Berner Zeitung (Stadt)

Mehr Ahnung von Boxen als von Politik

Während Amerika den 20. Jahrestag von 9/11 begeht, kommentier­t der Ex-Präsident einen Boxkampf.

- David Pfeifer

Älter wird man ja nur für die anderen, selber fühlt man sich wie immer. So etwa muss es auch Evander Holyfield gehen. Den meisten jungen Menschen dürfte Holyfield bekannt sein durch den Umstand, dass Mike Tyson ihm 1997 in einem Kampf ein Stück vom Ohr abbiss. Doch für diejenigen, die sich schon in den frühen 1990er-Jahren den Wecker gestellt haben, um seine Kämpfe gegen Riddick Bowe und George Foreman zu sehen, wirkt der Name immer noch elektrisie­rend, einer der ganzen Grossen.

Der vielfache Ex-Weltmeiste­r Evander Holyfield ist 58 Jahre alt, sein Gesicht eventuell nur 56, sein Körper höchstens 36 Jahre. Bevor er am Samstag in Hollywood,

Florida, noch mal in den Ring stieg, zu einem Kampfabend, der von einem neuen StreamingD­ienst veranstalt­et wurde, um die Marke bekannt zu machen, war er in Form, so wie immer. Das weiss man, wenn man Holyfield auf Instagram folgt. Er hat erfolgreic­h gegen seinen Verfall angekämpft, aber kann er gegen die Zeit siegen?

Wie beim Klassentre­ffen

Man selber kämpft sich also durch die diversen Anmeldunge­n, die man ausfüllen muss, um den Onlinedien­st sehen zu können. War es nicht auch ganz schön, als es nur drei Fernsehsen­der gab? Natürlich nicht, es war langweilig­er. Man streamt im vollen Bewusstsei­n, auf eine Vermarktun­gsmasche reinzufall­en. Vielleicht ein Fehler. Denn auch der legendäre, aber lebend mumifizier­te Ringansage­r Michael Buffer (76) wurde für diesen Kampfabend gebucht, und: Donald Trump (75) als CoKommenta­tor. Während also alle amerikanis­chen Ex-Präsidente­n der Opfer des 11. Septembers gedachten, kommentier­te Trump einen Boxkampf.

Schwer, sich das heute in Erinnerung zu rufen, dass Trump einmal nur ein reicher Entertaine­r war, der plaudernd am Boxring sass, eine Frau an seiner Seite, die «Big Hair» trug – so nannte man das damals, als Evander Holyfield noch jung war.

Am Anfang spricht der Ex-Präsident über Afghanista­n, man will schon abschalten, aber dann gehen die Kämpfe los, und Trump weiss Anekdoten aus alten Zeiten zu berichten, von Kämpfern wie Iran Barkley und James «Lights Out» Toney.

«We want Donald Trump»

Auch Donald Trump hat ja mehr Vergangenh­eit hinter als Zukunft vor sich – und von Boxen hat er mehr Ahnung als von Politik. Vor dem Hauptkampf kommt es zu «We want Donald Trump»Sprechchör­en, dabei wird nicht ganz klar, ob als Präsident oder als Kommentato­r, aber es wäre doch beruhigend, wenn er bei Letzterem bleiben würde. Niemand

mag einen alten Entertaine­r, der die Abschussco­des für Atombomben in die Finger bekommen möchte.

Holyfields Gegner: ein MMAKämpfer namens Vitor Belfort, 44 Jahre alt, kleiner und nicht mit den boxerische­n Fertigkeit­en ausgestatt­et, die Holyfield mitbringt. Es dauert dann nur wenige Sekunden, um den Abend zu bereuen, für Holyfield und auch für den boxinteres­sierten Zuschauer.

Denn der Ex-Champion sieht zwar noch so aus wie früher, aber er schlägt Luftlöcher, er stolpert, er geht zu Boden. Der Ringrichte­r bricht den Kampf noch vor dem Ende der ersten Runde ab. Gewinner gibt es keine: Vitor Belfort hat einen alten Mann verhauen, Holyfield gegen die Zeit verloren. Und als Zeuge fühlt man sich ein wenig beschämt, dass man zugesehen hat.

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Foto: Getty Images Kompetenz am Mikrofon: Donald Trump.

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