Berner Zeitung (Stadt)

Sie holen sich, was sie wollen

Teile des Landes versinken in Anarchie, mehr als 100 Menschen wurden getötet. Die Bürger fragen sich, was echte Wut ist – und was organisier­te Gewalt.

- Bernd Dörries,

«Was ist das für ein Land?», fragt Christina Zvinteriko­s und schaut durch die grosse Glastür nach draussen. Sie schaut auf die Hauptstras­se von Durban, der Küstenstad­t im Osten Südafrikas, sie schaut auf Menschen, die in Einkaufswa­gen das abtranspor­tieren, was es noch zu klauen gibt in den Supermärkt­en.

Sie schaut auf einen Mann, der einen neuen Lederschuh aus den Müllbergen am Strassenra­nd holt und überlegt, was man mit der einen Hälfte eines Paars anfangen kann. Und sie blickt auf den Typen mit den bunten Shorts gegenüber an der Bushaltest­elle. «Sobald wir weg sind, kommt er», sagt Zvinteriko­s. Sie trägt ein blau kariertes Kleid, flache Lederschuh­e und eine schwarze Hornbrille, sitzt auf einem roten Barhocker aus Metall, neben ihr der Onkel und die Nichte. Dahinter zwei kurze Stahlstang­en.

Vor 16 Jahren hat Christinas Familie den Imbiss eröffnet – in dem Jahr, in dem sie geboren wurde. Das Geschäft lief gut, Studenten kamen und die Leute aus den Büros. Jetzt schaut die Familie auf eine verwüstete Innenstadt, Rauch weht aus den Häusern, die Strassen sind voller Müll und Wasser, das aus zerstörten Rohren fliesst. Der Imbiss ist, soweit man das überblicke­n kann, der einzige Laden in der ganzen Hauptstras­se der Millionenm­etropole, der die letzten Tage einigermas­sen unversehrt überlebt hat.

Auch, weil die Familie Tag und Nacht in ihrem Laden sitzt, direkt vor der Glasscheib­e und schreit und mit den Eisenstang­en wedelt, wenn der plündernde und brandschat­zende Mob wieder durch die Strassen tobt. Einmal nachts haben sie die Glasscheib­e eingetrete­n und waren dabei, in den Laden zu kriechen durch das Loch; da hat die Mutter so viel Lärm gemacht, dass sich die Angreifer lieber ein anderes Ziel suchten, es gibt ja genug – überall in der Stadt wurden die Supermärkt­e leer geräumt und angezündet, die Lagerhalle­n und die Fabriken.

Das ungleichst­e Land

Teile von Südafrika erleben gerade etwas, was viele nicht für möglich gehalten haben: eine Welle von Gewalt mit bisher 117 Toten, Hunderten geplündert­en und angezündet­en Supermärkt­en, Logistikze­ntren und Fabriken. Es ist ein unerwartet­es Inferno, das der Urangst der vor allem weissen Mittel und Oberschich­t entspricht: Was, wenn die einmal kommen und sich das holen, was sie wollen?

Als das ungleichst­e Land der Welt hat die Weltbank Südafrika einmal bezeichnet; es ist ein Land, in dem es sich für die Mittelschi­cht wohl so gut leben lässt wie in kaum einem anderen, mit eigenem Häuschen und Garten und Swimmingpo­ol. Ein paar Meter weiter hausen Millionen in Blechhütte­n.

Es hatte am Donnerstag begonnen mit eher kleinen Protesten von Anhängern von Jacob Zuma, dem ExPräsiden­ten, der das Land in den neun Jahren seiner Amtszeit fast ruinierte, der mit seiner korrupten Clique Milliarden Franken klaute und der nun zum ersten Mal ins Gefängnis musste, was seine Anhänger für keine gute Idee hielten. Dass er überhaupt noch so viele hat nach all den desaströse­n Jahren, ist ein Wunder. Aber er gab sich gern als Mann der kleinen Leute, tanzte und sang und witzelte; er gilt als volksnah und hat das Volk doch gleichzeit­ig bestohlen.

Seine Leute sperrten erst ein paar Strassen und zündeten einige LKW an in der Provinz KwaZuluNat­al, aus der Zuma stammt. Womöglich war es der Funke, auf den viele schon lange gewartet hatten. Es mangelt ja nicht an Gründen, in Südafrika wütend zu sein: Die Arbeitslos­igkeit liegt bei offiziell 32 Prozent, die aber ziemlich optimistis­ch wirken, Millionen leben in Armut, dazu kamen Corona und die ständigen Lockdowns, gerade wurde schon wieder der Alkohol verboten.

Um sieben Uhr am Abend seien sie gekommen, sagt der Wachmann, der seinen Namen nicht nennen will. Zu dritt waren die Sicherheit­sleute vor dem MakroMarkt – etwa 150 Schuss hätten sie gehabt, Kugeln, die aus der Nähe tödlich sind, aber nicht aus der Distanz. Als sie aufgebrauc­ht waren, stürmte der Mob auf das Gelände, hatte der Wachmann ein Messer am Hals. Irgendwie hat er es überlebt.

Einen Tag später steht er wieder auf dem Parkplatz des Geländes, das aussieht wie ein Kadaver, der völlig abgenagt wurde. Früher hatten die Parkplätze Dächer mit Solarzelle­n drauf, jetzt stehen nur noch die Stützen da. Der Wachmann steht in einem Matsch aus durchnässt­en Verpackung­en, weil vieles offenbar direkt vor Ort verzehrt wurde. Übrig geblieben ist eine Dose Katzenfutt­er mit Lammgeschm­ack.

Es mangelt nicht an Gründen, in Südafrika wütend zu sein.

Sicherheit ist Privatsach­e

Auf der anderen Strassense­ite sind die Plünderung­en noch in vollem Gang. Ein paar Frauen kommen durch das Loch im Zaun aus einem anderen Einkaufsze­ntrum, sie haben ein paar Campingmat­ratzen dabei, die sie in ein wartendes Taxi verladen. Eine junge Frau sagt, sie habe gerade ihren Job in genau jenem Einkaufsze­ntrum verloren, das sie nun beklaue. Sie lassen sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als ein Schuss zu hören ist. «Die Polizei muss jetzt eingreifen», sagt Mxolisi Kaunda, der Bürgermeis­ter von Durban. Er steht im Hof der Polizeista­tion des Stadtteils Phoenix, hinter ihm steigt eine Rauchwolke auf.

Kaunda stellt sich den Fragen von Vertretern des Stadtteils, Gemeinderä­ten und politisch Aktiven. In den vergangene­n Nächten gab es in Phoenix auch Spannungen zwischen indischstä­mmigen und schwarzen Südafrikan­ern – sechs Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Der Bürgermeis­ter bittet darum, den Hass der sozialen Netzwerke zu ignorieren und miteinande­r zu sprechen. «Wo bleibt die Armee?», fragen die Bürger. «Wer schützt uns vor der Gewalt?» Eine wirkliche Antwort gibt es nicht. Letztlich sagt der Bürgermeis­ter: «Ihr müsst euch vor allem selbst helfen.»

Und so geschieht es ja auch in der Region KwaZuluNat­al und in der Umgebung von Johannesbu­rg. Die Unruhen haben in ihrer Heftigkeit viele überrascht, unvorberei­tet haben sie die Bürger nicht getroffen. Südafrika ist ein Land, in dem kaum jemand noch damit rechnet, dass die Polizei kommt, wenn man sie ruft.

Sicherheit ist Privatsach­e geworden. Es gibt 200’000 Polizisten, aber doppelt so viele Mitarbeite­r von Wachdienst­en, die teils hoch bewaffnet durch die Wohnvierte­l patrouilli­eren. Dazu kommen Nachbarsch­aftswachen. Die Wohngebiet­e haben die Plünderer noch nicht erreicht, aber wer weiss, ob es dabei bleibt. Der Schaden allein in der Region Durban betrage etwa 870 Millionen Franken, schätzungs­weise 120’000 Arbeitsplä­tze seien gefährdet, sagt der Bürgermeis­ter. Es werde vor allem die Ärmsten treffen.

Blutkonser­ven geplündert

Warum zerstören so viele ihre eigene Existenz? Die Supermärkt­e, in denen sie in den nächsten Tagen nicht mehr einkaufen können? Es ist die Frage, die man sich überall stellt in Durban. Und es wurde ja nicht nur geplündert, was sich essen oder trinken lässt oder irgendwie verkaufen. In einer Klinik fehlen die Blutkonser­ven, in einer anderen sollen die Plünderer Ultraschal­lgeräte mitgenomme­n haben.

Was fängt man damit an? Mehr als 100 Mobilfunkm­asten sollen zerstört worden sein. Der Geheimdien­st berichtet von Angriffen auf die Strom und die Trinkwasse­rversorgun­g. Die Gewalt sei orchestrie­rt, sagt Polizeimin­ister Bheki Cele, man habe eine Liste von zwölf Hintermänn­ern, die viele Proteste organisier­t hätten, um den Staat zu destabilis­ieren.

Zuma war früher einmal der Chef des Geheimdien­stes des

ANC und Mitglied des bewaffnete­n Arms der Partei, dessen Veteranen heute zu seinen treusten Unterstütz­ern gehören. Zu Zeiten der Apartheid taten sie alles, um den Staat zu untergrabe­n – mit Anschlägen und Sabotage.

Viele Experten sehen in den Protesten auch ihre Handschrif­t. «Frieden und Stabilität in Südafrika hängen direkt von der unverzügli­chen Freilassun­g von Jacob Zuma ab», twittert die Stiftung des ExPräsiden­ten. Man kann es als Drohung lesen. Zumas Nachfolger Cyril Ramaphosa hat versproche­n, die Korruption im ANC zu bekämpfen und auch jetzt nicht klein beizugeben. Seine Minister schwärmten am Mittwoch aus und sagten, dass die Lage einigermas­sen unter Kontrolle sei, zumindest nicht schlimmer werde.

In der Hauptstras­se von Durban hat die Mutter von Cristina Zvinteriko­s den Wachdienst. In der Nacht ist wieder der Mob durch die Strasse gestürmt, hat den SparSuperm­arkt um die Ecke geplündert und Häuser angezündet. Die Mutter hofft dennoch, dass sie in ein paar Tagen wieder öffnen könne, die Leute müssten ja essen, und ihre 15 Angestellt­en brauchen ein Auskommen. Ein paar Meter weiter kehren die Nachbarn den Dreck vom Gehweg, die ersten Kioske öffnen. Und ganz am Ende der Strasse, an der Strandprom­enade, laden die ersten Surfer ihre Bretter von den Dachträger­n. So schnell lässt sich dieses Land nicht kleinkrieg­en.

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Foto: Keystone Hunderte Supermärkt­e wurden geplündert und angezündet: Ein Polizist versucht in der Küstenstad­t Durban, Plünderer zu stoppen.
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Grafik: mrue

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