Ei­ne Hoch­zeit mit 500 bis 600 Gäs­ten oder mehr

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Gi­an­nis Mavris

Nach ih­rer zi­vi­len Trau­ung fei­ern Jac­que­line Gloor und Mer­tan Isik En­de Mo­nat ih­re Hoch­zeit nach tür­ki­schem Brauch.

Ei­ne tür­ki­sche Hei­rat kann man in der Schweiz nicht über­all fei­ern. Denn da­für kom­men im­mer gros­se Ge­sell­schaf­ten zu­sam­men. Des­halb gibt es da­für spe­zi­el­le Sä­le, zum Bei­spiel in Lie­s­tal. Dort hei­ra­ten En­de Mo­nat Jac­que­line Gloor und Mar­tan Isik aus Lan­gen­thal. Es ist ihr zwei­tes Hoch­zeits­fest nach der zi­vi­len Trau­ung im April 2016. Sie er­war­ten da­zu fünf- bis sechs­hun­dert Gäs­te oder mehr.

In­ter­re­li­giö­se und in­ter­kul­tu­rel­le Hei­ra­ten neh­men als Folge der Glo­ba­li­sie­rung in der Schweiz zu. Psy­cho­lo­gin Ma­xi­mi­lia­ne Uh­lich von der Uni­ver­si­tät Bern un­ter­sucht das Phä­no­men. Sie ver­sucht, Res­sour­cen und Her­aus­for­de­run­gen die­ser Part­ner­schaf­ten in Er­fah­rung zu brin­gen. Die­se Ehe­leu­te eig­ne­ten sich be­son­de­re Stra­te­gi­en zur Kon­flikt­be­wäl­ti­gung an, ver­mu­tet sie. Die­se zu er­ken­nen, ist für die For­sche­rin ge­samt­ge­sell­schaft­lich re­le­vant. Sie könn­ten zei­gen, wie das Zu­sam­men­le­ben von Men­schen aus ver­schie­de­nen Kul­tu­ren in der Schweiz funk­tio­nie­ren kön­ne. gm/jr

Jac­que­line Gloor und Mer­tan Isik hei­ra­ten En­de Mo­nat ein zwei­tes Mal. Die tür­ki­sche Hoch­zeits­fei­er wird un­gleich grösser aus­fal­len als sei­ner­zeit die zi­vi­le.

Die Vor­be­rei­tun­gen für die Hoch­zeit lau­fen auf Hoch­tou­ren. Jac­que­line Gloor (28) und Mer­tan Isik (32) er­war­ten fünf- bis sechs­hun­dert Gäs­te. «Und es wer­den lau­fend mehr», sagt Isik amü­siert. Ge­stresst wir­ken die bei­den je­doch nicht im Ge­rings­ten. Die Fei­er wird gröss­ten­teils von sei­nen El­tern or­ga­ni­siert und in Lie­s­tal statt­fin­den, in ei­nem Saal, der für tür­ki­sche Hoch­zei­ten aus­ge­rich­tet ist. Und die­se sind im­mer gross.

Gloor und Isik ha­ben sich be­reits im April 2016 auf dem Stan­des­amt das Ja­wort ge­ge­ben. Sie, re­for­mier­te Lan­gen­tha­le­rin, und er, Sohn ale­vi­ti­scher Kur­den aus der Tür­kei, ha­ben sich vor elf Jah­ren ken­nen und lie­ben ge­lernt. Hei­ra­ten war für sie zu­nächst kein The­ma. Das än­der­te sich je­doch mit der Schwan­ger­schaft. Die Grün­de wa­ren eher prag­ma­ti­scher Na­tur: «Steu­er­tech­nisch ist es bes­ser, ver­hei­ra­tet zu sein. Und wenn man ein Kind hat, ist es schlicht ein­fa­cher», sagt Mer­tan Isik.

Das war aber nicht der ein­zi­ge Grund. «Mei­nen El­tern war ei­ne Trau­ung nach tra­di­tio­nel­ler Art wich­tig», sagt er. Als die­se von der Schwan­ger­schaft er­fuh­ren, woll­ten sie, dass das Paar so­fort hei­ra­tet. Zeit­lich ha­be es je­doch nicht ge­reicht, des­halb kam zu­erst die zi­vi­le Trau­ung. Jetzt folgt die tür­ki­sche Hoch­zeit. En­de Mo­nat ist es end­lich so weit.

Schwei­zer Nach­na­me

Bei­de sind in Lan­gen­thal auf­ge­wach­sen, dass sie un­ter­schied­li­che re­li­giö­se Hin­ter­grün­de ha­ben, war nie ein The­ma. «Nach der Kon­fir­ma­ti­on hat sich bei mir der Kon­takt zum Re­li­giö­sen auf­ge­löst, es in­ter­es­sier­te mich nie», sagt Jac­que­line Gloor. Aus der Kir­che aus­ge­tre­ten sei sie je­doch nicht, we­gen ih­rer Toch­ter. Tau­fen liess sie sie zwar nicht, aber sie sol­le die Wahl ha­ben, das spä­ter sel­ber und aus ei­ge­nen Stü­cken nach­zu­ho­len. Bei Isik war es et­was an­ders: «Un­se­re El­tern ar­bei­te­ten Voll­zeit, so­dass mei­ne Schwes­ter und ich mehr­heit­lich bei den Nach­barn wa­ren. Die­se wa­ren christ­lich an­ge­haucht, wir wur­den ent­spre­chend er­zo­gen.» Für sei­ne El­tern sei das kein Pro­blem ge­we­sen. Er sel­ber sei auch nicht gläu­big. Als an­ti­re­li­gi­ös se­hen sich die bei­den je­doch nicht: «Kein Glau­be ist falsch, letzt­lich geht es um den Men­schen, der da­hin­ter­steckt», sagt Mer­tan Isik.

Dass je­mand ih­re Be­zie­hung nicht gut­hies­se, hät­ten bei­de nie er­lebt, we­der von ih­ren Fa­mi­li­en noch von Freun­den. Nur am An­fang ha­be Isiks Mut­ter mal ge- fragt, war­um er sich denn kei­ne Tür­kin su­che. Er ha­be ge­ant­wor­tet: «So krass es auch klingt: Ir­gend­wann sterbt ihr, und ich müss­te dann mit eu­rer Ent­sch­ei- dung wei­ter­le­ben.» Sei­ne El­tern, de­ren Hoch­zeit von ih­ren El­tern ar­ran­giert wor­den war, hät­ten das ver­stan­den. Bei der Schwes­ter, die ei­nen Schwei­zer ge­hei­ra­tet ha­be, hät­ten sie sich je­doch schwe­r­erge­tan.

Vor ge­sell­schaft­li­chen Be­nach­tei­li­gun­gen ge­feit ist das Paar trotz al­lem nicht. Bei­de ha­ben ih­ren je­wei­li­gen Nach­na­men be­hal­ten, haupt­säch­lich we­gen der Toch­ter. «Mit ei­nem Schwei­zer Na­men wird sie ein­fa­cher durchs Le­ben kom­men», sagt Isik. Man sa­ge zwar, dass es nicht mehr so schlimm sei wie frü­her, er se­he aber kei­nen Un­ter­schied.

So­zia­le Mecha­nis­men

Ei­ne tür­ki­sche Hoch­zeit soll es al­so wer­den, al­ler­dings ei­ne nach den ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen des Paa­res. Ei­ne tür­ki­sche Band ist ge­bucht, die mit tra­di­tio­nel­len Pau­ken­schlä­gern für Stim­mung sor­gen wird. Da­nach wird je­doch Hip-Hop und mo­der­ne Tanz­mu­sik lau­fen. Die Gäs­te von ih­rer Sei­te sei­en deut­lich auf­ge­reg­ter, sagt Jac­que­line Gloor, sie sei­en ja noch nie an ei­ner sol­chen Hoch­zeit ge­we­sen. «Gibts denn da Al­ko­hol?», ha­be je­mand ge­fragt.

Aus Schwei­zer Sicht spe­zi­ell wer­de wohl das Geld­ge­ber­ri­tu­al sein: Nach dem Hoch­zeit­stanz und dem Fest­mahl wer­den Ti­sche auf­ge­stellt, an de­nen die Äl­tes­ten von Isiks Fa­mi­lie sit­zen wer­den. Dann kom­men die Gäs­te und über­ge­ben die Geld­ge­schen­ke. Da­bei wird laut ver­kün­det, wer wie viel gibt. Je en­ger ver­wandt, des­to grösser ist der Be­trag. «Das ist ein so­zia­ler Mecha­nis­mus», sagt Isik. «Da­mit wird si­cher­ge­stellt, dass das Braut­paar die teu­re Hoch­zeit be­zah­len und mit ei­nem Start­ka­pi­tal ins Ehe­le­ben ein­stei­gen kann.» Nicht zu­letzt des­halb war die Hoch­zeit für sei­ne El­tern wich­tig, denn man steht sich ge­gen­sei­tig in der Schuld.

Isik wird noch vor der Hoch­zeit in die Tür­kei flie­gen, um sich ei­nen An­zug zu kau­fen. Der Grund sei zwar et­was vor­ge­scho­ben: «Ich war schon lan­ge nicht mehr da, das ist nun ei­ne gu­te Ge­le­gen­heit. Und ich muss zu­ge­ben, mir fehlt das Es­sen.» Sei­ne Frau ko­che mit we­ni­ger Ge­wür­zen. Das sei wohl das gröss­te kul­tu­rel­le Pro­blem zwi­schen ih­nen.

«Mit den Geld­ge­schen­ken wird si­cher­ge­stellt, dass das Braut­paar die teu­re Hoch­zeit be­zah­len und mit ei­nem Start­ka­pi­tal ins Ehe­le­ben ein­stei­gen kann.»

Mer­tan Isik

Fo­to: Mar­cel Bie­ri

Et­wa sechs­hun­dert Gäs­te wer­den kom­men, wenn Jac­que­line Gloor und Mer­tan Isik hei­ra­ten.

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