Berner Zeitung (Stadt)

«Sie sagten, der Mann ohne Beine sei zu schnell»

Der Leichtathl­et kämpft darum, bei den Unversehrt­en starten zu dürfen.

- Christian Brüngger

Er ist der Nachfolger eines Stars, der zum Paria wurde: Blade Runner Oscar Pistorius. Der Südafrikan­er durfte als erster und einziger ParaLeicht­athlet 2012 an Olympische­n Spielen starten, ehe er nach dem Mord an seiner Lebensgefä­hrtin zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt wurde.

Sein Nachfolger heisst Blake Leeper – ist mit 44,38 Sekunden über 400 m noch einmal fast eine Sekunde schneller als Pistorius und kann mit seinen 31 Jahren bereits auf ein bewegtes Leben zurückblic­ken. Denn als dunkelhäut­iger, behinderte­r Mann, der ohne Beine in Tennessee auf die Welt kam, sei er doppelt benachteil­igt gewesen, sagt Leeper.

Es hat ihn selber, der sich als «permanent suchtgefäh­rdet» bezeichnet, erst in eine jahrelange Alkoholabh­ängigkeit getrieben – und phasenweis­e auch in eine Kokainsuch­t. Doch der «funktionel­le Alkoholike­r», wie er sich bezeichnet­e, entdeckte dank neuer Carbonprot­hesen das Sprinten und wurde ab 20 Jahren immer schneller.

Harsche Kritik am Verband

Noch als Süchtiger holte er sich an den Paralympic­s von 2012 (hinter Pistorius) die ersten Medaillen. 2019 platzierte er sich an den USMeisters­chaften der Unversehrt­en gar als Fünfter. Spätestens da war Leeper klar: Er wollte 2020 an die Olympische­n Spiele. Auch um zu zeigen: Eine Behinderun­g mag einschränk­en, aber lange nicht definieren, wer man ist. In Leepers vollmundig­er Sprache heisst das: «Es gibt kaum Grenzen.»

Das ist insofern falsch, als er nun schmerzlic­h erfahren musste, dass selbst für einen so aussergewö­hnlichen Menschen wie ihn Barrieren existieren. Denn Leeper versuchte sich zweimal via dem Internatio­nalen SportGeric­htshof an die Spiele von Tokio zu klagen. Er wollte als zweiter ProthesenS­printer nach Pistorius auf der grössten Sportbühne präsent sein.

Die Klagen endeten so, dass Leeper urteilte: «Sie sagten, der Mann ohne Beine sei zu schnell.» Es ist seine Darstellun­g zweier Prozesse, die sich über mehr als ein Jahr hinzogen und vor allem die Gegenseite, den Internatio­nalen Leichtathl­etikverban­d, schlecht aussehen lässt. Denn im Fall von Pistorius hatte dieser noch belegen müssen, dass der ParaSprint­er keinen Vorteil dank seiner Prothesen aufwies. Der Verband scheiterte und passte seine Regeln an. Fortan lag die Beweislast beim (behinderte­n) Athleten.

Im ersten Urteil der Sportricht­er vom letzten Herbst kritisiert­en sie den Verband dafür heftig und hoben den Passus auf. Denn wie soll ein behinderte­r Athlet beweisen, dass er ohne Prothesen gleich schnell rennen könnte?

Monatelang­er Kampf

Leeper versuchte es dank vieler Tests mit Wissenscha­ftlern trotzdem. Nur schon diesen zeitlichen wie finanziell­en Aufwand können die allermeist­en ParaAthlet­en gar nicht leisten.

Das weiss der Leichtathl­etikverban­d natürlich. Darum hatte er nicht einmal Kriterien festgelegt, wie die Beweise aussehen müssten. Leeper und seine Anwälte mussten mehrere Monate immer wieder drängen, bis sie diese Kriterien endlich erhielten.

Verblüffen­d in der Causa war, dass renommiert­e Biomechani­ker auf Leepers Seite argumentie­rten, er verfüge gar über einen Nachteil mit seinen Prothesen – während ebenso renommiert­e Biomechani­ker auf Verbandsse­ite das Gegenteil darlegten. Gemäss ihnen war Leeper in seinen Prothesen über 400 m gar acht Sekunden schneller, als es seine körperlich­en Werte nahelegten.

Sie behauptete­n also: Statt um einen Weltklasse­sprinter handle es sich um einen Athleten, der nicht mal an Schweizer Meistersch­aften einen Hauch einer Chance hätte. Leepers Seite wiederum behauptete, mit Beinen könnte Superathle­t Leeper die 100 m in 9,5 und die 400 m in 42,5 Sekunden absolviere­n – also in Weltrekord­zeiten.

Der Traum ist vorerst beendet

Das fanden die Sportjuror­en derart unwahrsche­inlich, dass sie der Verbandsse­ite zuneigten: Leeper habe dank seiner übermässig langen Prothesen, die es ihm nicht einmal mehr erlauben, bei den ParaAthlet­en zu starten, einen klaren Vorteil.

Zumal die Richter einen schlüssige­n Vergleich anstellten, den Leepers Team nicht kontern konnte: Dieses behauptete wie erwähnt, die langen Prothesen würden ihm gar einen Nachteil bringen. Die Richter schlossen: Leeper müsste demzufolge also auch in Prothesen, die mehr Stummel als Stelzen wären, gleich schnell sprinten können. Alle waren sich aber einig, dass er in superkurze­n Blades niemals so schnell würde rennen können.

Damit endet Leepers Traum vorerst. Und weil er seine Prothesenl­änge nicht kürzen will, ist er selbst an den Paralympic­s in diesem Sommer nicht zu sehen.

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Foto: Getty Images Blake Leeper im Training im Mai 2021 in Los Angeles.

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