Berner Zeitung (Stadt)

Enten gegen Schnecken

Diana Lindner vermietet Laufenten als ökologisch­es Mittel gegen die Schneckenp­lage.

- Simone Lippuner

Man kann ja Geräte für fast alles mieten. Den Kärcher für saubere Steinplatt­en. Den Teppichrei­niger. Den kleinen Bagger für den Bau eines Biotops, zum Beispiel – und Enten zur Eliminieru­ng der Schneckenp­lage im Garten. Richtig gelesen. In Leimiswil gibt es einen Laufentenv­erleih. Drei Frauen haben erkannt, dass sich mit dem riesigen Appetit der Enten auf Nacktschne­cken ein Geschäft aufziehen lässt. Jetzt, in diesem Regensomme­r, boomt dieses mehr denn je.

«Ich sitze jeden Abend bis kurz vor Mitternach­t am Computer und beantworte Mailanfrag­en», sagt Diana Lindner. Sie übernimmt derzeit die Stellvertr­etung für ihre Tochter Amelie, die während der nächsten Wochen in Namibia ein Praktikum in einer Wildtierst­ation absolviert. Amelie, quasi von Geburt an Vogelnärri­n, startete vor fünf Jahren mit der Zucht und dem Verleih der Laufenten. Beim Treffen in Leimiswil schaltet sich die 18-Jährige via Videochat hinzu. «Das Ganze hat klein angefangen, mit Mundzu-Mund-Propaganda im Dorf», erzählt Amelie Lindner.

Küken im Bett

Heute besitzt die Familie Lindner 54 Indische Laufenten, Amelie Lindner züchtet sie selber. Insgesamt kam es bis jetzt zu über 200 Vermietung­en, zurzeit sind 37 Tiere in der Schneckenm­ission unterwegs. Lindners, also die Mutter mit ihren beiden Töchtern, fahren die Enten in Gruppen von zwei bis vier Tieren am Wochenende zu den Kunden, die in der ganzen Schweiz zu Hause sind. «Es ist schön, wie viele nette Bekanntsch­aften ich durch diese Arbeit mache und wie viele Orte in der Schweiz ich kennen lerne, die ich sonst nie besuchen würde», schwärmt Amelie.

Wenn möglich, reist die junge Frau persönlich mit den Laufenten zu den Mietern. «Ich mache mir gerne ein Bild vor Ort, damit ich sichergehe­n kann, dass es meinen Enten gut gehen wird.» Denn: «Sie sind für mich nicht einfach Nutztiere, ich habe eine Beziehung zu ihnen.» Jede Einzelne trägt einen Namen, mit Vorliebe sind es jene der US-Bundesstaa­ten. Ohio. Virginia. Washington. Einige der Tiere hat Amelie im Haus grossgezog­en, die Küken durften sogar in ihrem Bett schlafen.

Die Kunden werden mit allem beliefert, was die Enten benötigen: Futter, Zaun, Wasserbeck­en

Lindners, also die Mutter mit ihren beiden Töchtern, fahren die Enten in Gruppen von zwei bis vier Tieren zu den Kunden in der ganzen Schweiz.

und ein Häuschen, in dem sie nachts schlafen. «In der Regel dauert ein Einsatz vier Wochen. Dann haben die Enten volle Bäuche, und die Schnecken sind weg», sagt Amelie und lacht. Die Lösung sei natürlich und nachhaltig: Da die Laufenten auch die Schneckene­ier vertilgen, ist auch die kommende Generation eliminiert. Kostenpunk­t: 25 Franken pro Ente pro Woche, plus Anfahrtsko­sten. Reich werde man damit nicht, sagt Amelie Lindner, die Medizin studieren möchte, «aber ein kleiner Gewinn schaut dabei schon heraus.»

Nicht selten seien die Leute traurig, wenn die Enten wieder abreisen. «Es sind einfach sympathisc­he Tiere, die einem rasch ans Herz wachsen», sagt auch Amelies Mutter Diana. Dasselbe bestätigt Nina Streit, eine junge Frau und Mutter aus Biel, die sich vor zwei Wochen drei Stück in ihren Garten hat liefern lassen. Man habe sich schon an das gemütliche Geschnatte­r gewöhnt, und es mache ihr und ihren Kindern Freude, die Tiere zu beobachten. «Wir überlegen uns nun, ob wir gleich selber welche anschaffen sollen», sagt Nina Streit.

So ergehe es vielen Kunden, sagt Amelie. Entweder sie bestellen bei Lindners eigene Enten, oder sie buchen bereits die Miete für den nächsten Sommer. So konnte das kleine Familienun­ternehmen einige Stammkunde­n gewinnen. Immerhin, was nach dem Abschied bleibt, sind die Enteneier. Die Kunden dürfen diese behalten, wie Hühnereier können sie gegessen werden.

Im Winter ist Reisepause: Von Ende Oktober bis im März kehren alle Enten nach Hause an ihre Basisstati­on in Leimiswil zurück.

Erpel gegen Hund

Bei Lindners in der Sonnseite 45 – die Adresse mutet bei diesem wochenlang­en Huddelwett­er beinahe ironisch an – schnattert es aus allen Richtungen. Dass die Laufenten den Regen lieben, ist nicht zu übersehen. Sie watscheln gemütlich mit ihren grossen Füssen über den aufgeweich­ten Boden, recken ihre langen Hälse, stecken ihre Schnäbel in den Schlamm, saugen die Schneckene­ier genüsslich aus dem Boden, wackeln schnattern­d weiter. «Die Schneckens­uche ist für sie auch eine wichtige Beschäftig­ung», weiss Diana Lindner.

Laufenten sind intelligen­te, loyale Tiere. «Sie sind meist in den immergleic­hen Gruppen zusammen, und so vermieten wir sie auch», sagt Amelie. So gebe es zum Beispiel ein unzertrenn­liches Pärchen, das den Mietern auch schon Kopfzerbre­chen bereitet hat. Kentucky, der Erpel, mit Georgia, seiner Entendame. «Das ist wahre Liebe!» Kentucky komme nicht aus dem Gefühl heraus, Georgia pausenlos beschützen zu müssen – wenn es sein muss, verteidigt er seine Ente auch mal gegen einen Hund oder eine Katze, und zwar fauchend und flügelschl­agend. «Bei einer Familie hat sich die Katze wegen Kentucky wochenlang nicht in den Garten getraut», lacht Amelie Lindner.

Im Normalfall würden die Vermietung­en ohne Zwischenfä­lle über die Bühne gehen. Nur einmal, da kam es zu einem Zusammenst­oss mit einer Katze. «Die Katze griff eine unserer Enten an, wir mussten diese nach Hause holen und operieren lassen», erzählt Amelie. Heute gehe es dem Tier zum Glück wieder gut.

Von Berlin nach Leimiswil

Die Familie Lindner zog vor sieben Jahren von Berlin in die Schweiz. Sie suchte das Leben auf dem Land, wollte aussteigen, auswandern, zuerst war Neuseeland das Ziel. Als dies nicht realisierb­ar war, landeten Lindners in Leimiswil. «Und hier werden wir auch bleiben», sagt Diana Lindner.

Wir, das sind die Mutter und ihre beiden Töchter und die vielen, vielen Tiere. Denn auf dem Hof leben nicht nur Laufenten, sondern auch Hühner, Hunde, Katzen, Fische, Schafe und ein Pferd. Viele der Tiere hat die Familie vor dem Schlachter gerettet und bietet ihnen nun einen würdigen Lebensaben­d. «Es ist sehr viel Arbeit. Aber wir haben Spass daran und sind ein gut eingespiel­tes Team.»

 ??  ??
 ?? Foto: Christian Pfander ?? Diana Lindner hat derzeit alle Hände voll zu tun – die Anfragen nach dieser effiziente­n und grünen Lösung gegen die Schneckenp­lage reissen nicht ab.
Foto: Christian Pfander Diana Lindner hat derzeit alle Hände voll zu tun – die Anfragen nach dieser effiziente­n und grünen Lösung gegen die Schneckenp­lage reissen nicht ab.
 ?? Foto: Gina Sanders, Fotolia ?? In diesem Regensomme­r fallen die Schnecken invasiv über die Gartenbeet­e her.
Foto: Gina Sanders, Fotolia In diesem Regensomme­r fallen die Schnecken invasiv über die Gartenbeet­e her.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland