«Kla­re Bot­schaft» an Schwei­zer Re­gie­rung

Der tür­ki­sche Bot­schaf­ter in der Schweiz, Il­han Say­gili, be­strei­tet, ein Ge­heim­dienst­mann zu sein. Auch den Vor­wurf, sei­ne Bot­schaft ha­be ei­ne Ent­füh­rung ge­plant, weist er von sich.

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«Die Schwei­zer Be­hör­den soll­ten ge­gen je­ne agie­ren, die in PKKAk­tio­nen A in­vol­viert sind», sagt der tür­ki­sche Bot­schaf­ter Il­han Say­gili im In­ter­view.

Herr Bot­schaf­ter, wie­so wer­den sie­ben schwei­ze­risch-tür­ki­sche Dop­pel­bür­ger zum Teil seit Mo­na­ten dar­an ge­hin­dert, die Tür­kei zu ver­las­sen? Il­han Say­gili: Nach dem Putsch­ver­such vor zwei Jah­ren ver­häng­te die Tür­kei den Aus­nah­me­zu­stand. Des­halb wur­den ver­schie­de­ne Mass­nah­men er­grif­fen. Un­ter an­de­rem wur­den Päs­se ge­sperrt. Aber am 18. Ju­li wird der Aus­nah­me­zu­stand auf­ge­ho­ben. Die­se sie­ben Be­trof­fe­nen und ih­re Kin­der kön­nen dann in die Schweiz aus­rei­sen? Ja. (An­mer­kung der Re­dak­ti­on: Bei der Au­to­ri­sie­rung des In­ter­views füg­te die Bot­schaft die fol­gen­den bei­den Sät­ze hin­zu; sie nimmt al­so Aus­sa­gen teil­wei­se zu­rück.) Je­doch be­tref­fen mei­ne Aus­sa­gen nur die schwei­ze­risch­tür­ki­schen Dop­pel­bür­ger, die im Zu­sam­men­hang mit dem Aus­nah­me­zu­stand als ei­ne ad­mi­nis­tra­ti­ve Mass­nah­me nicht aus­rei­sen dür­fen. Die Per­so­nen, über wel­che we­gen ei­nes ge­richt­li­chen Ur­teils ei­ne Aus­lands­rei­se­sper­re ver­hängt wur­de, be­nö­ti­gen für die Auf­he­bung der Pass­sper­re na­tür­lich ei­nen neu­en Ge­richts­be­schluss. Fin­den Sie es ge­recht, dass sie mo­na­te­lang ge­gen ih­ren Wil­len von ih­ren Liebs­ten ge­trennt wer­den? Der Aus­nah­me­zu­stand ist ei­ne aus­ser­ge­wöhn­li­che Mass­nah­me, die nach ei­nem Putsch­ver­such ge­trof­fen wur­de, der vie­le To­te und Ver­letz­te for­der­te. War­um wer­den die­se Leu­te fest­ge­hal­ten? Ste­hen sie im Ver­dacht, der Gü­len-Be­we­gung na­he­zu­ste­hen, die in der Tür­kei nun als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Fe­tö gilt? Ich ha­be kei­ne Kennt­nis von den ein­zel­nen Fäl­len.

War­um dür­fen die Schwei­zer Di­plo­ma­ten den fest­ge­hal­te­nen Per­so­nen in der Tür­kei kei­nen kon­su­la­ri­schen Schutz bie­ten? Aus der Sicht der Tür­kei sind die­se Per­so­nen nur tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge. Es gibt den Ver­dacht, dass die Tür­kei mit Aus­rei­se­sper­ren und an­de­re Re­pres­si­ons­mass­nah­men die Er­do­gan-kri­ti­sche Ge­mein­schaft der Tür­ken im Aus­land ein­schüch­tern will. Was sa­gen Sie da­zu? Ich ha­be die­ses The­ma schon sehr oft kom­men­tiert. Das trifft nicht zu. Der Grund für sol­che Mass­nah­men war der Aus­nah­me­zu­stand. Meh­re­re im Aus­land woh­nen­de tür­ki­sche Bür­ger wur­den un­ter du­bio­sen Um­stän­den in die Tür­kei ge­bracht. Im Spät­som­mer 2016 wa­ren ge­mäss Schwei­zer Er­mitt­lun­gen so­gar zwei hoch­ran­gi­ge Mit­ar­bei­ter der Bot­schaft in Bern an der Vor­be­rei­tung ei­ner Ent­füh­rung ei­nes schwei­ze­risch-tür­ki­schen Un­ter­neh­mers be­tei­ligt. Die Plä­ne wur­den nicht um­ge­setzt, weil ei­ne Per­son aus­stieg. Was sa­gen Sie da­zu? Das tür­ki­sche Aus­sen­mi­nis­te­ri­um hat die­sen Vor­wurf zu­rück­ge­wie­sen. Wir ha­ben kei­ne In­for­ma­tio­nen, dass ei­ne sol­che Ent­füh­rung ge­plant wor­den ist. Wir ken­nen nur die Me­dien­be­rich­te. In die­ser Sa­che sind wir nicht von den Schwei­zer Be­hör­den kon­tak­tiert wor­den. Wir wis­sen nur, dass die Bun­des­an­walt­schaft Er­mitt­lun­gen führt. Die Schwei­zer Bun­des­an­walt­schaft hat die bei­den tür­ki­schen Seit dem ge­schei­ter­ten Putsch­ver­such vor zwei Jah­ren geht der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan ri­go­ros ge­gen ech­te und ver­meint­li­che Geg­ner vor. Die Re­pres­si­on reicht bis ins Aus­land, be­trof­fen ist auch die tür­ki­sche Dia­spo­ra in der Schweiz. Es gibt zu­dem Spio­na­ge­vor­wür­fe ge­gen die Tür­kei und ei­ne Af­fä­re um ei­ne ge­plan­te Ent­füh­rung. Zu­letzt wur­den sie­ben Dop­pel­bür­ger an der Aus­rei­se aus der Tür­kei ge­hin­dert. All dies be­las­tet die Be­zie­hun­gen zwi­schen Bern und An­ka­ra. Der tür­ki­sche Bot­schaf­ter in der Schweiz, Il­han Say­gili, weist die Vor­wür­fe zu­rück. Say­gili ist seit No­vem­ber 2016 Bot­schaf­ter in Bern. Wäh­rend ei­ner Me­di­en­kon­fe­renz am Frei­tag kün­dig­te er an, dass die Fest­ge­hal­te­nen bald in die Schweiz aus­rei­sen kön­nen. Das be­kräf­tig­te er im In­ter­view mit die­ser Zei­tung. We­ni­ge St­un­den spä­ter folg­te der Rück­zie­her. Die Bot­schaft teil­te mit, dass nur je­ne aus­rei­sen kön­nen, die von Ad­mi­nis­tra­tiv­mass­nah­men be­trof­fen sei­en. In an­de­ren Fäl­len müss­ten Ge­rich­te ent­schei­den. Zah­len konn­te die Bot­schaft nicht nen­nen. vin Di­plo­ma­ten kürz­lich so­gar we­gen ei­nes mut­mass­li­chen Kid­nap­ping­ver­suchs zur Ver­haf­tung aus­ge­schrie­ben. Auch dar­über lie­gen uns kei­ne In­for­ma­tio­nen vor. Be­stä­tigt wur­de uns ein­zig, dass es ei­ne Un­ter­su­chung gibt. Wir wei­sen die­se An­schul­di­gung gänz­lich von uns. Nie­mand von der tür­ki­schen Bot­schaft war in sol­che Hand­lun­gen in­vol­viert. Wenn die schwei­ze­ri­schen Be­hör­den et­was Sinn­vol­les tun wol­len, soll­ten sie ge­gen je­ne agie­ren, die in die Fe­tö- und PKKAk­ti­vi­tä­ten in­vol­viert sind. Das ist ei­ne kla­re Bot­schaft an die Schwei­zer Re­gie­rung. Un­se­rer Zei­tung hat die Bun­des­an­walt­schaft be­stä­tigt, dass es Haft­be­feh­le ge­gen die bei­den tür­ki­schen Di­plo­ma­ten gibt. Mit uns wur­den sol­che In­for­ma­tio­nen nicht ge­teilt. Wir wür­den sol­che Vor­wür­fe be­strei­ten. Es ist er­wie­sen, dass die bei­den Di­plo­ma­ten an Ge­heim­tref­fen auf ei­nem Fried­hof und vor ei­ner Ga­ra­ge im Zürcher Ober­land teil­nah­men. Was ha­ben sie dort ge­macht? Das sind al­les nichts wei­ter als Me­dien­be­rich­te.

Es gibt Bil­der vom Fried­hof­tref­fen.

Uns lie­gen kei­ne Ak­ten vor. Falls man glaubt, es gä­be Be­wei­se, soll- te tei­len. man die Un­ter­la­gen mit uns Und war­um ha­ben die bei­den Bot­schafts­mit­ar­bei­ter die Schweiz mitt­ler­wei­le ver­las­sen? Ih­re Di­enst­zeit in der Bot­schaft in Bern war wie vor­ge­se­hen zu En­de ge­gan­gen. Ar­bei­ten die bei­den noch für den tür­ki­schen Staat?

Ja. In der Tür­kei.

Es las­sen sich aber kei­ne of­fi­zi­el­len An­ga­ben zu ih­nen fin­den. Wie­so nicht? Um de­ren Si­cher­heit nicht zu ge­fähr­den, ist es mir nicht er­laubt, spe­zi­fi­sche An­ga­ben zu ma­chen.

«Die Schwei­zer Be­hör­den soll­ten ge­gen je­ne agie­ren, die in PKK-Ak­tio­nen in­vol­viert sind.»

Il­han Say­gili

Il­han Say­gili

Sie ar­bei­ten wei­ter­hin in der tür­ki­schen Ver­wal­tung, ei­ner im Nach­rich­ten­dienst. Ge­mäss der Tür­kei le­ben meh­re­re PKK-An­ge­hö­ri­ge in der Schweiz. Sie ha­ben kri­ti­siert, dass die hie­si­gen Be­hör­den zu we­nig tun in die­sem Be­reich. Wes­halb? Wir ha­ben die Schweiz in meh­re­ren Fäl­len um Aus­lie­fe­rung der Ter­ro­ris­ten er­sucht. Aber sie wei­gert sich. Es gibt ei­ne Kon­tro­ver­se um An­zei­gen in Schwei­zer Bahn­hö­fen zum in­haf­tier­ten PKK-Füh­rer Öca­lan. Was ist da der Stand? Ja, in Zü­rich, Bern und Ba­sel wur­den in den Bahn­hö­fen «Free Öca­lan»-An­zei­gen ge­schal­tet. Öca­lan ist für uns ein Ter­ro­rist. Als wir frag­ten, ob die be­zahl­ten An­zei­gen ent­fernt wer­den könn­ten, sag­ten die Schwei­zer Ver­ant­wort­li­chen, dass sei nicht mög­lich. Es herr­sche Mei­nungs­äus­se­rungs­frei­heit.

Und dann?

Ei­ne schwei­ze­risch-tür­ki­sche Dach­ge­sell­schaft woll­te dar­auf­hin An­zei­gen mit State­ments von PKK-Op­fern schal­ten. Die SBB lehn­ten das ab. Sie sag­ten, das ge­fähr­de die öf­fent­li­che Ord­nung. Für uns sind das dop­pel­te Stan­dards. Des­halb ist die Dach­ge­sell­schaft bei ei­nem Ge­richt in Zü­rich vor­stel­lig ge­wor­den. Ich sa­ge das al­les nur, weil ich dar­auf an­ge­spro­chen wer­de. Mei­ne Mis­si­on als Bot­schaf­ter ist es aber, ei­ne po­si­ti­ve Ta­ges­ord­nung zu fo­kus­sie­ren und un­se­re bi­la­te­ra­len Be­zie­hun­gen auf ein noch hö­he­res Ni­veau zu tra­gen.

Wie wol­len Sie das er­rei­chen?

Wir sind nicht glück­lich dar­über, dass in der Schweiz sol­che ne­ga­ti­ve Be­rich­te ver­öf­fent­licht wer­den, die auf un­ser Land, Prä­si­dent Er­do­gan, un­se­re Bot­schaft und die tür­ki­sche Ge­mein­schaft in der Schweiz ab­zie­len. Um Miss­ver­ständ­nis­se und an­de­res klar­zu­stel­len, sind wir gern be­reit, sol­che In­ter­views zu ge­ben. Tür­ken in der Schweiz be­kla­gen sich, dass sie ih­re Pa­pie­re auf Ih­rer Bot­schaft nicht er­neu­ern kön­nen. Wes­halb ist das so? Päs­se wur­den we­gen des Aus­nah­me­zu­stands ge­sperrt. Doch das wird nächs­te Wo­che vor­bei sein. Es gibt kur­di­sche und deut­sche Me­dien­be­rich­te, wo­nach Sie ein wich­ti­ger Ver­tre­ter des Ge­heim­diens­tes MIT in Deutsch­land wa­ren.

(lacht) Ich ha­be das auch ge­le­sen.

Stimmt es?

Es ist frei er­fun­den. Ich bin Kar­rie­re­di­plo­mat. Mei­nen Le­bens­lauf kann je­der nach­le­sen.

In­ter­view: Thomas Knell­wolf

Un­ter an­de­rem wur­den Päs­se ge­sperrt. Aber am 18. Ju­li wird der Aus­nah­me­zu­stand auf­ge­ho­ben.

Fo­to: Fran­zis­ka Ro­then­büh­ler

Il­han Say­gili, tür­ki­scher Bot­schaf­ter in der Schweiz.

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