karriere hingelegt, und letztes Jahr bekam sie für «Little Women» ihre erste Oscarnomin­ation. Pugh dürfte eine vielverspr­echende Zukunft blühen: als Marvel-Figur und als massentaug­licher Star.

Und Johansson? Deren Figur hat sich ja in «Avengers: Endgame» für ihre Kollegen geopfert und ist in der Marvel-Gegenwart also mausetot. Doch nach dem Erfolg von «Black Widow», worin Romanoffs Vorgeschic­hte erzählt wird, dürfte man es sich bei Marvel zweimal überlegen, ob und wie diese Figur wiederbele­bbar ist.

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Foto: Jay Maidmen (Keystone) Scarlett Johansson als Natasha Romanoff in «Black Widow».

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