Der Blond­schopf im Exil

BZ Langenthaler Tagblatt - - Sport -

«Die Er­war­tun­gen dür­fen nicht ins Uner­mess­li­che stei­gen.»

Erich Hän­zi

FUSSBALL Erich Hän­zi war Cap­tain, als die Young Boys im Neu­feld spiel­ten. Heu­te keh­ren die Ber­ner für den Uh­ren­cup zu­rück, und der ak­tu­el­le Ta­lent­ma­na­ger er­in­nert sich.

Wenn er die Tart­an­bahn ent­lang­läuft, den Blick schwei­fen lässt über den Ra­sen, Steh­plät­ze auf der ei­nen, Holz­tri­bü­ne auf der an­de­ren Sei­te, kom­men sie wie­der hoch, die Er­in­ne­run­gen an da­mals. 2001, als die Young Boys auf­grund des Neu­baus des Wank­dorf­sta­di­ons ins Neu­feld­sta­di­on aus­wei­chen muss­ten. «Das ist ei­ne lan­ge Ge­schich­te», sagt Erich Hän­zi und lacht. «Aber ich be­gin­ne mal zu er­zäh­len.»

An­ge­führt von Cap­tain Hän­zi wa­ren die Ber­ner da­mals nach vier Jah­ren Ab­we­sen­heit ge­ra­de in die höchs­te Spiel­klas­se zu­rück­ge­kehrt. Doch am 7. Ju­li misch­te sich zum Sai­son­start in die Auf­stiegs­eu­pho­rie ei­ne Pri­se Weh­mut, als die Ber­ner in ih­rem vor­läu­fig letz­ten Spiel im Wank­dorf ge­gen Lu­ga­no an­tra­ten. In der Mann­schaft sei ei­ne ge­wis­se Skep­sis spür­bar ge­we­sen, sagt Hän­zi, und ei­ne Un­ge­wiss­heit dar­über, was ei­nen auf der an­de­ren Sei­te der Stadt er­war­ten wür­de. Zwei Wo­chen spä­ter spiel­ten die Young Boys erst­mals im Neu­feld, 9000 Zu­schau­er wa­ren für die Par­tie ge­gen den FC Zü­rich ge­kom­men. Da­mit al­le Leu­te Platz fän­den, wur­de ei­ne zu­sätz­li­che Tri­bü­ne auf­ge­stellt. Die Eu­pho­rie im Um­feld von YB war be- acht­lich, und dank der at­trak­ti­ven Spiel­wei­se, wel­che die Ber­ner pfleg­ten, pil­ger­ten die Leu­te scha­ren­wei­se ins Neu­feld. «Es hat von An­fang an ge­passt», sagt Hän­zi.

13 Jah­re sind seit den YB-Auf­trit­ten im Neu­feld ver­gan­gen, doch wer Hän­zi er­zäh­len hört vom Ein­laufsong, von Zu­schau­ern, die zur Un­ter­stüt­zung mit ih­ren Schlüs­seln klim­per­ten, denkt, sie lä­gen ge­ra­de ein­mal zwei Wo­chen zu­rück. 25-mal in Fol­ge blie­ben die Ber­ner im Neu­feld ein­mal un­ge­schla­gen. Hän­zi spricht von ei­nem «ein­zig­ar­ti­gen Groo­ve», der sich ent­wi­ckelt ha­be, und da der mu­ti­ge Auf­stei­ger die Er­war­tun­gen der Zu­schau­er über­traf, war bald ein­mal der Slo­gan kre­iert, der wie kein zwei­ter für die Exil­zeit im Neu­feld steht: «YB macht glück­lich.»

Kei­ner fürs Hai­fisch­be­cken

Hän­zi war nicht nur Cap­tain, son­dern Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur, ge­schätzt für sei­ne bo­den­stän­di­ge Art, sei­ne Fair­ness und sei­nen be­din­gungs­lo­sen Ein­satz. «Fuss­ball­gott» nann­ten ihn die Fans. Die Wert­schät­zung ist bis heu­te ge­blie­ben. «Es ist schön, wenn man merkt, dass die Leu­te po­si­ti­ve Er­in­ne­run­gen an ei­nen ha­ben.»

Der See­län­der ist dem Ver­ein auch nach sei­ner Ak­tiv­kar­rie­re ver­bun­den ge­blie­ben. Und nach­dem er ab 2008 wäh­rend fünf Jah­ren als As­sis­tenz­trai­ner beim FC Zü­rich tä­tig ge­we­sen war, über­nahm Hän­zi ab 2013 ei­ne Trai­ner­funk­ti­on im YB-Nach-

wuchs. Ein Rück­schritt auf der Kar­rie­re­lei­ter? Nein. Die Nach­wuchs­ar­beit ist Hän­zi nä­her als das Pro­fi­ge­schäft. Nach der Ent­las­sung von Uli For­te im Au­gust 2015 as­sis­tier­te er zwar In­te­rims­trai­ner Ha­rald Gäm­per­le wäh­rend sie­ben Spie­len in der ers­ten Mann­schaft. Der 53-Jäh­ri­ge stell­te aber von Be­ginn an klar, dass er wie­der in den Nach­wuchs zu­rück­keh­ren möch­te. Auf die­ser Stu­fe kön­ne er sich bes­ser ein­brin­gen, sagt Hän­zi und fügt an: «Trai­ner auf höchs­tem Ni­veau zu wer­den, ist nichts für mich. In die­sem Hai­fisch­be­cken wür­de ich zu schnell ge­fres­sen wer­den.»

Vor ei­nem Jahr hat Hän­zi die Po­si­ti­on des Ta­lent­ma­na­gers über­nom­men, die nach Chris­toph Spy­chers Er­nen­nung zum Sport­chef frei ge­wor­den war. Er be­treut al­so die bes­ten Spie­ler zwi­schen U-16 und U-18, fuss­bal­le­risch, aber auch bei der Aus­bil­dung und in pri­va­ten Din­gen. Ei­ne sinn­vol­le und durch­dach­te Kar­rie­re­pla­nung ha­be da­bei obers­te Prio­ri­tät, sagt Hän­zi. Er fühlt sich wohl, wo er jetzt ist, und er freut sich sehr, wenn Spie­ler, die er einst mit­aus­ge­bil­det hat, den Sprung in die ers­te Mann­schaft schaf­fen – wie der 18-jäh­ri­ge Jan Kro­nig, der un­längst sei­nen ers­ten Pro­fi­ver­trag un­ter­zeich­ne­te. «Es ist schön, wur­de die Ar­beit in der letz­ten Sai­son mit dem be­lohnt, was wir uns al­le so sehr ge­wünscht ha­ben.»

Der Wunsch an die Fans

Der Meis­ter­ti­tel war auch für Hän­zi ei­ne ganz spe­zi­el­le und emo­tio­na­le Sa­che, schliess­lich war er bis an­hin ei­ner der Letz­ten ge­we­sen, der beim Cup­sieg 1987 ei­nen Po­kal in die Hö­he stem­men durf­te. Doch schafft YB die Ti­tel­ver­tei­di­gung? «Ich wür­de mir wün­schen, dass die Leu­te nicht mit der Er­war­tungs­hal­tung in die Sai­son ge­hen, dass YB un­be­dingt Meis­ter wer­den muss», sagt Hän­zi. Lie­ber sol­len die Fans die Mann­schaft un­ter­stüt­zen und schau­en, was drin­liegt. «Die Er­war­tun­gen dür­fen nicht ins Uner­mess­li­che stei­gen. Das wä­re falsch.»

Es ist ei­ne Aus­sa­ge, die zum bo­den­stän­di­gen Hän­zi passt. Und wahr­schein­lich wird es heu­te noch ganz vie­len so ge­hen wie ihm, wenn die Young Boys für ih­re zwei­te Par­tie am dies­jäh­ri­gen Uh­ren­cup ins Neu­feld zu­rück­keh­ren und Pre­mier-Le­ague-Auf­stei­ger Wol­ver­hamp­ton emp­fan­gen. Wahr­schein­lich wer­den ei­ni­ge den Blick von der ei­nen zur an­de­ren Tri­bü­ne über den Ra­sen schwei­fen las­sen, die klim­pern­den Schlüs­sel und den Ein­laufsong in den Oh­ren.

Si­mon Schei­deg­ger

Fo­to: Andre­as Blat­ter

Bo­den­stän­dig und be­liebt: Erich Hän­zi führ­te die Young Boys im Neu­feld als Cap­tain aufs Feld.

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