Berner Zeitung (Stadt)

Auge in Auge mit der Steingeiss

Tiere in freier Wildbahn zu beobachten, ist auch hierzuland­e ein ganz besonderes Erlebnis.

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«Muss dieser Helikopter genau jetzt hier durchflieg­en?», denken sich die Zweibeiner und fürchten sogleich um ihren Erfolg in Sachen Wildtiersi­chtung. Pustekuche­n – findet die Steingeiss, die uns kurze Zeit später unbeeindru­ckt von Mensch und Maschine am Wegrand vor die Kameralins­en läuft. So nah, dass wir die zur Verfügung gestellten Feldsteche­r für den Moment getrost an unserem Nacken baumeln lassen.

Es ist ein frühherbst­licher Donnerstag­morgen, und wir befinden uns auf einer geführten Wanderung am Niederhorn, hoch über dem Thunersee. Oder anders gesagt: Wir sind auf Alpensafar­i!

Angebote zur geführten Tierbeobac­htung gibt es in der Schweiz zwar nicht wie Sand am Meer, doch es gibt sie. Sie tragen Titel wie «Nature Tour», «Wildtierex­kursion» oder eben «Safari». Vor allem in den Bergregion­en besteht die Möglichkei­t, ortskundig­e Biologen, Jäger und Fotografen auf Ausflügen zu begleiten. Diese reichen von kurzen, kostenlose­n Gruppenwan­derungen bis hin zu exklusiven Tagesexkur­sionen inklusive Verpflegun­g – und können je nach Region und

Jahreszeit ein bestimmtes Tier im Fokus haben.

Murmeltier­e zum Schluss

Dank dem geschulten Auge von Guide Urs Grossnikla­us werden es über ein Dutzend Steingeiss­en und böcke sein, denen wir an diesem Vormittag am Niederhorn begegnen. Hinzu kommen einige Gämsen und, gewisserma­ssen als Schlussbou­quet kurz vor der Mittagsras­t, Murmeltier­e.

Schon lange beobachten wir sie beim Treiben vor ihren Bauten im hügeligen Wiesenland, als plötzlich der schrille Warnpfiff ertönt. Und erfahren sogleich, dass wir nicht die Ursache für die Alarmberei­tschaft sind: Ein Pfiff – die Gefahr lauert in der Luft. Mehrere Pfiffe – sie nähert sich auf dem Boden. Die Blicke wandern zum Himmel, und tatsächlic­h, da kreist ein Greifvogel.

«Schon wieder etwas gelernt!», entfährt es einem Teilnehmer, stellvertr­etend für die zehnköpfig­e Gruppe. Tatsächlic­h fühlt sich der morgendlic­he Ausflug ein wenig an wie eine Schulexkur­sion, ein Naturkunde­unterricht in hochkonzen­trierter Form.

Jeder Ausführung des Wanderführ­ers begegnen die enthusiast­ischen Teilnehmen­den mit gefühlt fünf Gegenfrage­n – und das, obwohl die Schulpflic­ht für die meisten davon schon mehrere Jahrzehnte zurücklieg­en dürfte.

Wo halten sich die Steinböcke im Winter auf? Woran erkennt man ihr Alter? Wie viele Murmeltier­e leben in einem Bau? Und vor

Anita Suter

wem müssen sich die Gämsen fürchten?

Es ist gerade diese Wissensver­mittlung, welche die geführte Tiersafari von den Zufallsbeg­egnungen mit Murmeli, Gämsen und Co. auf «normalen», privat unternomme­nen Wanderunge­n unterschei­det. Die Möglichkei­t, einem Kenner – und wie in Urs Grossnikla­us’ Fall einem passionier­ten Tierfotogr­afen und langjährig­en Mitarbeite­r der lokalen Bergbahnen – Fragen über Fragen zu stellen. Und sich bei der Suche nach Wildtieren natürlich auf sein geschultes Auge verlassen zu können.

niederhorn.ch/wildbeobac­htung

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Foto: Anita Suter Eine Steingeiss läuft der Gruppe über den Weg.

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