Sie sie­gen und sie pö­beln

BZ Langenthaler Tagblatt - - Wm 2018 -

2. FI­NA­LIST Be­fremd­li­che Kriegs­rhe­to­rik, na­tio­na­lis­ti­sche Pro­vo­ka­tio­nen: Ei­ni­ge kroa­ti­sche Spie­ler fie­len bei die­ser WM mit ih­rem Ver­hal­ten auf.

Die Kroa­ten sind nicht den ein­fa­chen Weg ge­gan­gen. Sie qua­li­fi­zier­ten sich mit er­heb­li­cher Mü­he und erst über die Bar­ra­ge ge­gen Grie­chen­land für die WM – und nach zwei Sie­gen im Pen­al­ty­schies­sen so­wie dem Halb­fi­nal­er­folg ge­gen En­g­land nach Ver­län­ge­rung sind sie mor­gen stol­zer Fi­na­list. Be­seelt von Lei­den­schaft und Lust und längst auch gren­zen­lo­ser Eu­pho­rie. «Wir wa­ren in al­len Be­lan­gen klar bes­ser», sag­te Trai­ner Zlat­ko Da­lic nach dem 2:1 ge­gen En­g­land, nach­dem sein Team zum drit­ten Mal in Se­rie ei­nen 0:1-Rück­stand auf­ge­holt hat­te. «Die Men­ta­li­tät un­se­rer Spie­ler ist sen­sa­tio­nell, trotz Krämp­fen woll­te sich kein Spie­ler aus­wech­seln las­sen. Sie lei­den und ge­ben al­les für Kroa­ti­en.»

Die Rhe­to­rik der Kroa­ten kann be­fremd­lich wir­ken, et­wa wenn Re­gis­seur Lu­ka Mod­ric da­von spricht, sein Team wer­de im Fi­nal ge­gen Frank­reich Herz und See­le las­sen. Und: «Auf den Platz wer­den elf Krie­ger ge­hen.»

Erst seit 1991 ist Kroa­ti­en un­ab­hän­gig, vie­le Na­tio­nal­spie­ler sind ge­prägt durch den Bal­kan­krieg, aus ei­ge­ner Er­fah­rung oder Er­zäh­lun­gen wis­sen sie, wie ih­re Fa­mi­li­en und ihr Land ge­lit­ten ha­ben. Und so über­rascht die stramm na­tio­na­lis­ti­sche Hal­tung meh­re­rer Fuss­bal­ler nicht. Die Ak­teu­re spie­len zwar in Ver­ei­nen quer durch ganz Eu­ro­pa ver­teilt, ihr Na­tio­nal­stolz ist aber enorm.

Die Rus­sen freu­te es nicht

Ab­wehr­chef De­jan Lo­v­ren hört so­gar kriegs­ver­herr­li­chen­de Rock­mu­sik, wie auf ei­nem Vi­deo nach dem 3:0-Sieg der Kroa­ten in der Vor­run­de ge­gen Ar­gen­ti­ni­en zu se­hen ist. Und es sind Auf­nah­men auf­ge­taucht, auf de­nen Dom­a­goj Vi­da, Lo­v­rens Part­ner in der In­nen­ver­tei­di­gung, wäh­rend der WM «Bel­grad brennt» ruft. Vi­da er­klär­te spä­ter, das sei nicht ge­gen Ser­bi­en ge­rich­tet ge­we­sen, er ha­be bloss ein be­kann­tes Volks­lied ge­sun­gen.

Der Ab­wehr­spie­ler spricht und gibt sich manch­mal so, wie er spielt: roh, wild, un­er­schro­cken. Den Sieg über Russ­land im Vier­tel­fi­nal wid­me­te Vi­da der Ukrai­ne («Ruhm der Ukrai­ne»), was im WM-Gast­ge­ber­land nicht gut an­kam. Vi­da schie­nen die Pfif­fe der rus­si­schen Zu­schau­er im Halb­fi­nal nicht zu stö­ren. Spä­ter ent­schul­dig­te er sich, er ha­be jah­re­lang bei Dy­na­mo Kiew ge­spielt und sei der Ukrai­ne des­halb ver­bun­den. Co-Trai­ner Og­n­jen Vu­ko­je­vic, der mit­ju­bel­te, wur­de vom kroa­ti­schen Fuss­ball­ver­band üb­ri­gens nach Hau­se ge­schickt. Vi­da durf­te blei­ben, er wird noch be­nö­tigt.

Es gibt vie­le un­ap­pe­tit­li­che Ge­schich­ten rund um den

Die letz­ten 10 WM-Fi­nals kroa­ti­schen Fussball, es geht um Kor­rup­ti­ons­vor­fäl­le, in die auch Lo­v­ren, Mod­ric und Ver­bands­prä­si­dent Da­vor Su­ker ver­wi­ckelt sind. Zu­dem sor­gen die Fans Kroa­ti­ens regelmässig für Skan­da­le. An der Eu­ro 2016 zün­de­ten sie in St. Eti­en­ne beim Spiel ge­gen Tsche­chi­en (2:2) mehr­mals ben­ga­li­sche Feu­er und lie­fer­ten sich Schlä­ge­rei­en mit Ord­nern.

Die wei­che Sei­te

Es geht zu­wei­len rup­pig zu und her bei den Kroa­ten. Im ers­ten WM-Spiel ge­gen Ni­ge­ria (2:0) lehn­te An­grei­fer Ni­ko­la Ka­li­nic ab, in der 85. Mi­nu­te ein­ge­wech­selt zu wer­den. Er schob Rü­cken­be­schwer­den als Grund vor, doch Trai­ner Da­lic warf Ka­li­nic aus dem Team und sag­te: «Ich kann nur Spie­ler ge­brau­chen, die sich voll und ganz in den Di­enst der Mann­schaft stel­len.»

All die­se Vor­komm­nis­se hiel­ten die Kroa­ten nicht auf. Und sie of­fen­bar­ten an die­ser WM auch ih­re wei­che Sei­te. Fünf Kin­der der Fuss­bal­ler kick­ten nach dem Sieg ge­gen En­g­land am Mitt­woch noch ge­gen Mit­ter­nacht im Lu­sch­ni­ki-Sta­di­on auf dem Ra­sen, bis sie von ih­ren Vä­tern vom Platz ge­holt wur­den. De­jan Lo­v­ren hat­te dann auch ei­ne Er­klä­rung pa­rat, war­um das 4-Mil­lio­nen-Ein­woh­ner-Land Kroa­ti­en im WM-Fi­nal steht: «Wir ha­ben gu­te Müt­ter und gu­te Vä­ter, die gu­te Lie­be ma­chen.»

Fa­bi­an Ruch, Mos­kau

Fo­to: Cli­ve Ro­se (Get­ty Images)

Mit we­hen­dem Haar und viel Ein­satz: Dom­a­goj Vi­da.

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