Trump: Mal so, mal so

Do­nald Trump griff zu­erst die Br­ex­it-Po­li­tik von The­re­sa May an. Dann ver­such­te er, das Ge­sag­te zu re­la­ti­vie­ren.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite -

US-Prä­si­dent Do­nald Trump hat mit Äus­se­run­gen zur Br­ex­it-Stra­te­gie das bri­tisch-ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis schwer be­las­tet. Vor sei­nem Be­such in Gross­bri­tan­ni­en er­klär­te er in ei­nem In­ter­view mit der kon­ser­va­ti­ven bri­ti­schen Bou­le­vard­zei­tung «The Sun» un­ter an­de­rem, Mays gröss­ter in­nen­po­li­ti­scher Her­aus­for­de­rer, der zu­rück­ge­tre­te­ne Aussenminister und Be­für­wor­ter ei­nes har­ten Br­ex­it, Bo­ris John­son, wür­de ei­nen ex­zel­len­ten Pre­mier­mi­nis­ter ab­ge­ben. Beim Tref­fen mit May krebs­te Trump dann zu­rück.

Mit dem In­ter­view und be­reits zu­vor bei der Na­to in Brüssel ge­mach­ten Äus­se­run­gen war der Scha­den aber an­ge­rich­tet. Oh­ne­hin war die Stim­mung auf­ge­heizt. Zehn­tau­sen­de gin­gen ge­gen Trump auf die Stras­se, so­wohl in London und Wind­sor wie auch in Bel­fast.

The­re­sa May woll­te den Be­such des US-Prä­si­den­ten zum Er­folg ma­chen – und kas­sier­te ei­ne mäch­ti­ge Ohr­fei­ge.

Der Chef­re­dak­tor der gröss­ten bri­ti­schen Bou­le­vard­zei­tung, Tom New­ton Dunn, konn­te sein Glück nicht fas­sen. 10 Mi­nu­ten hat­te das Weisse Haus der «Sun» für ein In­ter­view mit dem Prä­si­den­ten in Brüssel zu­ge­sagt, be­vor die­ser vom Na­to-Gip­fel wei­ter nach London flie­gen soll­te. Sehr schnell ahn­te der Jour­na­list, dass die­ses Ge­spräch Schock­wel­len durch Gross­bri­tan­ni­en sen­den wür­de, was of­fen­bar auch Trumps Pres­se­spre­che­rin Sa­rah Huck­a­bee San­ders fürch­te­te, die nach ex­akt 10 Mi­nu­ten un­ru­hig wur­de und rief: «Okay, letz­te Fra­ge.»

Nicht zu stop­pen

Aber Trump liess sich nicht stop­pen, er re­de­te wei­ter, 28 Mi­nu­ten lang. Da­nach hat­te das Bou­le­vard­blatt ein In­ter­view, das ein Schlag ins Ge­sicht für The­re­sa May und ein Rit­ter­schlag für ih­re Geg­ner ist. Huck­a­bee San­ders schick­te spä­ter zwar noch ei­ne Pres­se­mit­tei­lung los, dass Trump nie et­was Schlech­tes über May ge­sagt ha­be, aber für Scha­den­be­gren­zung war es zu spät.

Die Zei­tung ver­öf­fent­lich­te ih­ren Coup Don­ners­tag­nacht, just wäh­rend May den Ame­ri­ka­ner und 150 Wirt­schafts­bos­se in spek­ta­ku­lä­rer Um­ge­bung mit Lachs, Rind und Erd­bee­ren be­wir­te­te. Das Din­ner fand fern der Haupt­stadt im Blen­heim Pa­lace, dem Ge­burts­ort von Wins­ton Chur­chill, statt, und May warb bei der US-De­le­ga­ti­on en­thu­si­as­tisch für ei­nen neu­en Han­dels­ver­trag. Den hat­te Trump im In­ter­view zu die­sem Zeit­punkt aber qua­si schon für tot er­klärt.

New­ton Dunn er­zählt das al­les am Mor­gen nach dem Din­ner stau­nend in der BBC, aber am meis­ten staun­te er dar­über, wie Trump auf ihn ge­wirkt ha­be: «Nie­mand for­dert ihn her­aus. Sei­ne Macht ist ab­so­lut. Man hat das Ge­fühl, man sei am Hof ei­nes mit­tel­al­ter­li­chen Herr­schers.»

Wäh­rend May und das Pro­to­koll be­müht wa­ren, Trump sei­nen Auf­ent­halt, al­len Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zum Trotz, mög­lichst an­ge­nehm zu gestal­ten, moch­ten die meis­ten Bri­ten dem ho­hen Be­such aus Washington sei­ne Gross­manns­sucht nicht ver­zei­hen. Mehr als 70 Pro­zent leh­nen ge­mäss Um­fra­gen den Be­such des Ame­ri­ka­ners im Kö­nig­reich ab. Die gan­ze Vi­si­te

stand da­her von An­fang an un­ter ei­nem schlech­ten Stern. May, 2017 ge­ra­de selbst erst ein paar Mo­na­te im Amt, war nach der Amts­ein­füh­rung Trumps nach Washington ge­eilt, hat­te mit ihm Händ­chen ge­hal­ten und ihn nach Gross­bri­tan­ni­en ein­ge­la­den. Trump, ein Fan der Queen («ei­ne gross­ar­ti­ge Per­son; so vie­le Jah­re im Amt und hat nie ei­nen Feh­ler ge­macht») so­wie von La­dy Dia­na (in ei­nem Ra­dio­in­ter­view prahl­te er, er hät­te Sex mit ihr ha­ben kön­nen, wenn er ge­wollt hät­te), nahm gern an.

Die Re­ak­ti­on im Land: wach­sen­de Ab­leh­nung. Und im Par­la­ment, zu­mal nach­dem Trump zwei Tweets von bri­ti­schen Neo­na­zi­grup­pen über­nom­men und ver­brei­tet hat­te: ech­te Wut. Der Spre­cher des Par­la­ments, John Ber­cow, fand so­gar, man sol­le dem US-Prä­si­den­ten ei­nen Auf­tritt vor dem Un­ter­haus ver­wei­gern, so er denn um ei­nen an­fra­ge.

Und so kam eins zum an­de­ren. Nach den Ter­ror­an­schlä­gen in Gross­bri­tan­ni­en 2017 zeig­te sich Trump kri­tisch; er keil­te spe­zi­ell ge­gen den (mus­li­mi­schen) Bür­ger­meis­ter Lon­dons, Sa­diq Khan, und ge­gen die bri­ti­sche Ein­wan­de­rungs­po­li­tik. May, selbst Ver­tre­te­rin ei­ner har­ten Li­ni­en in Mi­gra­ti­ons­fra­gen, sah sich ge­zwun­gen, die Äus­se­run­gen des Ame­ri­ka­ners zu­rück­zu­wei­sen. Khan liess ver­är­gert wis­sen, Trump sei schlecht in­for­miert und in London nicht will­kom­men; bei ei­ner Pe­ti­ti­on ge­gen den Be­such ka­men schnell fast zwei Mil­lio­nen Un­ter­schrif­ten zu­sam­men.

Trump war be­lei­digt, und er blieb es auch. May dürf­te dar­über nicht un­glück­lich ge­we­sen sein, sie brauch­te ihn nicht, noch nicht – an­ders als jetzt, da sie ih­ren Br­ex­it-Kurs in der ei­ge­nen Par­tei, im Par­la­ment und in Brüssel ver­tei­di­gen muss: Da hät­te ein biss­chen Un­ter­stüt­zung von ei­nem Mann, der Geld, Macht und Wirt­schafts­ver­bin­dun­gen mit­bringt, nicht ge­scha­det.

Als der Prä­si­dent nach sei­ner Lan­dung auf dem Flug­ha­fen St­an­sted aus der Air Force One in ei­nen He­li­ko­pter um­stieg, um da­mit in die Re­si­denz des US-Bot­schaf­ters, Win­field Hou­se im Re­gent’s Park, zu flie­gen, da sah es noch so aus, als kön­ne die­ser Be­such so­gar ein Er­folg wer­den. Die Po­li­zis­ten der Stadt hat­ten Fe­ri­en­stopp ver­ord­net be­kom­men, aus al­len Lan­des­tei­len wa­ren zu­sätz­li­che Be­am­te her­an­ge­karrt wor­den, die Re­si­denz war weit­räu­mig ab­ge­sperrt. An der nörd­li­chen Aus­fahrt war­te­te ein Heer von Ka­me­ras dar­auf, dass sich De­mons­tran­ten zei­gen, aber es ka­men: ge­nau zwei. Ein al­ter Herr warb mit ei­nem Pla­kat für die Be­frei­ung Pa­läs­ti­nas, ein jun­ger Mus­lim pro­tes­tier­te ge­gen Trumps Ras­sis­mus. Dann tauch­te, im­mer­hin, Nigel Fa­ra­ge auf, Ex-Chef der EU-Aus­tritts­par­tei Ukip, als Pro­fi für die war­ten­den Ka­me­ras schon fer­tig ge­pu­dert, und teil­te der Na­ti­on mit, Trump sei ein wah­rer Freund. War­um ei­gent­lich nie­mand ge­gen ir­gend­wel­che ara­bi­schen Po­ten­ta­ten pro­tes­tie­re?

Ab auf den Golf­platz

Die gros­sen Pro­tes­te, das wuss­te Trump na­tür­lich, wa­ren für den zwei­ten Tag sei­nes Be­suchs an­ge­kün­digt. In London stieg, be­glei­tet von Zehn­tau­sen­den Men­schen, denn auch am frü­hen Mor­gen die über­di­men­sio­na­le Plas­tik­pup­pe, ein Ba­by-Trump in Win­deln, in den Him­mel, um die es be­reits ei­ni­gen Är­ger ge­ge­ben hat­te.

Ob man ei­nen Prä­si­den­ten so de­spek­tier­lich dar­stel­len dür­fe, frag­ten Kri­ti­ker und for­der­ten vom Bür­ger­meis­ter, dass er die Pup­pe oder am bes­ten gleich die gan­zen Pro­tes­te ver­bie­te. Aber Khan dach­te nicht dar­an. Der BBC sag­te er sehr be­stimmt, Ver­samm­lungs- und Re­de­frei­heit ge­hör­ten zu den ver­fas­sungs­mäs­si­gen Rech­ten.

Da­bei wa­ren es doch die Bri­ten, die hät­ten ver­stimmt sein kön­nen. Denn Trump hat­te bei sei­ner Tour d’Ho­ri­zon am Vor­tag kein Fett­näpf­chen aus­ge­las­sen. Bo­ris John­son, der Mays Br­ex­it-Kurs als «Ka­cke» be­zeich­net hat­te, sei ein fei­ner Kerl und wä­re ein su­per Pre­mier. Sa­diq Khan ha­be ei­nen schlech­ten Job bei der Ter­ror­be­kämp­fung ge­macht. Eu­ro­pa ver­lie­re we­gen der vie­len Im­mi­gran­ten sei­nen Cha­rak­ter. Und er se­he nicht ein, war­um er in ei­ner Stadt blei­ben sol­le, in der er nicht ge­wollt wer­de.

Auch des­halb sah der Plan so aus, dass Trump die Haupt­stadt nur strei­fen und für Über­nach­tun­gen nut­zen woll­te, um nach Stipp­vi­si­ten im Blen­heim Pa­lace, ei­ner Leis­tungs­schau in der Mi­li­tär­aka­de­mie in Sandhurst, ei­nem Ar­beits­lunch samt Pres­se­kon­fe­renz mit May in Che­quers und ei­ner Au­di­enz bei der Kö­ni­gin in Wind­sor am Frei­tag­nach­mit­tag schleu­nigst nach Schott­land wei­ter­zu­flie­gen. Dort wol­le er, hiess es, auf sei­ner ei­ge­nen An­la­ge in Turn­ber­ry in Ru­he ein paar Run­den Golf spie­len. Zwar sind, wie in London am Frei­tag, am Sams­tag auch in Edin­burgh und Glas­gow De­mons­tra­tio­nen ge­plant. Aber die­se Städ­te sind in Trumps Au­gen of­fen­bar weit ge­nug weg vom 18-Loch-Kurs in den Dü­nen Süd­west­schott­lands.

Vor­her räum­te Trump bei sei­ner Pres­se­kon­fe­renz mit May zu­min­dest ein paar Scher­ben bei­sei­te, nicht oh­ne mit hin­ge­wor­fe­nen Be­mer­kun­gen die nächs­ten Ir­ri­ta­tio­nen zu ver­ur­sa­chen. Die «Sun» ha­be das gros­se Lob nicht ab­ge­druckt, das er über May ge­äus­sert ha­be, al­les Fa­ke News, und er hof­fe na­tür­lich sehr, dass sie den Br­ex­it so hin­krie­ge, dass die zwei Län­der hin­ter­her auf Au­gen­hö­he Han­del trei­ben könn­ten. Falls Gross­bri­tan­ni­en wirk­lich aus der EU aus­tre­te. Dann teil­te er noch ein biss­chen ge­gen Ab­we­sen­de aus – und flog von dan­nen. May liess er mit ver­knif­fe­nem Ge­sicht in der Hit­ze von Che­quers zu­rück.

Cath­rin Kahl­weit, London

«Nie­mand for­dert ihn her­aus. Sei­ne Macht ist ab­so­lut, wie die ei­nes Herr­schers.»

Tom New­ton Dunn Chef­re­dak­tor der «Sun»

Fo­to: Matt Dun­ham (AP, Keysto­ne)

Net­tig­kei­ten: Queen Eliz­a­beth II (l.) sei ei­ne gross­ar­ti­ge Per­son, hält Do­nald Trump fest.

Fo­to: Reu­ters

The­re­sa May im Griff: Trump schiesst ei­ne Breit­sei­te ge­gen sie ab. Da­nach ge­ben sich bei­de Sei­ten Mü­he.

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