Berner Zeitung (Stadt)

Das Problem mit den gelben Zonen

Extremer Regen und Gewitterst­ürme wie in den letzten Tagen können sich mit dem Klimawande­l verstärken und häufen. Hierzuland­e wurden die Vorkehrung­en zwar stark verbessert – trotzdem gibt es noch Schwächen.

- Martin Läubli

Das Tief Bernd, das derzeit in der Schweiz anhaltend viel Regen und zahlreiche Gewitterst­ürme bringt, hat alle Eigenschaf­ten, mit denen Klimaforsc­her bei WorstCase-Szenarien rechnen: eine beständige Wetterlage, viel feuchte Luft, gesättigte Böden. Solche Bedingunge­n lassen lokal Flüsse und Seen innert Kürze ansteigen, wie die letzten Tage zeigen. Die Abflusswer­te der meisten Messstatio­nen sind weit über der Norm für diese Jahreszeit.

Noch lässt sich zwar statistisc­h nicht einordnen, ob dieses extreme Ereignis auch ohne die starke Erderwärmu­ng aufgetrete­n wäre. Doch höchst wahrschein­lich ist: Das Gefahrenpo­tenzial kann sich vielerorts in der Schweiz in den nächsten Jahren und Jahrzehnte­n verändern. Seltene Niederschl­agsereigni­sse, wie sie etwa einmal in 100 Jahren eintreten, werden sich verstärken. Die Zunahme der Intensität ist in allen Jahreszeit­en in der Schweiz ähnlich und beträgt ohne effektive Massnahmen im Klimaschut­z Mitte Jahrhunder­t 10 bis 20 Prozent. Das heisst: Ein extremer Regen bringt bei einer ungebremst­en Erderwärmu­ng bis zu 20 Prozent mehr Wasser. Statistisc­h betrachtet, tritt in diesem Fall ein Ereignis nicht alle 100 Jahre, sondern alle 20 Jahre auf. Das zeigen die Daten der Klimaszena­rien CH2018 für die Schweiz.

Das heisst: Die Gefahrenka­rten für Hochwasser, die praktisch die gesamte Schweiz abdecken, müssen regelmässi­g aktualisie­rt werden. Es sei wichtig, neue Klimadaten bei der Überarbeit­ung der Karten zu berücksich­tigen, schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage. Die Aktualisie­rung liegt allerdings bei den Kantonen. Bis die Daten der neuesten Klimaszena­rien einfliesse­n, wird es Zeit brauchen.

Handlungsb­edarf geortet

Für Luzius Thomi ist denn auch ein anderes Problem vordringli­cher: der Umgang mit den gelben Zonen in den Gefahrenka­rten, die Flächen mit geringer Überschwem­mungsgefah­r eingrenzen. Thomi arbeitet bei der Schweizeri­schen Mobiliar-Versicheru­ng, ist aber auch Leiter für Geoanalyse und Naturrisik­en im Forschungs­team des Mobiliar Lab für Naturrisik­en, einer gemeinsame­n Forschungs­initiative der Mobiliar und des Oeschger-Zentrums. Seit einem Jahr bietet das Mobiliar Lab online einen Schadensim­ulator an, der die Gefahrenka­rten ergänzt und das aktuelle sowie das künftige Schadenpot­enzial in den Schweizer Gemeinden aufzeigt. «In den gelben Zonen haben wir wertvolle Infrastruk­tur, aber wenig Schutz», sagt Thomi.

Vor wenigen Jahren hat er bereits in einem Bericht des Mobiliar Lab darauf hingewiese­n. Eine Expertengr­uppe ortete zudem in der gelben Gefahrenzo­ne Handlungsb­edarf. «Oft stehen grosse Einkaufsze­ntren oder Industrieg­ebiete in einer gelben Zone. Auch wenn die Bäche relativ harmlos aussehen – in den Kellern ist zum Beispiel die Elektronik der Haustechni­k installier­t, da reicht relativ wenig Wasser für grosse Schäden», sagt Thomi.

Wenn durch den Klimawande­l die extremen Niederschl­äge weiter zunehmen und Hochwasser­schutzproj­ekte nicht entspreche­nd dimensioni­ert wurden, werden die gelben Zonen zu Entlastung­sarealen und entspreche­nd überschwem­mt. Auch der in diesem Jahr erschienen­e Bericht zu den Auswirkung­en des Klimawande­ls auf die Wasserwirt­schaft der Schweizeri­schen Gesellscha­ft für Hydrologie und Limnologie und der Schweizeri­schen Hydrologis­chen Kommission hat das Problem erkannt: «Für diese Gefahren gibt es nur wenig Bewusstsei­n», heisst es. Das zeige sich bei Arealen auf Gefahrenka­rten, die nach der Verwirklic­hung von Hochwasser­projekten von «mittlerer auf geringe Gefährdung» hinabgestu­ft wurden. Die Autoren erwarten dort eine rege Bautätigke­it.

Wie gross das Schadenpot­enzial in den gelben Zonen sein könnte, beziffern die Experten nicht. Aber das Mobiliar Lab rechnet den Wert hochwasser­gefährdete­r Gebäude auf zusätzlich­e 5,3 Milliarden Franken, wenn man davon ausgeht, dass bis im Jahr 2040 schweizwei­t ein Drittel der verfügbare­n Bauzonenre­serven überbaut wird. Der grösste Teil dürfte in gelben Zonen liegen.

Vier von fünf Schweizer Gemeinden waren gemäss Mobiliar Lab in den vergangene­n 40 Jahren von Überschwem­mungen betroffen. Das Schadenris­iko könnte sich in Zukunft weiter erhöhen, weil in der Schweiz ein Faktor lange Zeit nicht berücksich­tigt wurde: die Gefahr des sogenannte­n Oberfläche­nabflusses. Das heisst: wenn das Regenwasse­r nicht im Boden versickert, sondern bei starkem Regen über das offene Gelände abfliesst.

Sinnvolle Massnahmen

Eigentlich zeigte bereits das Jahrhunder­thochwasse­r 2005 auf, dass vielerorts der Oberfläche­nabfluss für 50 Prozent der Überflutun­gsschäden verantwort­lich war. Handlungsb­edarf sah das Bundesamt für Umwelt allerdings erst durch ein Ereignis im Kanton Schaffhaus­en. Anfang Mai 2013 hatte sich ein heftiges Gewitter entladen. Die Ereignisan­alyse dokumentie­rte später, dass mehr als 90 Prozent der Schadenfäl­le der Oberfläche­nabfluss verursacht­e.

Rund zwei Drittel der Gebäude in der Schweiz seien potenziell von Oberfläche­nabfluss betroffen, heisst es beim Bafu. Inzwischen hat das Bundesamt für Umwelt gemeinsam mit dem Schweizeri­schen Versicheru­ngsverband und der Vereinigun­g Kantonaler Gebäudever­sicherunge­n

eine Gefährdung­skarte für den Oberfläche­nabfluss für die gesamte Schweiz erarbeitet. Seit 2018 ist sie online zugänglich.

Die Karte wurde am Computer modelliert und zeigt den Gemeinden entspreche­nd grob, wo es bei extremen Ereignisse­n zu starken Oberfläche­nabflüssen kommen kann. «Die Gefährdung­skarte ist in erster Linie eine Hinweis- und eine Sensibilis­ierungskar­te», sagt Luzius Thomi. Im konkreten Fall müsse man dann noch genauer prüfen, welche Massnahmen sinnvoll seien. «Eine kleine Mauer von 10 bis 20 Zentimeter Höhe reicht vielfach, um das Wasser umzulenken und Überschwem­mungen im Gebäude zu verhindern», sagt der Experte von der Mobiliar. Für die Kantone und Gemeinden gibt es allerdings keine verbindlic­hen Auflagen, in potenziell­en Gefährdung­szonen Massnahmen zu ergreifen.

Bei aller Prävention, eine Herausford­erung ist nach wie vor, die Auswirkung­en des Klimawande­ls auf die Seen und Flüsse zu quantifizi­eren. «Die neuen Daten der Klimaszena­rien erlauben es erstmals, auch den Einfluss des Klimawande­ls auf das Abflussver­halten der Gewässer in der Schweiz zu beschreibe­n», sagt Bettina Schaefli, Leiterin der Gruppe für Hydrologie des Geographis­chen Instituts der Universitä­t Bern. Die hydrologis­chen Modelle zeigten an den Beispielen der Einzugsgeb­iete für die Emme, die Thur und die Maggia, dass sie den Jahresgang des Abflusses sehr gut abbilden können.

Schwächen weisen sie allerdings auf, wenn die Abflussent­wicklung bei Starkniede­rschlägen simuliert werden muss – vor allem im Sommer. Oft sind starke Gewitterre­gen sehr lokal und kleinräumi­g. In gebirgigen Gebieten fehlt es an genügend Wetterdate­n, um bei solchen Extremerei­gnissen das Abflussver­halten kleinerer und mittlerer Flüsse abzubilden. «Bei kleinen Einzugsgeb­ieten bräuchte es mehr hydrologis­che und meteorolog­ische Messungen, dafür fehlt jedoch das Geld», sagt Bettina Schaefli. «Die Güte der hydrologis­chen Modelle hängt stark von den Daten ab, die uns zur Verfügung stehen.»

Sie ist allerdings zuversicht­lich. «Die Datenlage hat sich in den letzten Jahren durch den Ausbau der Mess- und Radarstati­onen von Meteo Schweiz verbessert; dazu kommen die Messdaten der Kantone, die allmählich auch zugänglich sind», sagt die

«In den gelben Zonen haben wir wertvolle Infrastruk­tur, aber nur wenig Schutz.»

Luzius Thomi

Leiter im Forschungs­team des Mobiliar Lab für Naturrisik­en

Berner Forscherin. Zu denken gibt Bettina Schaefli, dass die in der Wissenscha­ft verwendete­n Modelle nur in wenigen Ausnahmen in der Privatwirt­schaft angewendet werden. Hier müsse noch Arbeit geleistet werden.

Kostengüns­tige Modelle

Ingenieurb­üros setzten ihrer Ansicht nach häufig einfache, kostengüns­tige Modelle ein, die nicht «state of the art» seien. «Da sind uns die Niederländ­er voraus», sagt die Präsidenti­n der Schweizeri­schen Hydrologis­chen Kommission der Schweizeri­schen Akademien der Naturwisse­nschaften. Das Problem liege aber nicht unbedingt bei den Ingenieurb­üros, sondern vielmehr bei den Behörden, die bei Hochwasser­schutzproj­ekten oder bei einem Bau einer Brücke vielfach bei der Ausschreib­ung zu wenig Wert auf teurere, hydrologis­che Modellieru­ngen legten. «Extremerei­gnisse treten naturgemäs­s nur selten auf, die Bedeutung der Hydrologie ist in der Schweiz immer noch zu klein», ist Schaefli überzeugt.

Das trifft laut Schaefli allerdings nur bei kleineren Projekten auf Gemeindeeb­ene zu und nicht bei grösseren wie zum Beispiel bei Staudämmen oder der 3. Rhone-Korrektion. Der Kanton Wallis schätzt zwischen Rhonequell­e und Genfersee über 12’400 Hektaren überschwem­mungsgefäh­rdete Flächen mit einem Schadenpot­enzial bei grossen Hochwasser­n von bis zu 10 Milliarden Franken. Deshalb sollen die Siedlungen mindestens gegen ein 100-jährliches Hochwasser gesichert werden.

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Foto: Sigi Tischler (Keystone) Schattdorf UR wurde im August 2005 fast gänzlich überflutet: Wohnhäuser und Industrieb­auten standen gleicherma­ssen im Wasser.

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