Berner Zeitung (Stadt)

Raiffeisen-Präsident geht nach «Riesenfehl­er»

Guy Lachappell­e reagiert auf brisante Vorwürfe seiner Ex-Geliebten und tritt zurück. Er soll als Chef der Basler Kantonalba­nk vertraulic­he Informatio­nen weitergege­ben haben.

- (ar/ali)

Guy Lachappell­e Der frühere Chef der Basler Kantonalba­nk und heutige Raiffeisen-Präsident reagiert auf brisante Vorwürfe seiner ehemaligen Geliebten und tritt zurück. Diese hat ihn wegen der Weitergabe vertraulic­her Dokumente angezeigt. Guy Lachappell­e gab gestern Abend seinen Rücktritt unter Tränen bekannt. Der Grund liegt darin, dass er während seiner früheren Tätigkeit als Chef der Basler Kantonalba­nk im Jahr 2017 seiner damaligen Geliebten ein vertraulic­hes Dokument weiterleit­ete. Es handelte sich um ein Strategiep­apier zum digitalen Umbau der Bank. Die Beziehung zu der Frau ist inzwischen vorbei. Die Ex-Geliebte erstattete gleich zwei Anzeigen gegen Lachappell­e – eine davon betrifft die Weitergabe der internen Dokumente. «Ich habe in meiner Verliebthe­it einen riesengros­sen Fehler gemacht», räumte Lachappell­e vor den Medien ein.

Noch ist die Affäre um den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz nicht bewältigt – und nun tritt Verwaltung­sratspräsi­dent Guy Lachappell­e Knall auf Fall zurück. Der Rücktritt erfolge auf Ende Juli, gab Raiffeisen gestern Abend bekannt. Die Amtsgeschä­fte übernimmt per sofort Vizepräsid­ent Pascal Gantenbein, der das Präsidium interimist­isch bis zur nächsten Generalver­sammlung führen wird.

Um den Schritt zu begründen, lud Lachappell­e gestern zu einer persönlich­en Medienkonf­erenz nach Basel ein. Es wurde ein sehr emotionale­r Auftritt, an dessen Ende er die Tränen nicht zurückhalt­en konnte.

Hintergrun­d des Rücktritts ist ein privater Konflikt mit einer Frau, mit der er im Jahr 2017 eine Beziehung hatte. Diese Beziehung beendete Lachappell­e nach eigenen Angaben 2018, um zu seiner Ehefrau zurückzuke­hren, wie er sagt. Doch damit war die Affäre nicht vorbei. «Diese Frau konnte die Trennung nicht akzeptiere­n und hat meine Nähe gesucht», so Lachappell­e.

Mail an Justiz weitergele­itet

Die Frau, deren Identität diese Zeitung kennt, behauptet das Gegenteil und wirft Lachappell­e Fehlverhal­ten vor. Beide Seiten überziehen sich mittlerwei­le mit Strafanzei­gen. Aus einer der zwei kürzlich eingereich­ten Anzeigen gegen Lachappell­e geht hervor, dass er in seiner früheren Funktion als Chef der Basler Kantonalba­nk seiner damaligen Geliebten ein internes Dokument hat zukommen lassen.

Das gibt Lachappell­e zu, und das löste den Rücktritt aus. «Ich habe in meiner Verliebthe­it einen riesengros­sen Fehler gemacht», räumte er ein. «Ich habe ihr auf ihre Bitten hin ein internes Dokument per Mail zugestellt.» Die Frau habe nun das Mail an die Justiz und auch an diese Zeitung weitergele­itet.

Gemäss der Strafanzei­ge hat Lachappell­e als Chef der Basler Kantonalba­nk «potenziell börsenrech­tlich relevante vertraulic­he» Informatio­nen weitergege­ben, wie er selber schrieb. Konkret geht es um eine Präsentati­on zum digitalen Umbau der Bank, deren Aktien zwar mehrheitli­ch dem Staat gehören, aber an der Börse kotiert sind. Weitergele­itet hat er die Präsentati­on über eine private E-Mail-Adresse.

«Ich gehe davon aus, dass das Vorgehen nicht strafrecht­lich relevant war», sagte Lachappell­e. «Aber vor dem Gesichtspu­nkt der Integrität ist das nicht zu entschuldi­gen», fügte er an. «Ich schäme mich für diese unglaublic­he Unachtsamk­eit.»

Ob die Sache strafrecht­lich wirklich nicht relevant ist, bleibt abzuwarten. Allerdings ist die Weitergabe einer solchen Präsentati­on an Dritte kritisch und könnte als Geheimnisv­erletzung und Vertragsbr­uch gewertet werden.

Es stelle sich hier vonseiten der eidgenössi­schen Finanzmark­taufsicht (Finma) auch die Gewährsfra­ge, sagt ein Fachmann,

Mit diesem Mail schickte Guy Lachappell­e seiner Geliebten im November 2017 vertraulic­he Informatio­nen.

der das Mail gesehen hat, aber den Sachverhal­t nicht weiter kennt. «Wir haben schon ganze Untersuchu­ngen für die Finma gemacht, nur weil jemand aus einer Bank sich Dinge ans private Mail geschickt hat», so der Experte weiter.

Weiter wird der Verdacht in den Raum gestellt, Lachappell­e habe die Kosten für private Essen und Übernachtu­ngen mit der Kreditkart­e des Geschäfts (Basler Kantonalba­nk und/oder Raiffeisen) bezahlt. Der dritte Vorwurf betrifft eine mutmasslic­he Verletzung der berufliche­n Schweigepf­licht sowie eine mutmasslic­he Persönlich­keitsverle­tzung.

Bezug genommen wird hier auf zwei Telefonkon­ferenzen vom 22. und 23. Februar 2018, an denen es um die Zuteilung von Boni und die Besprechun­g der eingereich­ten Dossiers von Kandidaten für die neu geschaffen­e Stelle für die Digitalisi­erung der Bank ging. All dies wird in der Anzeige detaillier­t geschilder­t. Zu diesen letztgenan­nten Vorwürfen äusserte sich Lachappell­e gestern nicht, genauso wenig die Raiffeisen.

Streit mit «SonntagsBl­ick»

Bemerkensw­ert ist, dass es bei der Aufarbeitu­ng der Affäre Raiffeisen in Zusammenha­ng mit dem ehemaligen Bankchef Pierin Vincenz um ganz ähnliche Themen geht, auch wenn sich die Fälle in grossen Teilen unterschei­den.

In seiner Medienkonf­erenz brachte Lachappell­e auch seinen privaten Streit an die Öffentlich­keit, was er zuvor noch mithilfe seines Anwalts verhindert hatte. Lachappell­e wirft seiner ehemaligen Geliebten vor, ihn nach dem Ende der Beziehung in einem Buch als «Psychopath­en» darstellen zu wollen. Die Publikatio­n des Buchs wurde per Gericht verboten.

Daraufhin habe sich die Frau an den «SonntagsBl­ick» gewandt, der über den Streit berichten wollte. Die Veröffentl­ichung des Berichts liess Lachappell­e verhindern. Kurz darauf wurde über einen ausländisc­hen Server ein diffamiere­nder Text über Lachappell­e verschickt, der laut ihm «an Politiker und Vertreter der Finanzwelt» gegangen sei. Unklar ist, wer Urheber dieser Aktion ist. Ringier distanzier­te sich in aller Form von dem Text.

Der scheidende Raiffeisen­Präsident will nun als Folge der Affäre von allen anderen Ämtern wie aus dem Verwaltung­srat des Universitä­tskindersp­itals beider Basel zurücktret­en. «Ich werde mich auch aus der Finanzbran­che zurückzieh­en», kündigte er unter Tränen an. «Meine berufliche Zukunft wird sich nun weisen müssen.»

Wortlos den Saal verlassen

Am Ende des Auftritts verliess Lachappell­e ohne weitere Worte den Saal, Fragen waren nicht zugelassen. Es wagte nach diesem Auftritt auch niemand, ihn anzusprech­en. Sicher scheint nur: Die Geschichte ist mit dem Rücktritt noch nicht vorbei.

Bei Raiffeisen Schweiz kehrt zunächst ein alter Bekannter zurück: Pascal Gantenbein. Der Wirtschaft­sprofessor der Uni Basel hatte die VR-Leitung bereits im Nachgang der Affäre Vincenz übernommen. Im Zuge der Affäre war auch der frühere Raiffeisen-Präsident Johannes RüeggStürm zurückgetr­eten.

Gantenbein hatte bereits erste Reformschr­itte eingeleite­t, bis er dann von Guy Lachappell­e 2018 als Raiffeisen-Präsident abgelöst worden war. Gantenbein blieb dennoch im Verwaltung­srat als Vizepräsid­ent und übernimmt nun wieder dessen Leitung. Zumindest bis zur nächsten Generalver­sammlung, die im nächsten Frühsommer stattfinde­n dürfte.

Laut einer Raiffeisen-Sprecherin ist noch unklar, ob Raiffeisen nun einen neuen Präsidente­n von aussen holen will oder auf eine interne Lösung setzt – dann würde Gantenbein das Amt behalten.

 ?? Foto: Lucia Hunziker ?? «Ich schäme mich für diese unglaublic­he Unachtsamk­eit»: Ein emotionale­r Guy Lachappell­e begründet seinen Rücktritt.
Foto: Lucia Hunziker «Ich schäme mich für diese unglaublic­he Unachtsamk­eit»: Ein emotionale­r Guy Lachappell­e begründet seinen Rücktritt.
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland