Berner Zeitung (Stadt)

Das Leben in einer Streusiedl­ung

Anita Bucher und Hans Künzi zogen für ihre Karriere aus Guggisberg weg. Trotzdem kehren sie immer wieder dorthin zurück. Sie erzählen, was sie mit dem Voralpenge­biet verbindet.

- (red)

Kanton Bern Guggisberg ist eine typische Streusiedl­ung im Berner Voralpenge­biet. Das heisst: Die Gemeinde ist viel grösser als die Fläche, die tatsächlic­h bewohnt ist. Die einzelnen Häuser liegen meist weit auseinande­r, rundherum gibt es viel Natur. Das Wohnen in einer solchen Landschaft hat seine Vor- und Nachteile. Einerseits bringt die Abgeschied­enheit Ruhe und Freiheit mit sich, anderersei­ts schränkt sie auch extrem ein.

Anita Bucher und Hans Künzi haben das selber erlebt. Die Schulkamer­aden sind in Guggisberg gross geworden und dann später für ihre Karriere weggezogen. Ganz losgelasse­n haben sie ihre Heimat aber nie. Noch heute besuchen sie Guggisberg fast wöchentlic­h. Wir treffen die beiden und sprechen mit ihnen über ihre Verbundenh­eit mit der Gemeinde, der Landschaft drumherum und den Häusern, in denen sie aufgewachs­en sind.

Wenn man von Schwarzenb­urg nach Guggisberg hinauffähr­t, wird die Aussicht mit jedem Kilometer besser und die Strasse mit jedem Kilometer verlassene­r. Gleich beim Dorfeingan­g oben auf 1100 Meter über Meer liegt das Restaurant und Hotel Sternen. Von hier aus sieht man das Gantrischg­ebiet, den Jura, den Neuenburge­rsee. Oder wie es Anita Bucher sagt: «Gefühlt die halbe Schweiz.» Obwohl die gebürtige Guggisberg­erin daraufhin lacht, wird schnell klar: Dieser Ort bedeutet ihr viel.

Im Sternen trifft die 45Jährige ihren um ein Jahr älteren Schulkamer­aden Hans Künzi. Eigentlich kennen sich die beiden nicht so gut. Sie besuchten in Guggisberg zusammen die Unterstufe, dann gingen sie getrennte Wege. Heute wohnen sie nicht mehr hier. Anita Bucher und Hans Künzi sind in Guggisberg aufgewachs­en und dann weggezogen für ihre Ausbildung und später den Beruf. Denn der Preis der schönen, dünn besiedelte­n Landschaft ist die Abgeschied­enheit. Sie kann sowohl Neuzuzüger abschrecke­n als auch Einheimisc­he forttreibe­n. Die Möglichkei­ten in einem so abgelegene­n Gebiet sind begrenzt. Trotzdem ist Anita Bucher jede Woche, Hans Künzi sicher jede zweite Woche «hier oben», wie sie ihre Heimat immer wieder nennen. Zu viel Abstand zu Guggisberg vertragen sie dann doch nicht.

Distanzen kosten Geld

Draussen fängt es an zu regnen, während Anita Bucher und Hans Künzi drinnen im JoggeliStü­bli des Sternen versuchen, in Worte zu fassen, warum es sie regelmässi­g hierherzie­ht. «Ich glaube, ich verbinde diesen Ort einfach mit Freiheit», sagt Künzi. Bucher nickt zustimmend. Wenn sie in Guggisberg aus dem Postauto steige, habe sie das Gefühl, besser atmen zu können. Und das, obwohl die Gemeinde mit dem Auto 40 Minuten von Bern entfernt ist, kaum Einkaufsmö­glichkeite­n hat und nur das stündliche Poschi einen Anschluss an den öffentlich­en Verkehr bietet.

In Guggisberg gibt es kein klassische­s Zentrum, denn die Gemeinde ist ein typisches Streusiedl­ungsgebiet. Das heisst, die einzelnen Häuser – meist alte Höfe – liegen tendenziel­l weit auseinande­r. Um diese Verstreuun­g zu verdeutlic­hen: Die Gemeinde ist fast vierzigmal grösser als die Fläche, die tatsächlic­h bewohnt ist. Der Rest ist, wie es auf der Gemeindewe­bsite treffend steht, «viel, viel Natur pur».

Bis 1900 wohnten in Guggisberg noch fast 3000 Menschen, heute sind es noch halb so viele. Ursprüngli­ch wurden die Einzelhöfe gebaut, um Landwirtsc­haft zu betreiben. Die meisten Bauernfami­lien versuchten, sich selbst zu versorgen, und waren folglich auch nicht auf ein Dorfzentru­m oder Nachbarn angewiesen. Doch sobald eine Ernte mal nicht ergiebig war oder gar ausfiel, ging es den Guggisberg­ern schlecht.

Lange hatte die Gemeinde mit Armut und mehreren Hungersnöt­en zu kämpfen. Obwohl das heute nicht mehr der Fall ist, hat die Siedlungsf­orm noch immer einen Einfluss auf die Gemeindefi­nanzen. Die Wasservers­orgung, die Abwasseren­tsorgung, der Unterhalt der Schulhäuse­r sowie das Strassen und Wegnetz von rund 90 Kilometern: Die grossen Distanzen kosten Geld.

Weniger Landwirtsc­haft

Anfang der 1940erJahr­e wurde auf fast 327 Bauernhöfe­n in Guggisberg noch Landwirtsc­haft betrieben, letztes Jahr nur noch auf 107. Über 200 ehemalige Höfe wurden also entweder umgenutzt oder verkauft. Anita Bucher und Hans Künzi wuchsen in Bauernhäus­ern auf, in denen bereits mehrere Generation­en ihrer Familie gelebt hatten. Selber waren die beiden aber nicht mehr landwirtsc­haftlich tätig.

Das Elternhaus von Anita Bucher bewohnen heute ihr Bruder und ihre Mutter. Sie besucht die beiden mindestens einmal die Woche von Schwarzenb­urg aus, wo sie lebt und arbeitet. Würde im alten Bauernhaus eines Tages Platz frei werden, könnte sie sich vorstellen, wieder einzuziehe­n. «Eigentlich bin ich nur weg, weil es damals schwierig war, hier eine für mich geeignete Mietwohnun­g zu finden», sagt sie. Das Wohnen in Schwarzenb­urg sieht Bucher als Kompromiss­lösung. «Viel weiter weg von Guggisberg würde ich nur ungern gehen.» Auch nicht für einen Job.

Hans Künzi wohnt mit seiner Familie seit einigen Jahren in Wohlen. Dort ist er zwar zufrieden, doch Guggisberg fehlt ihm trotzdem. Sein Elternhaus steht leer, er nutzt es momentan als eine Art Ferienwohn­ung. Mehrmals im Monat kommt er hierher, trifft sich mit Freunden im Sternen, übernachte­t auch manchmal. «Ich sehe schon, welche Vorteile es hat, in Wohlen zu leben, gerade mit einer Familie. Aber ich würde gern beispielsw­eise nach der Pension zurück nach Guggisberg kommen», sagt er. Und fügt hinzu: «Wenn meine Frau das mitmacht.»

Als Anita Bucher und Hans Künzi Kinder waren, gab es rund um den Sternen noch Läden, eine Bäckerei, einen Schuhmache­r. Mittlerwei­le sind all diese Geschäfte zu, sie waren entweder nicht mehr rentabel, oder es konnte keine Nachfolge gefunden werden. «Ohne Auto ist man hier schon etwas aufgeschmi­ssen», sagt Bucher. Viele Guggisberg­er seien das gewohnt, denn bereits als Jugendlich­e habe man sich organisier­en müssen, wenn man mal irgendwo ausserhalb der Gemeinde in den Ausgang gewollt habe. Besonders für ältere Menschen könne die Abgeschied­enheit aber sehr schwierig sein. Künzi stimmt ihr zu: «Ich glaube, man muss von hier sein, um die weiten Wege auf sich nehmen zu wollen.»

Wenn die beiden von den Opfern sprechen, die sie für ihre Liebe zu Guggisberg bringen mussten, tönt alles nur halb so mühsam. Doch was ist ihre Motivation, immer wieder hierher zurückzuke­hren? Wirklich nur das Freiheitsg­efühl?

Verwurzelt durch Vorfahren

«Ich fühle mich mit dem Land verbunden, das bereits meinen Eltern und Grosselter­n gehört hat», sagt Hans Künzi. Das Haus sei Teil seiner Familienge­schichte. Er habe grossen Respekt davor, wie seine Grosselter­n hier acht Kinder gross gezogen hätten.

«Ich glaube, man muss von hier sein, um die weiten Wege auf sich nehmen zu wollen.»

«Wenn deine Vorfahren schon hier lebten, dann fühlst du dich hier wohl viel eher zu Hause», sagt Anita Bucher. Es gebe ab und zu Menschen von ausserhalb, die sich in Guggisberg einen Hof kaufen würden, weil sie bewusst die Abgeschied­enheit und die Nähe zur Natur suchten. Sie könne aber nicht beurteilen, wie viele von diesen dann auch bleiben würden. «Dafür muss man entweder einfach leben können und wollen oder genügend Geld für eine Renovation zur Verfügung haben», sagt sie.

Für viele Guggisberg­er ist es aus dem gleichen Grund nicht einfach, den alten Familienho­f zu unterhalte­n. Oft sind die Gebäude in die Jahre gekommen, doch eine Sanierung mit neuen Energiesta­ndards kostet viel. «Viele würden wahrschein­lich einen Teil des Hauses vermieten» sagt Anita Bucher. Doch es ist fraglich, ob die möglichen Mietzinsei­nnahmen hier oben die Sanierungs­kosten decken würden. Ein Haus ganz verkaufen, das bringen dafür die meisten Eingeboren­en nicht übers Herz. Ausserdem stellt sich die Frage, ob es überhaupt jemand kaufen würde. Denn die schöne Landschaft reicht nicht aus, um Zuzüger anzulocken, die keine Bindung zum Ort haben.

Wird die Gemeinde eines Tages ganz aussterben? Die ehemaligen Schulkamer­aden schütteln den Kopf. «Verheerend wäre aber, wenn der Sternen jetzt auch noch zuginge», sagt Hans Künzi und schmunzelt. Nachdem Anita Bucher sich wieder auf den Weg zurück nach Schwarzenb­urg gemacht hat, bestellt er sich noch ein Bier und gesellt sich zu einer Gruppe von Männern, die in der Gaststube sitzen.

Hans Künzi

Wuchs in Guggisberg auf

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Foto: Christian Pfander Hans Künzi und Anita Bucher vor dem Schulhaus (rechts), in dem sie zusammen die Unterstufe besuchten.
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Archivfoto: Burgerbibl­iothek Bern Eine alte Fliegerauf­nahme vom Dorfeingan­g mit dem Sternen (zweites Gebäude auf der linken Strassense­ite).
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Archivfoto: Eugen Thierstein (Burgerbibl­iothek Bern) Im 20. Jahrhunder­t war das Reisen innerhalb der Streusiedl­ung noch zeitaufwen­diger.

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