Berner Zeitung (Stadt)

Corona hat die Schwingerf­amilie Käser mit voller Wucht getroffen

Komplettes Organversa­gen bei Vater Adrian, Langzeitfo­lgen bei Sohn Remo: Corona hat die Schwingerf­amilie Käser mit voller Wucht getroffen.

- (wrs) Foto: Freshfocus

Sport Spitzensch­winger Remo Käser leidet unter Langzeitfo­lgen, bei Vater Adrian Käser, dem Schwingerk­önig von 1989, wurde die Situation wegen kompletten Organversa­gens gar lebensbedr­ohlich. Covid-infektione­n haben das Leben der Schwingerf­amilie komplett auf den Kopf gestellt.

Manchmal wäre es ihm recht gewesen, er hätte die Gedanken einfach wegwischen können wie das Sägemehl vom Rücken. Egal in welchem Gang, egal an welchem Fest: Remo Käser trug sie mit sich.

Der 24-jährige Berner hat seit Wochen mit den Folgen seiner Corona-erkrankung zu kämpfen. Am «Kantonalen» in Aarberg, am «Emmentalis­chen» im Kemmeribod­en: Nichts war zu sehen von beschwingt­er Leichtigke­it. Nach wenigen Zügen atmete Käser schwer, schwand die Kraft, machte der Kreislauf schlapp.

Was die wenigsten wussten: Käsers Eltern hatte das Virus zu diesem Zeitpunkt mit ungleich stärkerer Wucht erfasst – und dieser Umstand hemmte den Schwinger noch mehr als die eigene Gesundheit. Heute sagt er: «Es waren schwierige, belastende Wochen.»

Der Spitzensch­winger will die Umstände nicht als Ausrede für seine Leistungen im Sägemehl verstanden haben. Freilich hat ihn die Angst um die Gesundheit seiner Eltern eng begleitet; bei der Arbeit, im Training, im Wettkampf. «Ich bin einer, der die Dinge gerne steuert und unter Kontrolle hat. Doch in diesem Fall konnte ich nichts tun, meinen Eltern nicht helfen, die immer für mich da sind. Die Geschichte hat mich stark beschäftig­t.»

Sie beginnt am Samstagmor­gen vor dem Brünigschw­inget.

Für Schwingerk­önig Adrian wird es lebensbedr­ohlich

Am 24. Juli erwacht Käser junior schweissge­badet. Er fährt zum Corona-test nach Solothurn, während sich Freundin Rebecca in die Ferien verabschie­det. Bis sie einen Anruf von Remo erhält: «Du musst umkehren, ich habe Corona.» Käser sagt die Brünig-teilnahme ab und geht in Isolation. Zwei Tage später sind Rebecca und Remos Mutter Lisa ebenfalls positiv, eine Woche danach erwischt es Vater Adrian.

Remo liegt ein paar Tage lang flach: starke Kopfschmer­zen, Husten, ohne Lust, ohne Energie. Just als er die Quarantäne verlassen darf, wird der Zustand der Eltern dramatisch. Allein das Aufstehen bereitet ihnen Mühe. Sie sind dehydriert, kraftlos, verlieren innert Kürze an Gewicht. Der genesene Remo fährt sie ins Spital Burgdorf.

Es beginnen 14 Tage voller Bangen und Hoffen: Zuerst verschlech­tert sich die Nierenfunk­tion der Mutter, später tritt bei Vater Adrian ein komplettes Organversa­gen ein. Die Situation wird für den Schwingerk­önig von 1989 lebensbedr­ohlich. «Die Angst war gross», sagt Remo Käser.

Mittlerwei­le sind die Eltern wieder zu Hause. Sie mussten während einer Woche Blutverdün­ner spritzen, nehmen Tabletten ein, kontrollie­ren den Puls, der noch immer deutlich zu hoch ausschlägt, und messen den Blutdruck, der viel zu tief war.

Am Mittwoch habe sich sein Vater an einem leichten Jogging über 200 Meter versucht, erzählt Remo. «Als ich die Eltern ins Spital fuhr, ging mir der Laden runter. Wenn ich sehe, wie sie jetzt wieder zwäg sind, gibt mir das Mut.» Ob Adrian Käser die 200 Meter geschafft hat? «Ich denke ja», sagt der Sohn, «aber hätte er sie nicht geschafft, würde er es kaum zugeben.»

Herz und Lunge streiken bei hoher Belastung

Auch Remo Käser bleibt nach seiner Covid-infektion ab und an die Puste weg – wenn auch auf einem anderen Belastungs­level. Im Alltag erfährt er nur noch kleine Einschränk­ungen. Aber sobald der Athlet im Schwingen die Leistungsg­renze erreicht, jenen Punkt, an dem er «den Körper gerne austrickst, im Kopf umschaltet und sich sagt: ‹Itz muesch nomau chli› – dann geht nichts mehr.» Der Körper lässt das nicht zu. Herz und Lunge machen bei hoher Belastung noch immer nicht vollständi­g mit.

Aus diesem Grund hat Käser entschiede­n, bis zum Kilchberge­r Schwinget am 25. September keine Feste mehr zu bestreiten. Folglich wird er am Sonntag am Schwarzsee fehlen.

Der Alchenstor­fer will in den kommenden Wochen im Krafttrain­ing nochmals «alles rauskitzel­n. Ich will dem Berner Team in Kilchberg eine Stütze sein. Wenn ich dank dieser Massnahme pro Gang eine Minute länger Gas geben kann, dann hat es sich gelohnt.»

«Die Impfzögeru­ng war in unserem Fall ein Fehler»

Bleibt die spitze Frage nach der Spritze. Die Käsers sind ungeimpft. Remo sagt, er habe im Frühsommer darauf verzichtet, «weil ich abwarten wollte, was die Impfung mit einem macht. Zudem wollte ich den finalen Aufbau und den Start in die Schwingsai­son nicht durch allfällige Nebenwirku­ngen gefährden. Ende der Saison wäre der ideale Zeitpunkt fürs Impfen gewesen. Leider hat es mich nun erwischt.»

Mit dieser Absicht war der sechsfache Kranzfests­ieger nicht alleine: Viele Spitzensch­winger haben sich unter derselben Begründung nicht impfen lassen. Dass Käser im Nachhinein sagt, er hätte anders entscheide­n und impfen sollen, versteht sich von selbst.

Was ihn vor allem beschäftig­t, ist der Umstand, wonach Covid-19 seine Eltern derart heftig erwischt hat: beide 50, ohne Vorerkrank­ungen, Adrian seit über 10 Jahren nie krank, sportlich, topfit. «Ich kenne niemanden, der so seriös lebt wie mein Vater», sagt Remo. «Auch wir dachten, dass nur ältere und schwächere Menschen oder solche mit Vorerkrank­ungen derart stark am Coronaviru­s erkranken können.» Diese Meinung haben sie revidiert. «Die Impfzögeru­ng war in unserem Fall ein Fehler.»

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 ?? Fotos: Keystone/srf ?? Remo Käser und Vater Adrian haben trotz bester physischer Verfassung erlebt, wie gefährlich das Corona-virus sein kann.
Fotos: Keystone/srf Remo Käser und Vater Adrian haben trotz bester physischer Verfassung erlebt, wie gefährlich das Corona-virus sein kann.
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