Rus­si­sche Spio­ne hin­ter Do­ping-Jä­gern her

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Rus­si­sche Spio­ne nah­men das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee und die An­ti-Do­ping-Agen­tur ins Visier. Nun wird er­mit­telt.

Rus­si­sche Ge­heim­diens­te ha­ben mehr Zie­le in der Schweiz ins Visier ge­nom­men als bis­lang be­kannt. Nebst dem Atom-, Biound Che­mie­waf­fen-La­bor Spiez in­ter­es­sier­ten sich die Agen­ten Wladimir Pu­tins auch für das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee (IOC) – und ins­be­son­de­re für den Eu­ro­pa-Ab­le­ger der An­tiDo­ping-Agen­tur (Wa­da). Bei­de Or­ga­ni­sa­tio­nen mit Sitz in Lau­sanne ha­ben bis ins ver­gan­ge­ne Jahr das rus­si­sche Staats­do­ping un­ter­sucht. Zu ei­ner ih­rer Sit­zun­gen reis­ten laut Sa­mu­el Schmid, frü­her Schwei­zer Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und heu­te Mit­glied der IOC-Ethik­kom­mis­si­on, auch rus­si­sche Agen­ten an. Die Wa­da fiel zu­dem Ha­cker­an­grif­fen zum Op­fer, hin­ter de­nen der rus­si­sche Mi­li­tär­ge­heim­dienst ver­mu­tet wird. Die Bun­des­an­walt­schaft führt be­reits seit März 2017 ein Straf­ver­fah­ren we­gen Ver­dachts auf po­li­ti­schen Nach­rich­ten­dienst im Zu­sam­men­hang mit den Cy­ber­at­ta­cken auf die Wa­da. Die­ses Ver­fah­ren hat sie bis­lang ge­heim ge­hal­ten und nun be­stä­tigt. tok

Die Bun­des­an­walt­schaft er­mit­telt we­gen rus­si­schen Ge­heim­dienst-Ope­ra­tio­nen ge­gen die An­ti-Do­ping-Be­hör­de in Lau­sanne. Die glei­chen Spio­ne sol­len es auf das La­bor Spiez ab­ge­se­hen ha­ben.

Zwi­schen dem Skan­dal um das rus­si­sche Staats­do­ping und dem un­ter­bun­de­nen Spio­na­ge­an­griff auf das Schwei­zer Atom-, Biound Che­mie­waf­fen­la­bor gibt es ei­nen di­rek­ten Zu­sam­men­hang: Zwei rus­si­sche Agen­ten, Spe­zia­lis­ten für Cy­ber­at­ta­cken, wa­ren in Ope­ra­tio­nen in bei­den Fäl­len in­vol­viert. Dies lässt sich aus An­ga­ben der Bun­des­an­walt­schaft (BA) schlies­sen, wel­che die Ver­bin­dung und das Vor­ge­hen ge­gen Schwei­zer Zie­le nun ge­nau­er un­ter­su­chen will. Da­mit die Staats­schutz­er­mitt­ler den geo­po­li­tisch bri­san­ten Kon­nex er­for­schen kön­nen, brau­chen sie al­ler­dings das grü­ne Licht des Bun­des­rats. Das ist die Re­gel bei Spio­na­ge­ver­fah­ren. Kürz­lich ha­ben die Straf­ver­fol­ger das Jus­ti­zund Po­li­zei­de­par­te­ment (EJPD) um die not­wen­di­ge Er­mäch­ti­gung er­sucht. Erst dann kön­nen sie ih­re Straf­un­ter­su­chung vor­an­trei­ben.

Die Lan­des­re­gie­rung hat aber noch kei­nen Ent­scheid ge­fällt. Gui­do Bal­mer, der In­for­ma­ti­ons­chef von Jus­tiz­mi­nis­te­rin Si­mo­net­ta Som­maru­ga, schreibt: «Das Er­mäch­ti­gungs­er­su­chen der BA im er­wähn­ten Fall ist im EJPD ein­ge­gan­gen und wird der­zeit ge­prüft.» Aus­sen­po­li­tisch ist die Sa­che, die sich zu ei­ner ei­gent­li­chen Russ­land­af­fä­re ent­wi­ckelt, de­li­kat. So­gar wenn es sich rechts­kräf­tig be­wei­sen lässt, dass die Ver­däch­ti­gen il­le­gal in der Schweiz ope­rier­ten, kann ih­re Straf­ver­fol­gung star­ke Aus­wir­kun­gen auf die di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen zu Russ­land ha­ben.

Spio­ne dop­pelt auf­ge­fal­len

Die bei­den rus­si­schen Agen­ten sind den eu­ro­päi­schen Si­cher­heits­be­hör­den im Früh­jahr 2018 of­fen­bar nicht zum ers­ten Mal auf­ge­fal­len. In je­nem Zei­t­raum sind sie in Hol­land ver­haf­tet wor­den, wo­mit ei­ne Spio­na­ge­ak­ti­on im La­bor Spiez un­ter­bun­den wur­de. Dies ha­ben die­se Zei­tung und das hol­län­di­sche «NRC Han­dels­blad» ges­tern ent­hüllt. Re­cher­chen zei­gen nun den Be­zug der bei­den Er­tapp­ten zu ei­ner zwei­ten mut­mass­li­chen Spio­na­ge­ope­ra­ti­on in der Schweiz: Die­se frü­he­re Ge­heim­dienst­ak­ti­on stand im Zu­sam­men­hang mit dem rus­si­schen Staats­do­ping. Ziel wa­ren Ex­per­ten in der Schweiz, wel­che für ei­nen sau­be­ren und fai­re­ren Sport kämp­fen. Spre­che­rin Lin­da von Burg be­stä­tigt auf An­fra­ge, dass die BA ein Straf­ver­fah­ren er­öff­net hat we­gen ei­ner Cy­ber­at­ta­cke ge­gen die Welt-An­tiDo­ping-Agen­tur Wa­da. Die Schwei­zer Er­mitt­ler in­ter­es­sie­ren sich in die­sem Zu­sam­men­hang auch für die in Hol­land Ver­haf­te­ten.

Die Wa­da hat ih­ren Eu­ro­paSitz in Lau­sanne. Die Do­ping- jä­ger hat­ten we­gen der Win­ter­spie­le in Sot­schi 2014 ei­ne Un­ter­su­chung durch­ge­führt, wel­che zum Aus­schluss rus­si­scher Ath­le­ten bei Olym­pia 2018 in Pyeong­chang führ­te. Da­zu trug auch Alt-Bun­des­rat Sa­mu­el Schmid bei, in­dem er ei­nen Fol­ge­be­richt über das Staats­do­ping Russ­lands für das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee (IOC) er­ar­bei­te­te. Auch der Sport-Dach­ver­band ist in Lau­sanne hei­misch.

Die rus­si­schen Agen­ten sind nicht zum ers­ten Mal auf­ge­fal­len.

Da­ten flos­sen ab

Das IOC wie die An­ti-Do­pingA­gen­tur wa­ren wäh­rend ih­ren Un­ter­su­chun­gen Ziel von Ha­cker­an­grif­fen ge­wor­den. Aus ei­nem In­for­ma­tik­sys­tem der Wa­da flos­sen ver­trau­li­che me­di­zi­ni­sche Da­ten von Sport­lern ab. Hin­ter den er­folg­rei­chen Cy­ber­at­ta­cken auf die An­ti-Do­pingEx­per­ten steck­te laut Com­pu­ter­fach­leu­ten ver­mut­lich ei­ne rus­si­sche Tä­ter­schaft. Die Wa­da mach­te die Ha­cker­grup­pie­rung Fan­cy Be­ar für ei­nen fol­gen­rei­chen An­griff ver­ant­wort­lich.

Hin­ter Fan­cy Be­ar wird der rus­si­sche Mi­li­tär­ge­heim­dienst ver­mu­tet, den die bri­ti­sche Re­gie­rung auch für den Ner­ven­gif­tAn­schlag auf den Dop­pel­agen­ten Skri­pal ver­ant­wort­lich macht. Die ein­ge­setz­te Sub­stanz No­wit­schok ist spä­ter im La­bor Spiez un­ter­sucht wor­den. Da­durch und we­gen Ana­ly­sen zum Gift­ga­s­Ein­satz im Sy­ri­en­krieg lässt sich ein rus­si­sches In­ter­es­se an der Ar­beit der Fach­leu­te aus dem Ber­ner Ober­land er­klä­ren.

Bei den in­ter­na­tio­na­len Sport­or­ga­ni­sa­tio­nen be­schränk­ten sich die Ope­ra­tio­nen nicht auf Fern­an­grif­fe übers In­ter­net. «Es wa­ren Leu­te in der Schweiz», ver­riet Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Sa­mu­el Schmid En­de 2017 der «Schweiz am Wo­che­n­en­de». «Wäh­rend ei­ner Wa­da-Kon­fe­renz be­fand sich ei­ne De­le­ga­ti­on ei­nes rus­si­schen Nach­rich­ten­diens­tes im sel­ben Ho­tel. Das mach­te uns klar: Wir sind ein kon­kre­tes An­griffs­ziel.» Nun wol­len we­der Schmid noch die Wa­da kon­kre­ter wer­den.

Die Chan­cen, dass die Schwei­zer Jus­tiz die Ver­ant­wort­li­chen je be­lan­gen kann, sind ge­ring. Die in Den Haag Ver­haf­te­ten wur­den in ih­re Hei­mat aus­ge­schafft. Und Russ­land be­strei­tet jeg­li­che Be­tei­li­gung an all den Ope­ra­tio­nen. Tho­mas Knell­wolf und Ti­tus Platt­ner

Fo­to: Lau­rent Gil­lie­ron (Keysto­ne)

Von Ha­ckern an­ge­grif­fen: Das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee in Lau­sanne.

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