Grabs schwers­ter Gang

BZ Langenthaler Tagblatt - - Sport -

Mar­tin Gr­ab hat den Schwing­sport über Jahr­zehn­te ge­prägt. Er steht wie kaum ein Zwei­ter für die Wer­te der Sport­art ein – oder eher: stand. Zwei Mo­na­te nach sei­nem Rück­tritt sieht sich Gr­ab näm­lich mit ei­ner po­si­ti­ven Do­ping­pro­be kon­fron­tiert.

Er war ein Em­por­kömm­ling mit glän­zen­den Per­spek­ti­ven, der sich mit 17 Jah­ren just auf der Vue des Al­pes sei­nen ers­ten Kranz hol­te. Das war 1996 beim «Neu­en­bur­ger Kan­to­na­len». 124 Krän­ze soll­ten fol­gen, da­zu zwei Tri­um­phe an An­läs­sen mit eid­ge­nös­si­schem Cha­rak­ter (Ex­poSchwin­get 2002, Uns­pun­nen­fest 2006). Bis heu­te ist Mar­tin Gr­ab, sie­ben­fa­cher «Eid­ge­nos­se», der ein­zi­ge Ath­let, der an sämt­li­chen Berg­fes­ten oben­aus ge­schwun­gen hat. We­gen chro­ni­scher Hüft­be­schwer­den trat der In­ner­schwei­zer am 6. Mai die­ses Jah­res zu­rück – zwei Wo­chen zu­vor hat­te er am «Zu­ger Kan­to­na­len» völ­lig un­er­war­tet sei­nen 33. Kranz­fest­sieg ge­fei­ert.

Der 39 Jah­re al­te Gr­ab sprach von ei­nem mär­chen­haf­ten Ab­schied. Nun wird das Hap­py End zum Dra­ma: Der Ro­then­thur­mer sieht sich mit ei­ner po­si­ti­ven Do­ping­kon­trol­le kon­fron­tiert. Aus­ge­rech­net Gr­ab, der wie kaum ein an­de­rer für die Wer­te des Schwing­sports ein­steht. Ent­spre­chend wir­belt der Fall ge­hö­rig Sä­ge­mehl auf. Wir lie­fern sie­ben Fra­gen und Ant­wor­ten da­zu.

Wer kon­trol­liert die Schwin­ger? Bis Herbst 2016 führ­te der Eid­ge­nös­si­sche Schwin­ger­ver­band mit sei­ner ei­ge­nen Do­ping­in­stanz die Kon­trol­len durch. Es ka­men je­doch je län­ger, je mehr Vor­wür­fe, die ei­ge­nen Ath­le­ten wür­den ge­schützt. Mitt­ler­wei­le ist der Ver­band Mit­glied von Swiss Olym­pic, hat sich An­ti­do­ping Schweiz an­ge­schlos­sen, was po­si­tiv aufs Image wirkt. Im Ver­band exis­tiert wei­ter­hin ei­ne An­ti­do­pingKom­mis­si­on, die al­ler­dings nur noch prä­ven­tiv agiert re­spek­ti­ve Auf­klä­rungs­ar­beit ver­rich­tet.

Wie häu­fig wer­den die Schwin­ger kon­trol­liert?

Wa­ren Kon­trol­len vor zwei Jahr­zehn­ten ei­ne Ra­ri­tät, wur­de in der Fol­ge häu­fi­ger ge­tes­tet. Fun­da­men­tal ver­än­dert hat sich die Si­tua­ti­on seit dem Über­tritt zu An­ti­do­ping Schweiz. Wäh­rend und ab­seits der Wett­kämp­fe ha­ben sich die Kon­trol­len ver­viel­facht. Mat­thi­as Sem­pach, Schwin­ger­kö­nig von 2013, sagt, ein Se­ri­en­sie­ger wer­de si­cher ein hal­bes Dut­zend Mal pro Sai­son ge­tes­tet. Er selbst, zu­letzt län­ger ver­letzt, hat heu­er zwei­mal von un­an­ge­mel­de­ten Kon­trol­leu­ren Be­such er­hal­ten. Die Schwin­ger müs­sen nicht Tag für Tag an­ge­ben, wo sie sich auf­hal­ten, je­doch Trai­nings­or­te und län­ge­re Aus­lands­auf­ent­hal­te mel­den. An den Fes­ten wer­den nicht nur von To­p­ath­le­ten Pro­ben ge­nom­men, son­dern auch von Schwin­gern, die nach vier von sechs Gän­gen aus­schei­den.

Wann wur­de Gr­ab kon­trol­liert? Am 17. April 2018, fünf Ta­ge vor Grabs letz­tem Kranz­fest­sieg am «Zu­ger Kan­to­na­len». Am 26. Ju­ni 2018 in­for­mier­te An­ti­do­ping Schweiz den Ath­le­ten über das Er­geb­nis der A-Pro­be.

Um wel­che ver­bo­te­ne Sub­stanz han­delt es sich?

Bei der Pro­be wur­den Spu­ren von Ta­m­oxi­fen ge­fun­den. Es han­delt sich um ei­nen Wirk­stoff aus der Grup­pe der An­tiös­tro­ge­ne, der zur Vor­beu­gung und Be­hand­lung von Brust­krebs ein­ge­setzt wird. Seit 2005 steht die Sub­stanz auf der Lis­te der Welt-An­ti-Do­pingA­gen­tur, «weil Ta­m­oxi­fen die Wir­kung von Ana­bo­li­ka oder Tes- tos­te­ron im Kör­per ver­län­gert», wie Do­ping­ex­per­te Mat­thi­as Kam­ber er­klärt.

Was sagt Gr­ab?

«Ich bin be­stürzt. Schwin­gen ist mein Le­ben. Ich ha­be mich im­mer für ei­nen fai­ren und sau­be­ren Sport ein­ge­setzt. Wäh­rend mei­ner Kar­rie­re wur­de ich sehr viel auf Do­ping ge­tes­tet – und das stets ne­ga­tiv. Des­halb kann ich mir die­se po­si­ti­ve A-Pro­be nicht er­klä­ren. Ich bin über­zeugt, dass ich auch heu­te sau­ber bin. Ich ver­si­che­re, nie­mals wis­sent­lich und wil­lent­lich ver­bo­te­ne Sub­stan­zen ein­ge­nom­men zu ha­ben, we­der di­rekt noch in­di­rekt.»

Gr­ab ist zu­rück­ge­tre­ten. Mit wel­chen Fol­gen muss er rech­nen?

Bis zur Öff­nung der B-Pro­be, die Gr­ab be­an­tragt hat, gilt die Un­schulds­ver­mu­tung. Wo­bei die B-Pro­be laut Kam­ber zu 99,9 Pro­zent das Re­sul­tat der A-Pro­be be-

Han­delt es sich um den ers­ten Do­ping­fall im Schwing­sport? Nein, um den sechs­ten. 2001 wur­de Beat Ab­der­hal­den, Bru­der des drei­fa­chen Schwin­ger­kö­nigs Jörg Ab­der­hal­den, mit ei­nem zu ho­hen Tes­to­ste­ron­wert er­wischt (18 Mo­na­te Sper­re). Der Ber­ner Thomas Witt­wer blieb 2005 mit Ana­bo­li­ka in ei­ner Kon­trol­le hän­gen (zwei Jah­re Sper­re). Ste­fan Mar­ti wur­de 2012 das Me­di­ka­ment Mo­da­fi­nil nach­ge­wie­sen, wel­ches er we­gen sei­ner Schlaf­krank­heit ein­neh­men muss. Weil er sich kein ärzt­li­ches At­test hat­te aus­stel­len las­sen, muss­te er sechs Mo­na­te lang aus­set­zen.

Der St. Gal­ler Pe­ter Bän­zi­ger – wie der Mit­tel­län­der Mar­ti kein Spit­zen­schwin­ger – wur­de 2013 zwei Jah­re ge­sperrt, nach­dem das Zoll­in­spek­to­rat ei­ne an ihn adres­sier­te Sen­dung mit ver­bo­te­nen Sub­stan­zen ab­ge­fan­gen hat­te. Kurz dar­auf wur­de Bru­no Gis­ler po­si­tiv auf Ni­ket­ha­mid (sti­mu­liert Atem und Kreis­lauf ) ge­tes­tet. Der Kranz am «Eid­ge­nös­si­schen» 2013 wur­de ihm ab­er­kannt, ge­sperrt wur­de der So­lo­thur­ner nur für sechs Mo­na­te. Gis­ler hol­te bei der Er­klä­rung zu ei­nem fan­ta­sie­vol­len Schlungg aus: Er ha­be den Übel­keits­spray sei­ner schwan­ge­ren Frau ver­wen­det. Nur: In die­sem war die ver­bo­te­ne Sub­stanz gar nicht ent­hal­ten.

Phil­ipp Rind­lis­ba­cher

Re­to Kirch­ho­fer

Wie war Ihr Tag?

Ste­fan Küng: Sehr, sehr lang war er. Und lang­wei­lig. 231 Ki­lo­me­ter von A nach B. Schwie­rig­kei­ten gab es auch kei­ne, aus­ser mal et­was Wind.

Tut Ih­nen nach ei­nem so lan­gen Tag der Hin­tern weh?

Nein, zum Glück nicht. Bis­lang kam ich oh­ne Sitz­pro­ble­me durch die­se Tour. Wir ha­ben gu­te Sitz­pols­ter in un­se­ren Ve­lo­ho­sen, und ich brau­che auch et­was Sitz­creme. Am un­an­ge­nehms­ten ist es, wenn es sehr heiss ist. Dann reibt man sich ger­ne et­was die Haut auf.

Hö­he- und Tief­punk­te be­züg­lich Ho­tels in der ers­ten Wo­che?

Hö­he­punkt war ges­tern, da hat­ten wir fast schon Sui­ten in ei­nem mo­der­nen Ho­tel, mit gu­ten Bet­ten. Der Tief­punkt ist wohl heu­te: ein nor­ma­les Ibis-Ho­tel, wo das Zim­mer so klein ist, dass der Mas­seur das Bett an die Wand kip­pen muss, um über­haupt sei­ne Lie­ge auf­stel­len zu kön­nen.

Sie le­sen Bü­cher. Wie ver­trei­ben sich Ih­re Team­kol­le­gen die Zeit?

Na­tür­lich sind al­le am Han­dy, schau­en viel­leicht ei­nen Film. Im Bus bin ich der Ein­zi­ge, der ein Buch liest. Im Ho­tel liest mein Zim­mer­kol­le­ge eben­falls, ein­fach auf sei­nem Kind­le. Aber all­zu viel Zeit hat­ten wir bis­her gar nicht. Die Trans­fers wa­ren im­mer lang. Nach dem Nacht­es­sen blei­ben wir meist noch ei­ne Wei­le am Tisch. In­ter­view: ebi

Fo­to: Alex­an­dra Wey (Keysto­ne)

En­de mit Schre­cken? Mar­tin Gr­ab, un­längst zu­rück­ge­tre­ten, wur­de po­si­tiv ge­tes­tet.

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