Ur­ein­woh­ne­rin­nen im Kon­gress

Re­prä­sen­tan­ten­haus Die ganz gros­se blaue Wel­le wur­de es nicht, doch zu­min­dest das Re­prä­sen­tan­ten­haus ha­ben die De­mo­kra­ten er­obert. Ei­ne ent­schei­den­de Rol­le spiel­ten da­bei die Frau­en in den Vor­städ­ten.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Alan Cas­sidy,

Sha­ri­ce Da­vids wur­de als ei­ne von zwei Ur­ein­woh­ne­rin­nen ins Re­prä­sen­tan­ten­haus ge­wählt, wo die De­mo­kra­ten die Mehr­heit er­ober­ten.

Ob er ein­trifft oder aus­fällt, der gros­se Wi­der­stand ge­gen Do­nald Trump, die «re­sis­tan­ce», von der das lin­ke Ame­ri­ka seit zwei Jah­ren re­det: Man er­kennt es an die­sem Mor­gen schon auf dem Park­platz vor den Wahl­lo­ka­len in Hen­ri­co Coun­ty. Mehr als drei Pick-upT­rucks, ein viel zu gros­ser SUV: Die­ses Quar­tier stimmt für die Re­pu­bli­ka­ner. Vie­le Klein­wa­gen ja­pa­ni­scher und süd­ko­rea­ni­scher Bau­art, da­zu ein, zwei äl­te­re Kom­bis mit Auf­kle­bern am Heck: Hier wäh­len die De­mo­kra­ten. Wahl­tag in den Vo­r­or­ten von Richmond, im Wahl­kreis Vir­gi­nia 7, ein Schlacht­feld in den Su­burbs. Es sie­gen: die Frau­en in den Su­ba­rus, Hon­das und To­yo­tas.

23 Sit­ze muss­ten die De­mo­kra­ten ge­win­nen, um die Mehr­heit im Re­prä­sen­tan­ten­haus zu er­obern. Noch ste­hen nicht al­le Re­sul­ta­te rest­los fest, aber es wer­den wohl mehr als 30 Sitz­ge­win­ne sein. Vir­gi­nia 7 war ei­ner von ih­nen. Der Tri­umph hier ist ein be­son­ders sym­bo­li­scher: Abi­ga­il Span­ber­ger, ei­ne 39-jäh­ri­ge Frau, die frü­her für die CIA ar­bei­te­te, setz­te sich hauch­dünn ge­gen den re­pu­bli­ka­ni­schen Amts­in­ha­ber Da­ve Brat durch. Der war einst ein Lieb­ling der Tea Par­ty, je­nes re­bel­li­schen Flü­gels der Re­pu­bli­ka­ner, der die Grund­la­ge leg­te für die spä­te­re Über­nah­me der Par­tei durch Trump. 2014 hat­te Brat hier über­ra­schend ei­nen Esta­blish­ment-Re­pu­bli­ka­ner ent­thront. Nun ist er sel­ber Op­fer ei­nes Auf­stands ge­wor­den.

Dass es sich um ei­nen Auf­stand han­delt, dar­an be­steht bei den Wäh­le­rin­nen hier kaum ein Zwei­fel. Renee Sa­vits steht vor ei­nem Wahl­lo­kal, das wie vie­le hier in ei­ner Schu­le auf­ge­baut ist. Die 48-Jäh- ri­ge sagt, sie sei links ein­ge­stellt, schon im­mer, doch an Wahl­ta­gen blieb sie bis­her oft zu Hau­se. Bis heu­te. «Ich ha­be ge­nug, so wie vie­le Frau­en», sagt sie. «Ge­nug von Trump und dem Hass, den er ver­brei­tet.» Sa­vits (Au­to­mar­ke: Hy­un­dai) wähl­te Span­ber­ger, die sich auf­stel­len liess, weil sie auf­ge­bracht war über Trumps Ein­wan­de­rungs­po­li­tik.

So ist das auch bei Jo­han­na Moore (58), die ih­re Stim­me ein paar Stras­sen wei­ter ab­ge­ge­ben hat. Auch sie leg­te für Span­ber­ger ein, über die sie ei­gent­lich nicht viel wuss­te. Ent­schei­den­der war ihr Är­ger über Trump und des­sen «spal­te­ri­sche Art». Und da war ihr Frust dar­über, dass die Frau­en auf al­len Stu­fen der Po­li­tik un­ter­re­prä­sen­tiert sei­en. «Wir brau­chen ei­nen Wan­del, und wir brau­chen ihn jetzt», sagt Moore. Wü­ten­de Wäh­le­rin­nen, die wü­ten­den Kan­di­da­tin­nen zum Sieg ver­hel­fen: Das ist ei­ne der gros­sen Ge­schich­ten die­ser Mid­term-Wah­len.

Klei­ne Re­vo­lu­ti­on in Okla­ho­ma

Al­lei­ne im Bun­des­staat Vir­gi­nia hol­ten die De­mo­kra­ten 3 zu­sätz­li­che Sit­ze, drei­mal mit Frau­en. 4 Sit­ze hol­ten de­mo­kra­ti­sche Kan­di­da­tin­nen in Penn­syl­va­nia. Zwei wa­ren es in Flo­ri­da, je ein Man­dat war es in New Jer­sey, in Te­xas und in Il­li­nois – al­le­samt in ur­ba­nen Ge­bie­ten, in den Vor­städ­ten von Mia­mi, Phil­adel­phia, Hous­ton oder Chi­ca­go. Doch die Frau­en ge­wan­nen auch an­ders­wo, selbst im ame­ri­ka­ni­schen Herz­land, in den Su­burbs von Kan­sas Ci­ty zum Bei­spiel, wo die 39-jäh­ri­ge Sha­ri­ce Da­vids ei­nen Sitz er­ober­te. Oder im tief kon­ser­va­ti­ven Okla­ho­ma, wo der 42-jäh­ri­gen Ken­dra Horn ei­ne der gröss­ten Über­ra­schun­gen ge­lang: Sie sieg­te in ei­nem Wahl­kreis, der seit 1975 nicht mehr de­mo­kra­tisch ge­wählt hat­te.

Min­des­tens hun­dert Frau­en wer­den nun im Kon­gress sit­zen, so vie­le wie noch nie, drei Vier­tel ge­hö­ren den De­mo­kra­ten an. Dar­un­ter sind sol­che, die po­li­tisch ganz links ste­hen – Leu­te wie die 29-jäh­ri­ge La­ti­na Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez aus New York. Doch es ge­wan­nen eben auch vie­le Kan­di­da­tin­nen, die Wäh­ler in der po­li­ti­schen Mit­te ab­hol­ten. Span­ber­ger in Vir­gi­nia 7 war ei­ne sol­che Kan­di­da­tin. Die Wäh­ler­schaft hier be­steht nicht aus hip­pen Städ­tern, sie ist nicht ein­mal be­son­ders eth­nisch durch­mischt, und sie schick­te mehr als fünf Jahr­zehn­te lang ei­nen Re­pu­bli­ka­ner ins Re­prä­sen­tan­ten­haus. Doch Trumps per­ma­nen­ter Wahl­kampf, die im­mer schril­le­re Kam­pa­gne ge­gen Ein­wan­der­er­hor­den, die sei­ne Ba­sis im länd­li­chen Ame­ri­ka mo­ti­viert: All dies stösst hier auf Ab­leh­nung.

Ein Sieg für die Op­po­si­ti­on im Re­prä­sen­tan­ten­haus al­so, ei­ne Ge­nug­tu­ung nach zwei Jah­ren Ohn­macht: So sieht es heu­te aus. Doch in der Wahl­nacht sel­ber war es zu­min­dest zu Be­ginn et­was an­ders. Man merk­te das gut im Haupt­quar­tier der De­mo­kra­ten in Wa­shing­ton, im Ho­tel Hyatt Re­gen­cy in Wa­shing­ton, wo die Par­tei ei­nen Ball­saal im Par­terre be­zo­gen hat­te, mit ei­ner gut be­stück­ten Bar und ei­ner se­pa­ra­ten VIP-Ecke. Vie­le der Leu­te, die da wa­ren – er­fah­re­ne Wahl­kampf­pro­fis, jün­ge­re Frei­wil­li­ge –, hat­ten sich auf ei­nen un­be­küm­mer­ten An­lass ge­freut. Viel­leicht, so die Hoff­nung, wür­de ja schon kurz nach der Schlies­sung der Wahl­lo­ka­le an der Ost­küs­te klar sein, dass sie kommt, die blaue Wel­le der De­mo­kra­ten, und was für ei­ne!

Lan­ge Ge­sich­ter im Ball­saal

Sie kam dann doch nicht so rasch, die blaue Wel­le. Und vor al­lem kam sie nicht in dem Aus­mass, das sich vie­le er­hofft hat­ten. Zwar ju­bel­ten die De­mo­kra­ten je­des Mal, wenn auf ei­nem der über­gros­sen TV-Sen­der Be­to O’Rour­ke zu se­hen war, ihr Hoff­nungs­trä­ger für den Se­nat in Te­xas. Doch aus sei­nem Sieg wur­de nichts, auch an­ders­wo sah es nicht gut aus, und kurz­zei­tig mach­te sich so­gar Pa­nik breit: Wird al­les wie 2016, in der Wahl­nacht Trumps? Als al­les so gut be­gon­nen hat­te – und in ei­nem De­sas­ter en­de­te?

Die Stim­mung wan­del­te sich erst wie­der, als ge­gen 22 Uhr Orts­zeit die Re­sul­ta­te aus den Su­burbs ein­tru­del­ten, als die Nach­rich­ten­agen­tu­ren ei­nen Sitz­ge­winn im Re­prä­sen­tan­ten­haus nach dem an­de­ren ver­mel­de­ten. Die Mu­sik im Ball­saal wur­de jetzt noch ein biss­chen lau­ter, aus den Laut­spre­chern dröhn­te «Get Lu­cky» und «A Be­au­ti­ful Day», und auf die Büh­ne trat Nan­cy Pe­lo­si, die Frak­ti­ons­che­fin im Re­prä­sen­tan­ten­haus, um den Sieg in der gros­sen Kam­mer zu ver­kün­den.

Auch Pe­lo­si ist Teil die­ses Siegs der Frau­en. Im Wahl­kampf wur­de sie von den Re­pu­bli­ka­nern at­ta­ckiert wie kaum ei­ne an­de­re Po­li­ti­ke­rin, in vie­ler­lei Hin­sicht hat sie längst die Rol­le über­nom­men, die Hil­la­ry Cl­in­ton lan­ge spiel­te: das weib­li­che Feind­bild der Rech­ten. Die De­mo­kra­ten wie­der­um ha­ben es auch der 78-jäh­ri­gen Ab­ge­ord­ne­ten aus Ka­li­for­ni­en zu ver­dan­ken, dass sie in die­sem Wahl­jahr viel mehr Geld sam­mel­ten als die Re­pu­bli­ka­ner – Geld, das in knap­pen Wahl­krei­sen wie Vir­gi­nia 7 zur Ent­schei­dung bei­trug. Nun stand Pe­lo­si auf der Büh­ne und kün­dig­te an, was sich vie­le De­mo­kra­ten von der neu­en Si­tua­ti­on er­hof­fen: «Wir wer­den da­für sor­gen, dass der Kon­gress wie­der ei­ne Ge­gen­macht zur Re­gie­rung bil­det.»

Pe­lo­si selbst steht jetzt un­ter Zug­zwang. Vor al­lem der lin­ke Flü­gel wünscht sich von der Frak­ti­ons­spit­ze to­ta­le Op­po­si­ti­on, ei­nen An­griff auf Trump mit al­len Mög­lich­kei­ten, die die De­mo­kra­ten jetzt ha­ben. Zum Bei­spiel, in­dem die Par­tei je­des Ge­setz blo­ckiert, dass der Prä­si­dent durch den Kon­gress brin­gen will. In­dem sie rei­hen­wei­se Un­ter­su­chun­gen ge­gen die Ad­mi­nis­tra­ti­on lan­ciert. In­dem sie die Ver­öf­fent­li­chung von Trumps Steu­er­er­klä­rung er­zwingt – oder viel­leicht so­gar ein Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren star­tet.

Ob Pe­lo­si da­für die rich­ti­ge Per­son ist? Eher nicht. Da­für ist sie, der In­be­griff ei­ner In­si­de­rin, viel zu lan­ge da­bei. Doch in der Wahl­nacht ging es zu­nächst nicht um sie. Son­dern um all die Frau­en, die künf­tig mit ihr in der Frak­ti­on sit­zen wer­den. Frau­en wie Abi­ga­il Span­ber­ger, die Sie­ge­rin aus Vir­gi­nia 7. «Al­le sag­ten, die­ser Wahl­kreis wä­re nicht zu ho­len», sag­te sie, nach­dem das Re­sul­tat fest­stand. Jetzt ist sie ei­nes der vie­len Ge­sich­ter des Wi­der­stands.

«Wir brau­chen ei­nen Wan­del, und wir brau­chen ihn jetzt.»

Jo­han­na Moore, Wäh­le­rin

Fo­to: Keysto­ne

In Kan­sas fei­ern An­hän­ge­rin­nen von Sha­ri­ce Da­vies den Tri­umph ih­rer Kan­di­da­tin.

Fo­to: Keysto­ne

In Richmond, Vir­gi­nia, tri­um­phiert Abi­ga­il Span­ber­ger.

Fo­to: Get­ty Images

Fest ab­ge­sagt: Da­ve Brat ver­liert hauch­dünn ge­gen Span­ber­ger.

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