Berner Zeitung (Stadt)

Eine Stadt wartet aufnoch mehr Wasser

DerPe geldes Vier wald stätterse es steigt und steigt. Kommt die Stadt mit einem Schrecken davon? Oder ergiessen sich die Fluten in die Altstadt?

- Leo Eiholzer,

Unruhig läuft Giuseppe Catania vor seinem Laden auf und ab. Er schaut aufs Handy, versucht erfolglos, jemanden anzurufen, steckt das Handy wieder in die Hosentasch­e. Er springt über eine Pfütze und schaut über die Sandsäcke in die Reuss: Ist der Wall genügend hoch? Oder kommt das Wasser doch?

Catanias Geschäft, ein kleines Take-away-Lokal für italienisc­he Patisserie, liegt hinter ihm im Dunkeln. «Ich musste es vorgestern schliessen, als ich dachte, das Wasser steigt gleich über das Flussbord», sagt Catania. Die Eingangstü­r ist nur wenige Meter von der Reuss entfernt, mitten in der Luzerner Altstadt. Von einem Maurer hat er die Tür mit einer etwa 30 Zentimeter hohen Metallplat­te blockieren lassen, auf der Seite abgedichte­t. Sollten die Sandsack-Barrikaden der Feuerwehr überschwem­mt werden, wäre das die letzte Verteidigu­ngslinie. Empfindlic­he Möbel hat er hoch gelagert. Nur den Strom konnte Catania nicht abschalten, da ohne Kühlung seine Produkte verderben.

Er hat alles Menschenmö­gliche vorbereite­t, trotzdem steht der Sizilianer gestern Morgen hier an der Reuss. «Ich bin nervös. Ich muss immer wieder kommen und schauen, was der Fluss macht.»

So geht es zurzeit der halben Stadt. Die Reuss hat an der Luzerner Messstelle schon vor Tagen die oberste Hochwasser-Gefahrenst­ufe erreicht. Der Vierwaldst­ättersee knackte die Marke gestern Morgen. Schon seit Wochenbegi­nn errichtete die Feuerwehr Sandsackwä­lle entlang der Reuss und legte grosse orange Wassersper­ren einige Meter hinter dem Seeufer. Am Mittwochab­end schien alles bereit. Das Wasser lag maximal eine Handbreit unter den Sandsackwä­llen – und in Luzern begann ein merkwürdig­es Warten auf die Katastroph­e.

Haare schneiden bis zuletzt

Hier am Rand der Alpen kommt das Wasser nicht als Sturmflut wie im Nordwesten Deutschlan­ds. Der Vierwaldst­ättersee vor der Stadt fängt das Wasser zunächst auf. In Luzern steigt der Pegel langsam, von Auge nicht sichtbar.

Touristen und Einheimisc­he sassen am Mittwochab­end noch im Freien vor den Luxusresta­urants direkt an der Reuss und assen mehrgängig­e Menüs – Auge in Auge mit dem Fluss, der hier eigentlich bald alles überspülen sollte. Gäste einer Hotelbar an der Kapellbrüc­ke drückten einem einsamen Feuerwehrm­ann, der noch einige Sandsäcke zurechtrüc­kte, ein Getränk in die Hand. Für die Nacht waren erneut schwere Niederschl­äge angesagt. Obwohl der Fluss nur langsam stieg, verkündete­n die schweren Schritte von Feuerwehrs­tiefeln auf der Kapellbrüc­ke die Botschaft: Die Überschwem­mung kommt.

Doch in der Nacht regnete es weniger als befürchtet. Theo Honermann, Kommandant der Luzerner Feuerwehr, sagt gestern Morgen am Telefon: «Die Situation ist momentan so, dass wir mit einem blauen Auge davonkomme­n könnten.» Doch genau weiss es niemand, denn der Pegel steigt verzögert. Erst muss das Wasser aus den Urner Bergtälern in den Vierwaldst­ättersee und von dort in die Reuss fliessen. Auch die Nobelhotel­s und Bars an der Reuss haben ihre eigenen Hochwasser­sperren aufgebaut. Die Namen «Du Pont» oder «By the River» sind plötzlich zum Fluch geworden.

Ein paar Meter neben dem Fluss werden noch Haare geschnitte­n. Das Coiffeurge­schäft am Rathausqua­i ist geöffnet. Man muss zwar einen grossen Schritt über eine der mittlerwei­le allgegenwä­rtigen Sperren aus Metall machen, doch im Lokal selbst sieht alles normal aus. Fast. Einige Möbel stehen auf Stelzen aus Holz, die untersten Regale sind leer geräumt. Im Fussboden sind Schächte geöffnet, aus denen Schläuche ins Freie führen. In den Schächten verbergen sich Pumpen. «Wir können sie einfach nur einschalte­n, sollte das Wasser hereinkomm­en», sagt Nadine Heer. Zugemacht wird erst, wenn das Wasser in den Laden schwappt –

für den Heimweg lägen Gummistief­el bereit.

Die erste Kundin des Tages macht einen Sprung über die improvisie­rte Sperre in der Tür. Sie sagt, sie komme aus den Bergen und habe schon ganz andere Hochwasser gesehen. Von ein bisschen Flutgefahr lässt sie sich den Haarschnit­t nicht vermiesen.

Anspannung und Neugier

Die Schläuche und Pumpen sind eine Lehre aus dem Jahr 2005. «2005», eine Chiffre, die in diesen Tagen durch die Stadt geistert. Man hört davon auf der Kapellbrüc­ke, in Geschäften, am Seeufer. Damals traten Ende August Reuss und See über die Ufer. Die Altstadt lag unter Wasser, der Verkehr brach komplett zusammen. Die zentrale Verkehrsad­er, die Seebrücke, konnte erst nach sechs Tagen wieder geöffnet werden. Einige schwammen oder fuhren mit dem Boot durch die Stadt. Zahlreiche Gewerbler verloren ihr Hab und Gut.

Damals wurde man überrascht von den Wassermass­en, heute sei man viel besser vorbereite­t, heisst es in Luzern überall, auch bei den Ladenbetre­ibern. Die Stimmung ist dennoch angespannt. Mindestens bei den Direktbetr­offenen. Bewohnerin­nen und Bewohner anderer Stadtquart­iere betrachten die Situation eher mit Neugier. Die Feuerwehr rief bereits dazu auf, die Menschen sollten nicht unnötig an die Ufer gehen.

Parmelin ist überall

Wirklich Angst hat in Luzern kaum jemand. Man spürt, dass es hier wohl nicht um Menschenle­ben geht. Aber um tagelanges Pumpen, um hineingesp­ülten Sand in den Läden und um Streit mit der Versicheru­ng.

Dass es dennoch ernst ist, das zeigt ein Tross, der sich gestern durch die Altstadt wälzt. Ganz vorne Bundespräs­ident Guy Parmelin mit zwei Regierungs­räten und anderen Würdenträg­ern, dahinter gut zwei Dutzend Journalist­en. Parmelin, durch einen Schirm – den ihm jemand stets über den Kopf hält – vor dem Regen gut geschützt, ist auf einer Unwetter-Tour. Am Morgen war er in Biel, nach der Stadt Luzern folgt ein Stopp am Hallwilers­ee und danach der Kanton Zug. In der Luzerner Altstadt dankt Parmelin den Einsatzkrä­ften und sagt, man habe die Situation sicher besser antizipier­t als die Überschwem­mungen von 2005: «Prävention ist die Massnahme.»

Sascha Müller, Chef der Berufsfeue­rwehr, wirkt am Nachmittag auf der anderen Seite des Flusses noch recht entspannt. Er steht am Touristen-Hotspot Schwanenpl­atz, mit dem Funkgerät im Anschlag. Seine Leute bauen hier vor den Filialen von Julius Bär und Juwelier Bucherer eine zweite Sperre auf. Die mit Wasser gefüllten orangen Beaver-Schläuche sollen verhindern, dass das Wasser vom See über den Schwanenpl­atz in die Altstadtga­ssen fliesst. «Es ist schwierig, zu sagen, wie weit das Wasser reichen würde. Aber das Gelände ist abschüssig, und dahinter liegt zum Beispiel eine Parkgarage, die volllaufen könnte», sagt Müller. Seine Leute sind seit Montag im Dauereinsa­tz. «Die meisten sind Miliz-Feuerwehrl­eute», sagt Müller. «Sie leben momentan nach dem Rhythmus: acht Stunden Feuerwehr, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf.»

Am Nachmittag meldet die Stadt Luzern per Communiqué, der Pegel des Sees liege nun noch zwölf Zentimeter unter der Marke, bei der er sich auf den Schwanenpl­atz ergiesse. Die Wetterprog­nosen liessen derzeit zwar «vermuten», dass dieser Pegelstand nicht überschrit­ten werde, schreibt die Stadt. Aber auszuschli­essen sei es auch noch nicht.

Das Bangen in Luzern geht weiter. billigste

«Es ist schwierig, zu sagen, wie weit das Wasser reichen würde.»

Sascha Müller

Chef der Berufsfeue­rwehr Luzern

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Feuerwehrl­eute sind am Ufer der Reuss im Dauereinsa­tz – hier bei der Kapellbrüc­ke, dem Wahrzeiche­n von Luzern.
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Fotos: Keystone
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Ein überflutet­er Garten in Ipsach am Bielersee.
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