Berner Zeitung (Stadt)

Fluten zerstören ein Dorf in der Eifel

In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sind bei Unwettern mehr als 50 Menschen gestorben.

- Berlin Dominique Eigenmann,

Improvisie­rter Steg für Passanten in Stansstad.

Am schlimmste­n traf es ein Dorf namens Schuld. Der 700-SeelenOrt liegt in einem Tal der Eifel, durch das die Ahr fliesst, etwa auf halber Höhe zwischen Bonn und Koblenz. Bei Schuld bildet die Ahr, die normalerwe­ise ein friedliche­s Flüsschen ist, eine Schlaufe.

In der Nacht auf gestern verwandelt­e sich die Ahr nach sintflutar­tigen Regenfälle­n in ein reissendes Ungeheuer, dessen braune Fluten alles mit sich fortrissen und das Dorf weitgehend zerstörten. Das Wasser stieg so schnell, dass bis zu 100 Menschen sich nur noch auf die Dächer ihrer Häuser retten konnten. Viele harrten die Nacht über dort aus, im Ungewissen darüber, ob und wann Rettung kommen würde.

Dutzende werden vermisst

Am Morgen zeigten Aufnahmen aus der Luft das Ausmass der Zerstörung: Vier Häuser waren unter den Fluten eingestürz­t, zwei mindestens zur Hälfte. Viele Strassen waren unterspült, das Dorf vom Verkehr, vom Strom und vom Mobilfunkn­etz abgeschnit­ten. Der rheinland-pfälzische Innenminis­ter Roger Lewentz (SPD) schätzte am Mittag die Zahl der zerstörten Häuser in Schuld auf 100.

Mindestens zwei Brücken wurden weggerisse­n, zehn Schulen überflutet, vier Altersheim­e mussten evakuiert werden. Die Fluten waren lange derart reissend, dass auch Boote keine Rettung bringen konnten. 50 Menschen wurden schliessli­ch aus der Luft von ihren Dächern gerettet.

Am Nachmittag teilte die Polizei mit, dass im Kreis Ahrweiler, zu dem Schuld gehört, mindestens 18 Menschen in den Fluten gestorben seien. 50 bis 70 würden noch vermisst. Allerdings sei bei den Vermissten zum Teil nicht klar, ob sie nicht bei Nachbarn untergekom­men oder in den Ferien seien.

Jürgen Pföhler, der Landrat von Ahrweiler, sprach von der grössten Katastroph­e für seinen Landkreis seit dem Zweiten Weltkrieg. Nicht nur viele Gebäude, sondern auch grosse Teile der Infrastruk­tur seien zerstört, etwa die Trinkwasse­rversorgun­g.

Freilich wurde nicht nur die Eifel verwüstet, betroffen war vielmehr ein Tausende Quadratkil­ometer grosses Gebiet, das vom westfälisc­hen Sauerland und dem Bergischen Land bis in die Eifel, zum Grossraum Köln/ Bonn und zur Grenze nach Belgien und Luxemburg reicht. Das Hochwasser verheerte nicht nur Dörfer wie Schuld oder Euskirchen, sondern erfasste auch grosse Städte wie Hagen, Wuppertal, Solingen, Leverkusen, Essen, Köln, Bonn oder Trier.

Historisch­e Höchststän­de

Teilweise fielen in kurzer Zeit bis zu 150 Liter Wasser pro Quadratmet­er. Nicht nur Flüsschen verwandelt­en sich dabei in Monster, auch Flüsse schwollen bedrohlich an. An den Zuflüssen der Mosel etwa wurden historisch­e Höchststän­de gemessen, mehrere Talsperren drohten zu brechen. Immerhin dürfte sich gemäss Prognosen die Wetterlage in den kommenden Tagen entspannen.

Bis am Abend wurden im gesamten Gebiet mehr als 50 Todesopfer gezählt, unter ihnen mehrere Feuerwehrl­eute. Mindestens fünf Menschen ertranken in überflutet­en Kellern. Etwa 200’000 Menschen waren ohne Strom. In Leverkusen musste ein ganzes Spital mit fast 500 Menschen evakuiert werden.

Die Bundeswehr eilte mit 400 Mann zu Hilfe, vor allem in Schuld und Hagen, und brachte schweres Gerät mit: Bergepanze­r, Amphibienf­ahrzeuge, Ambulanzen und Helikopter. Ähnliche Hilfe kam aus Baden-Württember­g, Hessen, Bayern und Hamburg sowie von der Bundespoli­zei.

Dreyer und Laschet vor Ort

Die rheinland-pfälzische Ministerpr­äsidentin Malu Dreyer (SPD) und ihr nordrhein-westfälisc­her Amtskolleg­e Armin Laschet (CDU) beriefen sofort ihre Krisenstäb­e ein und brachen ins Unwetterge­biet auf, um sich selbst ein Bild zu machen. Man sei sich Hochwasser gewohnt, sagte die Ministerpr­äsidentin. «Aber so eine Katastroph­e haben wir noch nicht gesehen.»

Laschet, der nicht nur CDUChef, sondern auch Kanzlerkan­didat der Union für die Bundestags­wahl ist, hätte gestern an einer gemeinsame­n Wahlklausu­r mit der CSU in Bayern teilnehmen sollen. Als er von den Unwettern hörte, sagte er ab und kehrte nach Westdeutsc­hland zurück. In Altena und Hagen versprach er den Betroffene­n Unterstütz­ung und bedankte sich bei den Rettungskr­äften.

Er sei nicht als Wahlkämpfe­r hier, hielt Laschet vorsorglic­h fest, sondern als Ministerpr­äsident seines Landes. Allerdings brachen auch die grüne Kanzlerkan­didatin Annalena Baerbock und SPD-Kandidat Olaf Scholz sogleich ihre Ferien ab. Kanzlerin Angela Merkel übermittel­te vor ihrem Besuch bei US-Präsident Joe Biden den Betroffene­n ihr Mitgefühl. Finanzmini­ster Scholz kündigte umfassende Bundeshilf­en an.

«Mehr Tempo»

Die grüne Spitzenpol­itikerin Katrin Göring-Eckardt sah in den Unwettern ein Alarmzeich­en: «Das sind schon Auswirkung­en der Klimakatas­trophe», sagte sie bei RTL. «Das ist schon da, das ist schon hier bei uns.» Sie rief dazu auf, «nun dringend Veränderun­g herbeizufü­hren».

Laschet, der christdemo­kratische Konkurrent, äusserte sich fast gleich. Die Häufung von Starkregen- und Hitzeepiso­den sei «verbunden mit dem Klimawande­l», sagte er in Hagen. «Das bedeutet, dass wir bei den Massnahmen zum Klimaschut­z mehr Tempo brauchen – europäisch, bundesweit, weltweit.»

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Foto: Michael Probst (Keystone) Von der Ahr zerstörte Häuser: Das Dorf Insul bei Schuld in Rheinland-Pfalz.

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