Der Ro­man

BZ Langenthaler Tagblatt - - Unterhaltung -

78.To­bler bleck­te die Zäh­ne. «Viel Glück, wenn Sie das be­wei­sen wol­len.»

Van­zet­ti wand­te sich zum Ge­hen. «Das über­las­se ich an­de­ren. In Ih­rer Kar­rie­re sol­len Sie ei­ne Men­ge Leu­te vor den Kopf ge­stos­sen ha­ben. Be­stimmt wer­den die sich dar­auf stür­zen. Und die Me­di­en erst… Selbst wenn Sie am En­de nicht vor Ge­richt lan­den, sind Sie er­le­digt.»

To­bler sank zu­rück in den Ses­sel. «Ver­schwin­den Sie.»

«Ger­ne. Ich fin­de sel­ber hin­aus.» Van­zet­ti ver­liess das Bü­ro, schlen­der­te durch die Ein­gangs­hal­le und hin­aus in die schwü­le Luft. To­bler war der Ein­zi­ge bis­her, bei dem Sa­xer und er kei­nen Zwei­fel über die krum­men Ge­schäf­te heg­ten. Doch es lag noch viel Ar­beit vor ih­nen, sie hat­ten erst ei­nen Teil des Ar­chivs ge­sich­tet.

Er ging über das Kopf­stein­pflas­ter hin­un­ter, steck­te sich ei­ne Zi­ga­ret­te an und er­reich­te das schmie­de­ei­ser­ne Tor. Da hör­te er ei­nen dump­fen Schuss. Van­zet­ti dreh­te sich um und griff seuf­zend zum Han­dy.

To­bler, die­ser Feig­ling, stahl sich aus der Ver­ant­wor­tung.

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Van­zet­ti liess das Au­to auf dem Park­platz ste­hen, durch­quer­te das of­fe­ne Tor und spa­zier­te über das Ge­län­de. In der Hand hielt er ei­nen Strauss Li­li­en – Ta­ma­ras Lieb­lings­blu­men.

Beim Teich setz­te er sich auf ei­ne Bank und ge­noss die Son­ne im Ge­sicht. Er ver­weil­te ger­ne auf dem Fried­hof von Kö­niz. Das weit­läu­fi­ge Ge­län­de mit den mäch­ti­gen Bäu­men und dem Gur­ten im Hin­ter­grund hat­te nichts Be­drü­cken­des, im Ge­gen- teil. Hier kam er zur Ru­he, konn­te sei­ne Ge­dan­ken sam­meln. Es war der Wunsch von Ta­ma­ras El­tern ge­we­sen, ih­re Toch­ter und ih­re En­ke­lin «in der Nä­he» zu ha­ben. Heu­te war Van­zet­ti froh, dass er da­mals zu­ge­stimmt hat­te.

Vor zwölf Ta­gen hat­te sich Bun­des­rich­ter Ar­nold To­bler das Le­ben ge­nom­men, da­mit hat­te Van­zet­ti zu­min­dest die­sen Teil des Falls of­fi­zi­ell zu den Ak­ten le­gen kön­nen. Doch noch im­mer ar­bei­te­ten sich Sa­xer und er durch das Cin­ce­ra-Archiv auf der Su­che nach wei­te­ren Tä­tern oder Op­fern. Es wür­de noch Wo­chen dau­ern, bis sie zu ei­nem Ab­schluss kä­men.

Das galt auch für Lu­cy. Erst vor we­ni­gen Ta­gen hat­te sie ei­nen ers­ten Spa­zier­gang an der Aa­re ma­chen kön­nen. Nach wie vor war ihr an­zu­se­hen, wie sehr sie phy­sisch und psy­chisch litt. Doch es gab auch po­si­ti­ve Zei­chen: Über­ra­schend hat­te sich Lu­cy vor drei Ta­gen ei­nen Hund aus dem Tier­heim ge­holt, ein ko­mi­sches Vieh, und ihn auf den Na­men Wins­ton ge­tauft. Mit dem ging sie jetzt drei Mal pro Tag an die fri­sche Luft.

Zoe hat­te un­be­zahl­ten Ur­laub ge­nom­men und küm­mer­te sich lie­be­voll um ih­re Gross­mut­ter. Doch neu­er­dings trai­nier­te sie wie­der und ver­folg­te die Nach­rich­ten. Van­zet­ti konn­te ihr an­se­hen, wie ih­re in­ne­re Un­ru­he wuchs. Be­stimmt wür­de sie bald in den Job zu­rück­keh­ren. Und spä­ter, in ein paar Wo­chen viel­leicht, die Zeit für ei­nen lan­gen Spa­zier­gang oder ein ge­mein­sa­mes Es­sen fin­den.

Und dann…? Noch vor Kur­zem hät­te Van­zet­ti die Idee ei­ner Be­zie­hung mit die­ser hy­per­ak­ti­ven Ner­ven­sä­ge für völ­lig hirn­ris­sig ge­hal­ten. Doch mitt­ler­wei­le fand er den Ge­dan­ken nicht mehr ganz so ab­we­gig.

Er setz­te sich wie­der in Be­we­gung, mach­te ei­nen wei­ten Bo­gen um den Teich, ging an der Auf­bah­rungs­hal­le vor­bei und kam schliess­lich zum Feld A5. Fri­sche Blu­men schmück­ten das Gr­ab – be­stimmt von Ta­ma­ras Mut­ter. Van­zet­ti leg­te sei­ne Li­li­en da­ne­ben, knie­te sich vor den Gr­ab­stein und strich mit der Hand über den Gra­nit. Vor bald drei Jah­ren war Ta­ma­ra bei der Ge­burt von Lau­ra ge­stor­ben. In Ge­dan­ken ver­weil­te Van­zet­ti bei sei­ner klei­nen Fa­mi­lie.

Mit den Fin­gern grub er ein klei­nes Loch ne­ben den St­ein. Er griff in sei­nen Na­cken, lös­te die Halskette mit dem Ehe­ring und leg­te bei­des hin­ein. Dann schau­fel­te er mit der Hand Er­de dar­über.

Mit dem Zeig­fin­ger fuhr Van­zet­ti die ein­ge­ritz­ten Na­men sei­ner Frau und sei­ner Toch­ter nach.

Er er­hob sich und schlen­der­te zu­rück un­ter den mäch­ti­gen Bäu­men, blick­te hin­auf zum Gur­ten und noch wei­ter in den blau­en Som­mer­him­mel.

Rolf von Sie­ben­thal «Letz­te Wor­te». Kri­mi­nal­ro­man © 2017 Fried­rich Rein­hardt Ver­lag.

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