Der Coup ist ge­glückt

BZ Langenthaler Tagblatt - - Region -

FORMEL E Die Wür­fel sind ge­fal­len: Die Stadt Bern wird nächs­ten Som­mer de­fi­ni­tiv Aus­tra­gungs­ort ei­nes Formel-E-Ren­nens. Der Ge­mein­de­rat ju­belt und ver­sucht den «grü­nen An­strich» des Au­to­ren­nens her­vor­zu­he­ben.

Die ganz gros­se Über­ra­schung ist es nicht mehr, ein gros­ser Coup al­le­mal: Die Stadt Bern wird nächs­tes Jahr am 22. Ju­ni ein Formel-E-Ren­nen aus­tra­gen. Der Ge­mein­de­rat ha­be für den Gross­an­lass die Be­wil­li­gung er­teilt, wie er ges­tern Mor­gen ver­mel­de­te. Am Abend folg­te die of­fi­zi­el­le Be­stä­ti­gung durch den In­ter­na­tio­na­len Au­to­mo­bil­ver­band (FIA).

Die An­zei­chen, dass nächs­tes Jahr in Bern erst­mals elek­trisch be­trie­be­ne Renn­wa­gen ih­re Run­den dre­hen, ver­dich­te­ten sich in den letz­ten Wo­chen. Denn An­fang Ok­to­ber gab Lu­ga­no – der an­de­re An­wär­ter – be­kannt, auf ei­ne Kan­di­da­tur für die Aus­tra­gung ei­nes Ren­nens zu ver­zich­ten. Da­mit war die Bun­des­stadt qua­si in der Pole­po­si­tion.

Gross­an­lass zum Null­ta­rif

Der Ge­mein­de­rat sieht das Formel-E-Ren­nen «als Chan­ce für die Stadt Bern, sich ei­nem gros­sen Pu­bli­kum als mo­der­ne und at­trak­ti­ve Stadt im Her­zen Eu­ro­pas zu prä­sen­tie­ren», wie er in der Mit­tei­lung schreibt. Und Berns Si­cher­heits­di­rek­tor Re­to Nau­se spricht eu­pho­risch von ei­nem «Glücks­tref­fer» für die Bun­des­stadt.

Was der Ge­mein­de­rat eben­falls ger­ne ver­mel­det: Die Stadt Bern muss kei­nen fi­nan­zi­el­len Bei­trag an den Swiss E-Prix 2019 oder an des­sen Rah­men­pro­gramm leis­ten. Die an­fal­len­den städ­ti­schen und kan­to­na­len Ge­büh­ren müs­sen eben­falls voll­um­fäng­lich von der Ver­an­stal­te­rin, der Swiss E-Prix Ope­ra­ti­ons AG, über­nom­men wer­den. Auch den Auf­wand für Si­cher­heits­vor­keh­run­gen und An­pas­sun­gen im Be­reich Tief­bau kann die Stadt der Ver­an­stal­te­rin ver­rech­nen.

Ein Gross­an­lass mit in­ter­na­tio­na­ler Aus­strah­lung zum Null­ta­rif – das ist nicht et­wa auf ei­ne be­son­ders aus­ge­klü­gel­te Ver­hand­lungs­tak­tik des Ber­ner Ge­mein­de­ra­tes zu­rück­zu­füh­ren, son­dern Stan­dard. Auch in Zü­rich, wo die­sen Som­mer die Formel E ih­re Pre­mie­re fei­er­te, über­nahm die Ver­an­stal­te­rin sämt­li­che Kos­ten von ins­ge­samt 1,3 Mil­lio­nen Fran­ken. Am

stärks­ten zu Bu­che schlug da­bei die Ver­kehrs­re­ge­lung.

Stre­cke am Mon­tag be­kannt

Was ges­tern noch of­fen­blieb, ist die Stre­cken­füh­rung. Dar­über wol­len Ge­mein­de­rat und Ver­an­stal­te­rin erst am Mon­tag in­for­mie­ren. Klar ist ein­zig: Ei­ne Formel-E-Renn­stre­cke ist in der Re­gel zwi­schen 2,5 und 3 Ki­lo­me­ter lang. Falls die Elek­tro­bo­li­den durch die In­nen­stadt flit­zen soll-

ten, müss­ten wohl auch Brü­cken ei­nen Teil der Stre­cke bil­den. Ob dies in Bern über­haupt mög­lich ist, konn­te bis­lang nicht in Er­fah­rung ge­bracht wer­den.

Kei­ne Schwie­rig­kei­ten hät­ten die E-Bo­li­den mit ge­pfläs­ter­ten Stras­sen. «Das ist grund­sätz­lich kein Pro­blem. Auch in Rom führ­te die Stre­cke teil­wei­se über Kopf­stein­pflas­ter», hiess es im Vor­feld bei den Or­ga­ni­sa­to­ren. Tram­schie­nen sind eben­falls un­pro­ble­ma­tisch, die­se Er­fah­rung mach­ten die Ver­an­stal­ter be­reits in Zü­rich. Ein Ren­nen mit­ten in der Stadt wür­de zu­dem mas­si­ve Ein­schrän­kun­gen für den Ver­kehr zur Fol­ge ha­ben. Laut Ge­mein­de­rat konn­te in ei­ner Ver­ein­ba­rung mit der Ver­an­stal­te­rin je­doch fest­ge­hal­ten wer­den, dass die Er­reich­bar­keit der ein­zel­nen Quar­tier­tei­le ge­währ­leis­tet sein müs­se.

Das rot-grü­ne Di­lem­ma

Ein Au­to­ren­nen im rot-grü­nen Bern – ei­ne de­li­ka­te An­ge­le­gen­heit. Kein Wun­der al­so, be­tont der Ge­mein­de­rat in sei­nen Ver­laut­ba­run­gen stets den «grü­nen An­strich» des An­las­ses. Mit dem Ren­nen und dem Rah­men­pro­gramm wür­den die Elek­tro­mo­bi­li­tät und neue Tech­no­lo­gi­en ge­för­dert, un­ter­streicht er. Und Re­to Nau­se meint: «Ich bin be­geis­tert, dass wir ei­ne Leis­tungs­schau über al­ter­na­ti­ve An­triebs­sys­te­me er­le­ben dür­fen.»

Für das Grü­ne Bünd­nis (GB) sind das al­les Schön­fär­be­rei­en. Die Par­tei hat­te sich ge­gen­über dem Ge­mein­de­rat schon in der Ver­gan­gen­heit als Spiel­ver­der­be­rin in Po­si­ti­on ge­bracht (sie­he Kas­ten). Ges­tern tat sie zu­sam­men mit dem VCS der Re­gi­on Bern ih­ren Un­mut er­neut kund. Au­to­ren­nen sei­en auch mit Elek­tro­an­trieb nicht zeit­ge­mäss. Die Stadt sei schliess­lich Le­bens­raum und kei­ne Renn­stre­cke. Re­to Nau­se wi­der­spricht dem GB: «Es ist mehr als bloss ein Au­to­ren­nen», sagt der CVP-Ma­gis­trat. Er er­war­tet kein ty­pi­sches Mo­tor­sport­pu­bli­kum. Das ha­be das Ren­nen in Zü­rich ge­zeigt, wo un­ter den rund 150 000 Zu­schau­ern auch vie­le Fa­mi­li­en

«Ich bin be­geis­tert, dass wir ei­ne Leis­tungs­schau über al­ter­na­ti­ve An­triebs­sys­te­me er­le­ben dür­fen.»

Re­to Nau­se, Si­cher­heits­di­rek­tor

zu­ge­gen wa­ren. Ein wei­te­rer Kri­tik­punkt des Grü­nen Bünd­nis­ses: Bei ei­nem Formel-E-Ren­nen kön­ne vor dem Hin­ter­grund ei­ner an­ge­streb­ten 2000Watt-Gesellschaft kaum von sinn­vol­ler Ener­gie­nut­zung ge­spro­chen wer­den.

Wie ei­ne schlech­te Po­in­te muss für die Grü­nen des­halb an­mu­ten, dass der Renn­tag just auf den Ber­ner Um­welt­tag fällt. Laut Re­to Nau­se war dies dem Ge­mein­de­rat nicht be­wusst. Das zu­stän­di­ge Amt für Um­welt und die Quar­tier­ver­ei­ne müs­sen folg­lich noch­mals über die Bü­cher, ob sie am Da­tum fest­hal­ten wol­len. Für den Si­cher­heits­di­rek­tor ist je­doch klar: «Die­se zwei An­läs­se wür­den per­fekt zu­sam­men­pas­sen.» Micha­el Bu­cher

Fo­to: Han­dout (Get­ty)

Auf die Plät­ze, fer­tig, los! Formel-E-Bo­li­den wer­den nächs­ten Ju­ni erst­mals in Bern star­ten. Das passt in der rot-grü­nen Bun­des­stadt nicht al­len in den Kram.

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