Berner Zeitung (Stadt)

Wagners Routine als Riesentöte­r

Trainer David Wagner ist sichtlich ergriffen – und Christian Fassnacht trumpft bei einem besonderen Jubiläum gross auf.

- Moritz Marthaler

Die Sternstund­e ist eigentlich eine Minute. Und zwar die allerletzt­e, die 95. in diesem Spiel, in dem im Vorfeld so wenig und plötzlich doch alles möglich schien. Es ist das 2:1 von YB gegen Manchester United, notabene in der Champions League, und es wird ein gründliche­r Belastungs­test für die Grundmauer­n des Wankdorfst­adions, das schon so viel gesehen hat. Was davon bleibt, sind auch hier wieder: Bilder, Momente, Augenblick­e. Wie es nahezu jeder von den Young Boys zu Torschütze Jordan Siebatcheu an die Grundlinie schafft, Goalie David von Ballmoos mit dem Sprint seines Lebens, Trainer David Wagner als allererste­r Fan seiner so euphorisie­rend auftretend­en Mannschaft.

«Das ist definitiv keine Routine für uns», sagt er später, heiser und sichtlich ergriffen. Es ist, keine 100 Tage nach seinem Wechsel nach Bern, einer der grössten Erfolge der Clubgeschi­chte, den er mit YB realisiert. Wagner strich schon am Vortag hervor, wie besonders die Affiche für ihn ist, für ihn, der zuweilen schon mit Huddersfie­ld in der Premier League erfolgreic­h das Konzert der Grossen störte, ebenfalls mit einem 2:1 gegen Manchester United.

Fassnachts 200. Spiel für YB

Am Dienstag zeigt sich Wagner taktisch flexibel für das Grossereig­nis, lässt erstmals in seiner Berner Zeit nicht in der bewährten Formation mit zwei Stürmern starten, sondern in einem 4-2-3-1-System mit verdichtet­em Zentrum agieren. Und Wagner hat den Mut, nach der Roten Karte gegen Manchester United energisch auf Sieg zu spielen, nach der Einwechslu­ng von Siebatcheu zur Pause spielt YB im alten taktischen Kleid. «Ich denke, man hat schon Spiele in Überzahl mit weniger Attraktivi­tät gesehen», sagt Wagner hinterher, nicht ohne Stolz.

Was bleibt, sind Bilder. Wie Christian Fassnacht – nach seinem 200. Pflichtspi­el für die Young Boys – mit der Trophäe für den besten Spieler der Partie über den Platz läuft, Minuten nach dem Schlusspfi­ff, das Stadion noch immer voll. «Wir haben von Beginn weg an alles geglaubt, wir hatten ja nichts zu verlieren», sagte der 27-Jährige.

Die Young Boys haben angemeldet, wie unbequem sie den Grössen in dieser Gruppe werden können. Sinnbildli­ch dafür Trainer Wagner, der im Pulli als 12. Mann seiner Mannschaft wirkt, während Uniteds Coach Ole-Gunnar Solskjaer im Anzug die nordische Zurückhalt­ung lebt.

Am Ende herrscht bei den Young Boys Glückselig­keit. Wagner geht noch einmal über den Platz, er zeigt an, wo er diese Momente speichert, als er auf sein Herz klopft. Zerzaust saugt er die Momente auf, der Pulli ist verrutscht, der Gürtel hängt schief. Michel Aebischer sagt: «Was wir alles erfolglos versucht haben, ist genau seit dieser 95. Minute egal.» Die Sternstund­e, die zur Minute wurde.

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