Die CSU schraubt ih­re Er­war­tun­gen her­un­ter

BZ Langenthaler Tagblatt - - Ausland -

Re­gie­rungs­kri­se in Ber­lin, Um­fra­ge­tief in Bay­ern: Die CSU ist in der Kri­se. Und in ei­nem Mo­nat wird ge­wählt.

So gross ist die Not der CSU, dass Ge­ne­ral­se­kre­tär Mar­kus Blu­me sich mit ei­nem Brief an die 140 000 Mit­glie­der ge­wandt hat. Blu­me warnt, dass Bay­ern «po­li­tisch zer­split­tert und prak­tisch un­re­gier­bar» wä­re – wenn sich die Mei­nungs­um­fra­gen bei der Land­tags­wahl am 14. Ok­to­ber be­wahr­hei­ten wür­den. Nur noch 35 Pro­zent wies die Um­fra­ge «Bay­ern­trend» des Baye­ri­schen Rund­funks für die CSU aus, sie­ben Par­tei­en könn­ten ins Par­la­ment ein­zie­hen. Die­se Zah­len wer­den in den Köp­fen der De­le­gier­ten ar­bei­ten, wenn sich die CSU heu­te Sams­tag in Mün­chen zum Par­tei­tag trifft. Es klingt trot­zig, wenn Blu­me schreibt: «Wir las­sen uns we­der von Um­fra­gen noch von Ko­ali­ti­ons­spe­ku­la­tio­nen be­ir­ren.»

Op­fer des ei­ge­nen Er­folgs

«Ko­ali­ti­on», das war ja für die Christ­so­zia­len über Jahr­zehn­te ein Be­griff, den sie nur aus dem Bun­des­tag kann­ten – und der dort, so wie der­zeit im Kon­flikt um Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent Hans-Ge­org Maas­sen, oft mit dem Wort «Kri­se» ver­bun­den wird. Vor die­sem Hin­ter­grund ist Blu­mes Schluss­ap­pell zu se­hen: «Wir las­sen nicht zu, dass Bay­ern ein x-be­lie­bi­ges Bun­des­land wird.» Für die CSU ist das Al­lein­stel­lungs­merk­mal der baye­ri­schen Po­li­tik ih­re ei­ge­ne Vor­herr­schaft. Seit 1962 re­giert sie mit ab­so­lu­ter Mehr­heit – das In­ter­mez­zo von 2008 bis 2013, als sie mit der FDP pak­tie­ren muss­te, wähn­te sie im Müll­ei­mer der Ge­schich­te gut auf­ge­ho­ben. Die CSU pflegt das Selbst­ver­ständ­nis der baye­ri­schen Staats­par­tei, das je­doch all­zeit pre­kär ist: Oh­ne die ab­so­lu­te Mehr­heit in Mün­chen büss­te die CSU auch ih­re Durch­set­zungs­kraft als An­walt baye­ri­scher In­ter­es­sen in Ber­lin ein.

Mar­kus Sö­der, der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent, stellt sich gern in die Ah­nen­rei­he von Franz Jo­sef Strauss, Ed­mund Stoi­ber und – et­was we­ni­ger en­thu­si­as­tisch – Horst See­ho­fer: je­nen Män­nern, die den aus­la­den­den Stolz der CSU mit ent­spre­chen­den Land­tags­wahl­er­geb­nis­sen un­ter­füt­ter­ten. Aber um die ab­so­lu­te Mehr­heit geht es für Sö­der schon lan­ge nicht mehr. Die Ziel­mar­ken, die ihm in der Par­tei ge­setzt wer­den, sind seit Mo­na­ten im frei­en Fall: Erst wur­den die 43,4 Pro­zent kol­por­tiert, de­ret­we­gen Gün­ther Beck­stein 2008 als Re­gie­rungs­chef ab­tre­ten muss­te. Dann hiess es, vor­ne müs­se ei­ne Vier ste­hen. Nächs­ter Halt: die 38,8 Pro­zent, die See­ho­fer bei der Bun­des­tags­wahl 2017 zu ver­ant­wor­ten hat­te. Jetzt ist man bei 35 Pro­zent an­ge­langt, und lei­se re­den man­che auch schon von 33 Pro­zent.

Aber war­um ero­diert die Un­ter­stüt­zung für die CSU? Wirtschaft, Bil­dung, Ar­beit, Si­cher­heit – in al­len bun­des­wei­ten Sta­tis­ti­ken nimmt Bay­ern Spit­zen­plät­ze ein. Ein Stück weit ist die CSU wohl Op­fer ih­res ei­ge­nen Er­folgs: Bay­ern wächst, das Land wird bun­ter – und die Idee, sich blind­lings an ei­ne Par­tei zu bin­den, ist vie­len Neu­bür­gern fremd.

Mit­te­wäh­ler wan­dern ab

Vor al­lem aber ver­glüht die CSU im Feu­er der Flücht­lings­po­li­tik, das sie selbst ge­schürt hat. Sie ver­liert Wäh­ler der Mit­te, die sie mit ih­rer zeit­wei­se grenz­wer­ti- gen Flücht­lings­rhe­to­rik ab­ge­stos­sen hat. Und sie ver­liert Wäh­ler rechts der Mit­te, die ihr nicht mehr zu­trau­en, ein Kor­rek­tiv zur deut­schen Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel zu sein. Die CSU steckt in ei­nem Di­lem­ma, das kaum auf­zu­lö­sen ist. Zu lan­ge hat sie ge­braucht, um Wor­te und Han­deln in der Flücht­lings­po­li­tik in Ba­lan­ce zu brin­gen. Und zu lan­ge hat sie ei­ne Stra­te­gie ge­gen die AfD ge­sucht, die in Bay­ern auf 11 Pro­zent ge­schätzt wird. Erst nach Chem­nitz hat Sö­der von Igno­rie­ren auf An­grei­fen um­ge­schal­tet. Bei See­ho­fer dau­er­te es noch län­ger: «Hoch­ge­fähr­lich für un­se­ren Staat» sei­en die Atta­cken der AfD auf den Bun­des­prä­si­den­ten, sag­te See­ho­fer nun am Frei­tag. «Das ist staats­zer­set­zend.» Vie­le in der CSU hät­ten sich sol­che Wor­te frü­her ge­wünscht.

Ro­man Dei­nin­ger und Wolf­gang Wittl, Mün­chen

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