Atom­auf­sicht mit Vor­wür­fen kon­fron­tiert

BZ Langenthaler Tagblatt - - Schweiz -

Das En­si hat Richt­li­ni­en für Stör­fäl­le fest­ge­legt – mit Neue­run­gen, die der Bun­des­rat noch nicht ab­ge­seg­net ha­be, sa­gen Atom­geg­ner.

Es war ei­ne Mit­tei­lung, wie sie für die Atom­auf­sichts­be­hör­de des Bun­des (En­si) ziem­lich ty­pisch ist: tech­nisch kom­plex ihr In­halt, mit Qu­er­ver­wei­sen auf an­de­re, nicht min­der tech­ni­sche In­hal­te. Doch sie birgt Spreng­kraft, die über­ar­bei­te­te Richt­li­nie mit dem Na­men En­si-A01, de­ren In­kraft­set­zung die Atom­auf­sichts­be­hör­de am 25. Sep­tem­ber auf ih­rer Web­site kom­mu­ni­ziert hat.

Der sprin­gen­de Punkt: Die Richt­li­nie über­nimmt wich­ti­ge Ele­men­te der drei Kern­ener­gie­ver­ord­nun­gen (KEV), die der­zeit in Über­ar­bei­tung, vom Bun­des­rat aber noch nicht ab­ge­seg­net sind. Zu die­sem Schluss kommt je­den­falls die Schwei­ze­ri­sche Ener­gie-Stif­tung (SES) nach ei­ner Ana­ly­se des Re­gel­werks.

We­ni­ger Ab­schal­tun­gen

Die Streit­punk­te tan­gie­ren al­le­samt sen­si­ble Be­rei­che. Bei­spiels­wei­se sieht die KEV-Re­vi­si­on neu ei­ne un­ter­schied­li­che Hand­ha­bung der Stör­fäl­le vor. Ver­ein­facht ge­sagt, sol­len in Zu­kunft nur noch Stör­fallsze­na­ri­en mit mas­si­ven Aus­wir­kun­gen ei­ne Aus­ser­be­trieb­nah­me ei­nes Atom­kraft­werks nach sich zie­hen. An­dern­falls müs­sen die Be­trei­ber die An­la­ge nur nach­rüs­ten, aber nicht vor­sorg­lich ab­schal­ten. Die­se Un­ter­schei­dung ist um­strit­ten. Ob sie Be­stand­teil der Re­vi­si­on bleibt, ist un­klar. Gleich­wohl taucht sie nun in der be­sag­ten Richt­li­nie auf, wie die Ener­gie-Stif­tung mo­niert.

Die­se Vor­weg­nah­me zen­tra­ler Punk­te der KEV-Re­vi­si­on hal­ten die Atom­geg­ner für um­so pro­ble­ma­ti­scher, als die bis­he­ri­ge En­siPra­xis vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auch in an­de­ren Punk­ten über­prüft wird. Kon­kret geht es um die Fra­ge, wie viel Ra­dio­ak­ti­vi­tät ein AKW bei ei­nem Erd­be­ben, wie es sta­tis­tisch al­le 10 000 Jah­re zu er­war­ten ist, frei­set­zen darf. An­woh­ner des Atom­kraft­werks Bez­nau und Um­welt­ver­bän­de ar­gu­men­tie­ren, es gel­te ein Strah­len­grenz­wert von 1 Mil­li­sie­vert; das En­si da­ge­gen rech­net mit 100. Bei­de Sei­ten be­ru­fen sich auf gel­ten­den Be­stim­mun­gen – Be­stim­mun­gen, die nach An­sicht des Bun­des­rats un­klar for­mu­liert sind. Mit der Re­vi­si­on möch­te er den Wert ein für al­le Mal klar fest­le­gen: bei 100 Mil­li­sie­vert.

Doch auch die­sem Plan ist Wi­der­stand er­wach­sen, und das nicht nur im links-grü­nen La­ger. In bür­ger­li­chen Krei­sen sind zu- min­dest Zwei­fel auf­ge­taucht. Aus die­sem Grund ver­langt der Lu­zer­ner FDP-Stän­de­rat Da­mi­an Mül­ler vom Bun­des­rat, mit ei­nem Prüf­be­richt im Be­reich Strah­len­schutz Klar­heit zu schaf­fen – und zwar durch «un­ab­hän­gi­ge Fach­ex­per­ten», zu de­nen er je­ne des En­si of­fen­bar nicht zählt. In der Ener­gie­kom­mis­si­on des Stän­de­rats fin­det da­zu noch die­sen Mo­nat ein Hea­ring statt. Die Hand­ha­bung von Stör­fäl­len ist da­mit ein noch nicht ent­schie­de­nes Po­li­ti­kum. «Trotz­dem hat das En­si nun sei­ne ei­ge­ne Richt­li­nie zur tech­ni­schen Um­set­zung der Stör­fal­l­ana­ly­se be­reits so an­ge­passt, dass sei­ne Pra­xis rech­tens wä­re», kri­ti­siert SES-Ex­per­te Nils Epp­recht.

En­si weist Kri­tik zu­rück

Das En­si in­des sieht das an­ders. Die neue Richt­li­nie En­si- A01 stüt­ze sich auf die gel­ten­de Ge­setz­ge­bung und bil­de da­bei die bis­he­ri­ge Auf­sichts­pra­xis ab. Ei­ne Über­ar­bei­tung der Richt­li­nie sei zu­dem auch für die An­pas­sung an in­ter­na­tio­na­le Emp­feh­lun­gen not­wen­dig ge­we­sen. So hat die Wen­ra, ein Zu­sam­men­schluss eu­ro­päi­scher Atom­auf­sichts­be­hör­den, nach der Atom­ka­ta­stro­phe in Fu­kus­hi­ma 2011 die An­for­de­run­gen an die Be­herr­schung ei­nes Stör­falls ak­tua­li­siert – ein Ele­ment, wel­ches das En­si nun in die neue Richt­li­nie über­nom­men hat.

Ih­re Kri­tik ha­ben die Atom­geg­ner be­reits im Rah­men der öf­fent­li­chen An­hö­rung zur neu­en Richt­li­nie vor­ge­tra­gen. Ver­geb­lich, wie in­zwi­schen klar ist. Das En­si be­rück­sich­tigt ei­ge­nen An­ga­ben ge­mäss die ein­ge­gan­ge­nen Stel­lung­nah­men, «so­weit dies sach­lich ge­recht­fer­tigt ist».

Ste­fan Hä­ne

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