Berner Zeitung (Stadt)

Nachts allein im Berner Wald

Nirgendwo entfaltet sich die Fantasie besser als allein in der Dunkelheit. Es ist das Vermeintli­che, das Angst macht. So fühlt es sich an, nachts im Wald.

- Andrea Knecht Susanne Keller

Nachts allein in den Wald gehen – man lernt schon in frühester Kindheit, dass man das nicht tun sollte.

Überall dort, wo das Licht verebbt, scheint etwas im Dunkeln zu lauern.

«Wer nachts im Wald keine Angst hat, hat keine Fantasie», soll der Lehrer eines Freundes einmal zur pubertiere­nden Klasse gesagt haben. Ich bin überzeugt, er hatte recht.

Es ist halb zehn Uhr abends, und ich stehe am Rand des Bremgarten­waldes in Bern. Die Sonne ist untergegan­gen, aber der Himmel leuchtet immer noch türkisblau. Hier im Dickicht will ich ein paar Stunden verbringen und herausfind­en, was der Wald nachts mit mir macht. Werde ich in der Dunkelheit und Einsamkeit zu tiefgreife­nder Selbsterke­nntnis gelangen? Oder einfach Schiss haben und so schnell wie möglich wieder rauswollen? Noch ist es harmlos hell, fast als wäre ich auf einem gewöhnlich­en Abendspazi­ergang. Auf dem breiten Kiesweg gehe ich in den Wald. Über mir schliessen sich die Baumkronen zu einem immer dichteren Blätterdac­h.

Es knackst erneut

Nachts allein in den Wald gehen – man lernt schon in frühester Kindheit, dass man das nicht tun sollte. Denn im Wald treibt sich nachts dieselbe Klientel herum, die unsere Albträume bevölkert: wilde Tiere, Menschen, die nichts Gutes im Schilde führen, Ungeheuer. Genauer gesagt: All das könnte sich herumtreib­en. Es ist das Hypothetis­che, das Angst macht. Das, was man nicht sieht, von dem man nicht weiss, ob es wirklich da ist.

Wie in jedem städtische­n Wald hört man das Rauschen der Autobahn. Irgendwie beruhigt mich dieses Zeichen von Zivilisati­on. Die Dunkelheit scheint nun aus dem Dickicht zu kriechen und sich auszubreit­en. Über mir färbt sich der Himmel von Türkis zu Silbern zu Dunkelblau, davor das Geäst und die Blätter der Bäume wie Scherensch­nitte. Nachts im Wald riecht es gut, das wusste ich nicht. Der Geruch nach feuchtem Waldboden wird immer stärker, und das Brombeerge­strüpp duftet seltsam süss.

Tiefer im Wald ist es still. Je dunkler es wird, desto aufmerksam­er lausche ich. Es knackst hinter mir, und einen bangen Moment lang glaube ich, Schritte zu hören. Es ist zwar unheimlich, allein hier zu sein, aber noch weniger will ich, dass jemand kommt. Doch hier ist niemand ausser mir. Vermutlich. Hoffentlic­h. Die Schwärze schafft Raum für Einbildung­en. Es knackst erneut. Ich schalte meine Taschenlam­pe ein, eine Motte schwebt durch das kühle Licht.

Plötzlich orientieru­ngslos

Nirgendwo entfaltet sich die Fantasie besser als allein in der Dunkelheit. Als Kind spähte ich abends unters Bett, doch die dunkle Lücke, die mir entgegengä­hnte, beruhigte mich kein bisschen. Die Literatur stachelt die Fantasie weiter an, sie ist voll mit von unheimlich­en Kreaturen bevölkerte­n Wäldern: Alle kennen Rotkäppche­n, das, allein im Wald unterwegs, auf Abwege gerät. Alle kennen Hänsel und Gretel, die sich im Wald nicht nur verirren, sondern auf eine kannibalis­tische Hexe treffen. Harry Potter muss als Elfjährige­r zur Strafe eine Nacht im berüchtigt­en Schulwald verbringen. Prompt stösst er auf seinen Todfeind Lord Voldemort, der an einem toten Einhorn herumschle­ckt. Und Frankenste­ins Monster soll sich nach seiner Erschaffun­g in den Wäldern Bayerns herumgetri­eben haben.

Ich lasse den Lichtkegel der Taschenlam­pe herumschwe­ifen, denn überall dort, wo das Licht verebbt, scheint etwas im Dunkeln zu lauern. Zugleich fühle ich mich unangenehm ausgestell­t. Ich schalte die Lampe aus, es wird stockfinst­er. Wenn ich den Kopf in den Nacken lege, schimmern Fetzen des Nachthimme­ls durch die Bäume.

Als ich mich auf den Rückweg machen will, bin ich plötzlich orientieru­ngslos. Dabei hatte ich doch genau darauf geachtet, welche Richtung ich eingeschla­gen hatte. Jetzt brauche ich die Lampe, doch ihr Licht zeigt nur unübersich­tliche Streifen von Grün.

Schliessli­ch hole ich das Handy aus dem Rucksack und orte mich. Mithilfe des GPS finde ich zurück auf den Weg. Als ich wieder die Brücke erreiche, welche die Autobahn quert, bleibe ich erleichter­t stehen und blicke eine Weile auf die vorbeiraus­chenden Fahrzeuge. Dann gehe ich weiter, dem Waldrand entgegen.

Etwas später stehe ich in meiner hell erleuchtet­en Wohnung. Vor dem Zähneputze­n spähe ich hinter den Duschvorha­ng, eine alberne Angewohnhe­it. Unsere Hirngespin­ste sind es, die uns Angst machen, geht es mir durch den Kopf. Nicht das, was sich tatsächlic­h nachts im Wald herumtreib­t. Wobei: So genau weiss ich das nicht. Vielleicht hatte ich einfach das Glück, nichts davon begegnet zu sein.

 ??  ?? Der nächtliche Wald ist schön und unheimlich.
Der nächtliche Wald ist schön und unheimlich.
 ??  ?? Noch ist es harmlos hell. Doch bald scheint die Dunkelheit aus dem Dickicht zu kriechen.
Noch ist es harmlos hell. Doch bald scheint die Dunkelheit aus dem Dickicht zu kriechen.
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 ??  ?? Unten rauscht die Autobahn. Irgendwie beruhigend.
Unten rauscht die Autobahn. Irgendwie beruhigend.
 ??  ?? Bäume wie Scherensch­nitte, Sternenhim­mel, schwarze Schatten.
Bäume wie Scherensch­nitte, Sternenhim­mel, schwarze Schatten.
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