Ber­ner Rap­per Se­rej singt neu Bal­la­den

MU­SIK Einst mach­te er har­te Rei­me. Nun singt der Ber­ner Se­rej mit Kla­vier un­ter­mal­te Bal­la­den. Es ist wun­der­ba­re Hüh­ner­haut­mu­sik. Was ist bloss mit dem Wur­zel-5-Rap­per pas­siert? Ein Haus­be­such im Ber­ner Obst­berg­quar­tier.

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Heu­te er­scheint das neue Al­bum des ehe­ma­li­gen Wur­zel-5Rap­pers Se­rej. Statt har­ter Rei­me prä­sen­tiert er Pia­no­bal­la­den. Was ist pas­siert?

Vor ei­ner Vier­tel­stun­de ist er aus der Land­schul­wo­che zu­rück­ge­kehrt, ei­ne Wo­che hat­te er mit sei­ner Klas­se ab­ge­le­gen im Na­tur­freun­de­haus in Wa­sen ver­bracht. Und nun hat es vor dem In­ter­view nicht ein­mal für ei­ne Du­sche ge­reicht.

Se­rej sitzt mit ei­nem gros­sen Loch in der So­cke und ei­ner Zi­ga­ret­te in der Hand im wild­ro­man­ti­schen Gar­ten sei­nes Hau­ses im Ber­ner Obst­berg. Al­te Hoch­stäm­mer ste­hen hier, voll be­han­gen mit voll­rei­fen Zwetsch­gen und Äp­feln. Ein Pa­ra­dies mit­ten in der Stadt. «Am Abend se­hen wir der Dachs­fa­mi­lie zu, die kommt vom Aare­hang und mag Zwetsch­gen», sagt Céd­ric Mar­ti, der hier Se­rej ge­nannt wer­den wird, denn um Se­rej, den har­ten Rap­per, der nun wun­der­ba­re Pia­no­bal­la­den macht, soll es in die­sem Text ge­hen. Heu­te er­scheint sein ers­tes

Al­bum. Es heisst «I ha­ne Idee gha».

Ein Le­ben in ei­nem Quar­tier

Se­rej, 41, fin­det so­wie­so nicht, dass er je ein har­ter Rap­per ge­we­sen sei. Vor fast zwan­zig Jah­ren wur­de er mit der Hip-Hop-Com­bo Wur­zel 5 be­kannt, sie wa­ren Ber­ner Rap­pio­nie­re, vi­el­leicht nicht die bes­ten, aber die ers­ten und dar­um spek­ta­ku­lär. Sie wa­ren auch mass­geb­lich an Ch­ly­klass, dem Zu­sam­men­schluss Ber­ner Hip-Hop-Bands mit PVP, Ba­ze und Greis be­tei­ligt. «Schon da­mals hat man uns manch­mal für un­se­ren Pa­thos be­lä­chelt», sagt Se­rej und zieht an sei­ner Zi­ga­ret­te. Dann gab die Com­bo den Rück­tritt, es wur­de still um den Rap­per.

Se­rej wur­de Va­ter, kon­zen­trier­te sich auf sei­nen Job als Leh­rer im Lau­begg-Schul­haus. Seit fünf­zehn Jah­re un­ter­rich­tet er dort. Das Schul­haus ist im sel­ben Quar­tier wie sein Haus ge­le­gen. Sein gan­zes Le­ben hat er im Obst­berg, dem Ber­ner Quar­tier hoch über dem Bä­ren­gra­ben, ver­bracht. Nur ein ein­zi­ges Mal in sei­nem Le­ben hat er für kur­ze Zeit wo­an­ders ge­lebt, «in der El­fenau», sagt Se­rej – und muss selbst ein biss­chen la­chen.

Kla­vier zur The­ra­pie

Im Schul­haus kam er auch wie­der zur Mu­sik. Sein Ar­beits­kol­le­ge Andre­as Knecht mach­te mit ihm zu­sam­men die Schnit­zel­bän­ke für die ab­tre­ten­den Leh­rer. Und ir­gend­wann fin­gen sie an, nicht nur Ab­schieds­tex­te zu rei­men, son­dern Lie­der zu schrei­ben. «Ich sag­te: ‹Komm, Än­du, du musst mir hel­fen›» Kurz zu­vor hat­te Se­rej wie­der mit Kla­vier­spie­len an­ge­fan­gen. Als Kind hat­te er das In­stru­ment ge­lernt, als jun­ger Er­wach­se­ner war es ihm ver­lei­det. Doch als er vor drei Jah­ren ei­ne schwie­ri­ge Zeit durch­mach­te, setz­te er sich plötz­lich wie­der ans Kla­vier. «Ich spiel­te Ma­ni-Mat­ter-Songs und the­ra­pier­te mich so sel­ber.»

Sorg­fäl­tig und pa­the­tisch

Mit die­sen In­ter­pre­ta­tio­nen von Mat­ter-Songs trat er vor ei­nem Jahr erst­mals an ei­nem Kon­zert auf. Mit durch­schla­gen­dem Er­folg: Aus dem ei­nen wur­den meh­re­re Kon­zer­te, und bei je­dem ka­men mehr ei­ge­ne Songs hin­zu. Bis nun ein Al­bum da ist. Ein Al­bum, das vor gros­sen Ge­füh­len nicht zu­rück­schreckt, sich dem Pa­thos ge­nüss­lich hin­gibt. Die me­lan­cho­li­sche Grund­stim­mung von «I ha­ne Idee gha» macht Hüh­ner­haut. Und be­glückt, min­des­tens die­je­ni­gen, die kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te mit Bal­la­den ha­ben. Wo­bei die bern­deut­schen Tex­te sorg­fäl­tig ge­schrie­ben sind, fein­sin­nig, mit Hu­mor und Tief­gang. «Mir söt­te meh wi d Chat­ze uf Böim, la plat­ze die Tröim, u la­che üs d Lüt us, mir ma­che üs nüt drus.»

Trotz­dem fragt man sich, ob Se­rej wirk­lich so ge­fühls­du­se­lig ge­wor­den ist. Se­rej im Obst­berg­gar­ten zuckt mit den Schul­tern, zieht ein biss­chen die Au­gen­brau­en zu­sam­men, so­dass sich auf der Stirn ei­ne steile Fal­te bil­det, was oft ge­schieht. «Ich war schon im­mer so. Ich ma­che ger­ne schö­ne und be­rüh­ren­de Mu­sik. Pa­the­tik ist okay.»

Wie­der ein Zi­ga­ret­ten­zug, ein kur­zes Nach­den­ken. «Ich bin kein Me­lan­cho­li­ker. Aber ich mag Lie­der, die un­ter die Haut ge­hen. Und ich will al­le Frei­hei­ten ha­ben. Nicht trau­rig oder lus­tig sein müs­sen. Sonst bin ich im Strick­mus­ter drin – und das will ich nicht.»

Dar­um muss­te er sich ir­gend­wann von Ma­ni Mat­ter lö­sen. Zu vie­le fi­xe Er­war­tun­gen. Auf dem Al­bum ist nur ei­ne «Hom­mage» zu fin­den. Ei­ne Wei­ter­füh­rung von «Dia­log im Strand­bad». Und sonst ist da viel über die Lie­be zu hö­ren, «Meit­schi» et­wa ist ei­ne wun­der­ba­re Lie­bes­er­klä­rung an sei­ne Frau. Und Ver­lie­rer sind in fast je­dem Lied ein The­ma, und sei es nur die Kat­ze, die kei­nen Spatz ge­fan­gen hat. Se­rej be­singt kei­ne Sie­ger­ty­pen.

Nun sitzt er da, mit sei­nem Loch in der So­cke. Nächs­tes Jahr wird Ch­ly­klass das Zwan­zig­jahr­ju­bi­lä­um fei­ern. «Das schreit förm­lich nach dem Gang ins Stu­dio.» Spruchreif ist nichts, man hat ei­ne Whats­app-Grup­pe ge­grün­det, das ein­zi­ge mo­der­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, dem sich Se­rej nicht ver­schliesst. «EMail be­nut­ze ich nicht, Han­dy­Apps auch nicht, ich bin froh, wenn ich kei­ne ner­vi­gen Pflich­ten ha­be», sagt er und steht auf, um ei­ne her­un­ter­ge­fal­le­ne Zwetsch­ge weg­zu­wer­fen. Für die Dach­se. Da­bei stol­pert er fast über die grie­chi­sche Land­schild­krö­te, die im Gar­ten un­ge­stört lebt, selbst Fut­ter sucht, sich im Herbst ir­gend­wo für den Win­ter­schlaf ein­gräbt. Ein klei­nes Pa­ra­dies – und Se­rej mit­ten­drin.

Ma­ri­na Bolz­li

Se­rej: «I ha­ne Idee gha», Equi­peMu­sic, Plat­tentau­fe: Do, 20. 9., 20 Uhr, Bier­hü­be­li, Bern.

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

«Ich bin kein Me­lan­cho­li­ker. Aber ich mag Lie­der, die un­ter die Haut ge­hen», sagt Mu­si­ker Se­rej vor sei­nem Haus im Ber­ner Obst­berg­quar­tier.

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