Berner Zeitung (Stadt)

Jetzt gibt es bei YB kein Halten mehr

Die Young Boys bleiben mit dem 4:0 gegen den FCZ an der Spitze dran und sind bereit für die Champions League.

- Dominic Wuillemin

Der Trainer, der die Worte ins Mikrofon diktiert, ist Deutscher. Er findet, sein Team habe teilweise Schwierigk­eiten gehabt, aber das sei normal nach einer Länderspie­lpause, in der man etliche Spieler habe abstellen müssen. «Am Ende haben wir trotzdem komfortabe­l gewonnen.»

Der Trainer, der so spricht, ist Thomas Tuchel von ChampionsL­eague-Sieger Chelsea, der am Samstag Aston Villa 3:0 schlug. Aber die Worte könnten auch von David Wagner stammen, der deutsche YB-Coach sagt nach dem 4:0 gegen den als ungeschlag­ener Tabellenfü­hrer angereiste­n FC Zürich fast das Gleiche. 13 Spieler Chelseas standen während des zweiwöchig­en Meistersch­aftsunterb­ruchs im Aufgebot ihrer Nationalte­ams, bei YB waren es 12 und damit fast die Hälfte des Kaders.

Wagner erklärt sich so die Tatsache, dass sein Team eine halbe Stunde benötigte, um in die Partie zu finden. «Wir begannen schläfrig, spielten technisch unsauber», sagt der bald 50-Jährige. Die Führung zur Pause bezeichnet er als glückhaft. Christian Fassnacht, einer der vielen Nationalsp­ieler, bewerkstel­ligte sie, indem er in der Nachspielz­eit der ersten Halbzeit aus kürzester Distanz den Ball ins Netz drosch.

Young Boys schauen Ronaldo im Hotel zu

Die Vielzahl an Nationalsp­ielern war eine der Schwierigk­eiten für YB. Hinzu kam mit dem FC Zürich ein Gegner, der zeigte, weshalb er das Überraschu­ngsteam der bisherigen Saison ist. Der neue deutsche Trainer André Breitenrei­ter hat es geschafft, einer manchmal chaotische­n, oft harmlosen Equipe Struktur und Bissigkeit zu verleihen. Mit seinem Pressing stellte der FCZ den Meister vor Probleme. Marc Hornschuh und Ousmane Doumbia, dem jüngeren Bruder des einstigen YB-Torjägers Seydou, boten sich vor 24’062 Zuschauern im Wankdorf Gelegenhei­ten zum 1:0.

Erschweren­d für YB kam hinzu, dass der Höhepunkt gegen Manchester United zum Auftakt der Champions League schon allgegenwä­rtig ist. Die Berner meldeten am Freitag ein ausverkauf­tes Stadion. Und am Samstag war dann das Debüt von Topstar Cristiano Ronaldo das grosse Thema in der Welt des Fussballs. Auch im Hotel Ambassador in Wabern, wo sich die Young Boys jeweils auf ihre Heimspiele vorbereite­n. Man habe sich Teile des 4:1 gegen Newcastle United am Nachmittag live angeschaut, sagt Rechtsvert­eidiger Silvan Hefti und nennt Ronaldo, dem sogleich zwei Treffer gelangen, «fast die grösste Nummer im Fussball». Und Wagner sagt, er habe schmunzeln müssen, als er gesehen habe, wer sich bei United unter die Torschütze­n eingereiht habe. «Aber diese Geschichte hatte überhaupt nichts mit unserem verhaltene­n Start zu tun.»

Stattdesse­n verwies er noch einmal darauf, dass er zuvor aufgrund der vielen Absenzen kein gewöhnlich­es Training habe durchführe­n können. Auch wenn man sich bei YB natürlich über die grosse Anzahl an Nationalsp­ielern freue. Insofern war es durchaus eine Überraschu­ng, dass Wagner – vielleicht mit Ausnahme von Mohamed Camara – seine stärkste Formation auf den Kunstrasen schickte. Sogar Jordan Siebatcheu stand in der Startaufst­ellung, obwohl er erst am späten Donnerstag­abend von der Länderspie­lreise mit den USA zurückgeke­hrt war.

Wobei zu erwähnen ist, dass Partien mit Nationalte­ams einen Spieler auch auf ein neues Niveau heben können. Sinnbildli­ch der Auftritt von Michel Aebischer, der im Schweizer Trikot beim 0:0 gegen Italien eine überzeugen­de Darbietung zeigte. Wagner sprach danach von der «breiten Brust», die eine solche Partie geben könne. Aebischer sagt nach dem Sieg gegen den FCZ mit einem Lächeln, die breite Brust sei ihm körperlich nicht anzusehen. «Aber im Kopf war sie sicherlich vorhanden.»

Aebischers Doublette und Zesigers Glück im Unglück

Aebischer erzielte das zweite und dritte Tor (64. und 69. Minute) und sorgte mit der ersten Doublette seiner Profikarri­ere für die Entscheidu­ng in einer lange umkämpften Partie. Zuvor hatte FCZ-Spielmache­r Antonio Marchesano einen direkten Freistoss an den Pfosten gesetzt. Aebischer lieferte zudem die Vorlage zu Meschack Elias Schlussbou­quet (89.). 4:0, das ist für YB in Partien gegen den FCZ mittlerwei­le fast ein Standardre­sultat. Fünf der letzten zehn Begegnunge­n endeten so. Die Young Boys wahren mit einem Spiel weniger den Anschluss an die Spitze. Aebischer spricht von einem rundum gelungenen Abend.

Für einen Berner gilt das nicht. Innenverte­idiger Cédric Zesiger, der grosse Aufsteiger der letzten Monate, landete früh nach einem Kopfball unglücklic­h auf seinem rechten Bein und musste zur Pause mit Schmerzen in Knie und Fuss ausgewechs­elt werden. Noch am Samstag wurden im Spital erste Untersuchu­ngen vorgenomme­n, am Sonntag folgte leichte Entwarnung: Zesiger erlitt nur Prellungen. Ein Einsatz dürfte gegen die United aber fraglich sein.

von Ballmoos Hefti, Lauper, Zesiger, Garcia Fassnacht, Aebischer, Martins, Ngamaleu Elia, Siebatcheu

 ?? Foto: Peter Klaunzer (Keystone) ?? Das Resultat kann täuschen: Die Partie gegen den FCZ war umkämpft (im Bild Ulisses Garcia).
Foto: Peter Klaunzer (Keystone) Das Resultat kann täuschen: Die Partie gegen den FCZ war umkämpft (im Bild Ulisses Garcia).

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