Berner Zeitung (Stadt)

Oberster Impfchef provoziert: Kinder sollen nicht mehr in Quarantäne

Christoph Berger hält Ansteckung­en unter Kindern für unproblema­tisch. Vertreter der Elternscha­ft sind kritisch.

- Raphaela Birrer Edgar Schuler

«Bei uns breitet sich das Virus entlang der Schulbänke aus», sagt eine Primarlehr­erin aus einem Deutschsch­weizer Kanton. «Wird ein Kind krank, folgen ein paar Tage später seine Banknachba­rn.» Ihre Schulgemei­nde verzichtet auf regelmässi­ges Testen, sie müsste keine Maske tragen (tut es aber), die Kinder sowieso nicht, und die Quarantäne für mehrere Klassen wurde nach den Sommerferi­en erst angeordnet, als das Virus längst im Schulhaus grassierte. Die zögerliche Anordnung ärgert die Lehrerin – und mache viele Eltern «sehr, sehr wütend».

Die Quarantäne ist für viele Schulen das letzte Mittel, um die Ansteckung­sketten zu durchbrech­en. Mit der Delta-Variante ist eingetrete­n, wovor Epidemiolo­gen gewarnt hatten: Die Schulen sind ins Zentrum des Infektions­geschehens gerückt. In der ganzen Schweiz haben sich seit Ende August Tausende Kinder angesteckt – Tendenz stark steigend.

Ausgerechn­et jetzt stellt Christoph Berger die Quarantäne für Kinder infrage. «Diese Regelung macht wenig Sinn», sagte der Präsident der nationalen Impfkommis­sion in der SRF-«Rundschau». Um grosse Ausbrüche zu verhindern, reichten wöchentlic­he Tests in den Schulen. Ansteckung­en unter Kindern seien unproblema­tisch – zum Problem würden sie nur, wenn die Erkrankung an Vulnerable weitergege­ben werde. Das zu verhindern, liege in der Verantwort­ung der Eltern.

Zwei Bedingunge­n

Doch die Eltern sind kritisch. Rui Biagini von der Elterninit­iative «Protect the Kids» sagt, über eine Aufhebung der Quarantäne liesse sich diskutiere­n, aber nur unter zwei Bedingunge­n: «Die Eltern müssen beim repetitive­n

Pooltesten selbst entscheide­n dürfen, ob sie ihre Kinder nach einem positiven Ergebnis in der Klasse noch in die Schule schicken, und die Infektions­gefahr in den Schulen muss mit CO2-Messgeräte­n und Filtern minimiert werden.» Zudem seien Masken eine effektive Massnahme. Es geht für Biagini darum, das Infektions­geschehen insgesamt unter Kontrolle zu bringen – schliessli­ch brächten die Kinder das Virus zu ihren Eltern und Grosselter­n.

Tweets der Virologin Isabella Eckerle von der Uni Genf stützen diese Haltung: Es sei die Altersgrup­pe der 30- bis 50-Jährigen, die die Spitäler mit Covid-Erkrankung­en fülle – eben die Elterngene­ration. Und: «Wenn man den Weg der natürliche­n Immunität bei Kindern wirklich gehen will (meines Erachtens nicht verantwort­bar), dann muss man gezielt die Eltern zum Impfen bewegen.»

Trotz der Kritik: Bergers Aussage stösst in der Politik auf breite Unterstütz­ung. «Wir müssen jetzt wirklich zu einem normalen Schulbetri­eb übergehen», sagt etwa Mitte-Nationalra­t und ExLehrer Simon Stadler. Seine Ratsund Parteikoll­egin Marianne Binder hatte sich bereits vor einem Jahr in einem Vorstoss gegen rigorose Quarantäne­regeln für Kinder gewehrt. Der Bundesrat erachtete diese allerdings als zumutbar. Bergers Forderung begrüsst Binder daher. Mit der Impfung könnten sich mittlerwei­le alle Risikopers­onen schützen. Einschränk­ungen dürften nicht länger auf Kosten der Kinder gehen, sagt sie – und kündigt einen weiteren Vorstoss an.

Auch SP-Nationalrä­tin und Lehrerin Sandra Locher Benguerel unterstütz­t Berger und betont, ein geregelter Alltag mit Schulbesuc­h sei für die Kinder wichtig. Sie sieht sich von der Kinder- und Jugendorga­nisation Pro Juventute bestätigt. Diese warnt schon lange vor den psychosozi­alen Folgen der Quarantäne­n. «Es ist unverständ­lich, dass nicht mehr unternomme­n wird, um die Isolation der Kinder zu verhindern», sagt Sprecherin Lulzana Musliu. Weniger einschneid­ende Massnahmen wie Maskenpfli­cht oder Tests müssten nun forciert werden, um Quarantäne­n zu verhindern.

Doch alle sind sich einig: Damit die Quarantäne­pflicht aufgehoben werden könnte, müssten die Schutzmass­nahmen flächendec­kend umgesetzt werden; die Konferenz der kantonalen Erziehungs­direktoren (EDK) mache keinen guten Job. «Es kann nicht sein, dass die Massnahmen an den Schulen von der Postleitza­hl abhängen», kritisiert Locher Benguerel. «Es braucht dringend eine verbindlic­he Koordinati­on auf übergeordn­eter Ebene.»

Es ist allerdings nicht zu erwarten, dass sich an diesem Flickentep­pich rasch etwas ändert. Die EDK sieht sich auf Anfrage nicht in der Pflicht: Für die Massnahmen an Schulen seien die Kantone zuständig – die EDK mache keine Empfehlung zur Quarantäne­anordnung.

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Foto: Keystone Der Schweizer Impfchef Christoph Berger.

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