Fi­faEr­mitt­ler frei­ge­stellt

Bun­des­an­walt Micha­el Lau­ber hat sei­nen Chef Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät sus­pen­diert – we­gen Vor­wür­fen im Zu­sam­men­hang mit Fi­fa-Er­mitt­lun­gen. Staats­an­walt Oli­vier Thor­mann war auch für an­de­re gros­se Kor­rup­ti­ons­fäl­le ver­ant­wort­lich.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Ca­the­ri­ne Boss, Chris­ti­an Brön­ni­mann Tho­mas Knell­wolf

Bun­des­an­walt­schaft Der höchs­te Er­mitt­ler für Wirt­schafts­de­lik­te ist von Bun­des­an­walt Micha­el Lau­ber frei­ge­stellt wor­den. Der Lei­ten­de Staats­an­walt des Bun­des, Oli­vier Thor­mann, ver­ant­wor­te­te bis vor kur­zem die gröss­ten schwei­ze­ri­schen Straf­ver­fah­ren, die al­le­samt ei­ne glo­ba­le Di­men­si­on ha­ben: die Fäl­le rund um den ma­lay­si­schen Staats­fonds, den Kor­rup­ti­ons­skan­dal um die bra­si­lia­ni­sche Pe­tro­bras und vor al­lem die Fi­fa.

Der Bun­des­an­walt­schaft wur­den Vor­wür­fe ge­gen Thor­mann zu­ge­tra­gen, auf­grund de­rer sie bei ih­rer Auf­sicht die Ein­set­zung ei­nes aus­ser­or­dent­li­chen Staats­an­walts be­an­trag­te. Die Auf­sicht hat die Auf­ga­be dem pen­sio­nier­ten Zürcher Staats­an­walt Ul­rich We­der über­tra­gen. Zu­letzt gab es Kri­tik we­gen zu lang­sa­mer Er­mitt­lun­gen. Drei­ein­halb Jah­re nach den Raz­zi­en in Zü­rich sind aus zahl­rei­chen Straf­ver­fah­ren rund um den Welt­fuss­ball­ver­band we­der Straf­be­feh­le noch An­kla­gen be­kannt. Für Thor­mann gilt die Un­schulds­ver­mu­tung. Er woll­te sich ges­tern auf An­fra­ge nicht äus­sern. (red)

Bei der Bun­des­an­walt­schaft (BA) ist es ver­gan­ge­ne Wo­che zu ei­nem Eklat ge­kom­men. Bun­des­an­walt Micha­el Lau­ber hat sei­nen obers­ten Er­mitt­ler für Wirt­schafts­de­lik­te frei­ge­stellt. Ge­gen den Lei­ten­den Staats­an­walt des Bun­des, Oli­vier Thor­mann, sind An­schul­di­gun­gen auf­ge­taucht, die mit hän­gi­gen Straf­ver­fah­ren zum Fuss­ball und zum Welt­ver­band Fi­fa zu tun ha­ben. Die BA be­stä­tigt ent­spre­chen­de Re­cher­chen die­ser Zei­tung.

Thor­mann hat sein Bü­ro an der Tau­ben­stras­se in Bern be­reits ver­las­sen. Im elek­tro­ni­schen Staats­ka­len­der ist er nicht mehr auf­find­bar. Wenn man auf den Link klickt, er­scheint der Hin­weis: «Die­se Sei­te exis­tiert nicht.»

Was ist vor­ge­fal­len? Bun­des­an­walt Lau­ber wur­den – wie die BA schreibt – En­de Sep­tem­ber «In­for­ma­tio­nen zu­ge­tra­gen mit Vor­wür­fen ge­gen den Ab­tei- lungs­lei­ter Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät», die «mög­li­cher­wei­se von straf­recht­li­cher Re­le­vanz sind». Die BA be­an­trag­te bei ih­rer Auf­sichts­be­hör­de, dass ein aus­ser­or­dent­li­cher Staats­an­walt ein­ge­setzt wer­de.

In­ter­na­tio­na­le Bri­sanz

Die Auf­sicht hat dies nun ge­tan. Die de­li­ka­te Auf­ga­be hat sie dem pen­sio­nier­ten Zürcher Staats­an­walt Ul­rich We­der über­tra­gen. Ein aus­ser­or­dent­li­cher Staats­an­walt kann nach Vor­ab­klä­run­gen ein Ver­fah­ren ein­lei­ten oder auch nicht. Ul­rich We­der, der als hart­nä­cki­ger Straf­ver­fol­ger gilt, will sich nicht da­zu äus­sern, ob er ein Straf­ver­fah­ren er­öff­net hat.

Für Oli­vier Thor­mann gilt die Un­schulds­ver­mu­tung. Ver­schie­de­ne Ken­ner der vor­lie­gen­den Fak­ten war­nen vor vor­schnel­len Schlüs­sen und Vor­ver­ur­tei­lun­gen. Der frei­ge­stell­te Thor­mann woll­te sich ges­tern nicht äus­sern.

Zwi­schen dem Auf­tau­chen der Vor­wür­fe und der Frei­stel­lung liegt rund ein Mo­nat. Bun­desan- walt Lau­ber traf die Mass­nah­me «zum Schutz der Bun­des­an­walt­schaft als In­sti­tu­ti­on und der von ihr ge­führ­ten Straf­ver­fah­ren», aber auch «zum Schutz des von den Vor­wür­fen be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ters», wie die BA schreibt. Die Frei­stel­lung sei «bis auf wei­te­res» und «im Ein­ver­neh­men» mit Thor­mann er­folgt. Die BA be­tont, es sei ei­ne vor­sorg­li­che Mass­nah­me.

Die ab­rup­te Ab­set­zung ist auch von in­ter­na­tio­na­ler Bri­sanz. Thor­mann ver­ant­wor­te­te bis ver­gan­ge­ne Wo­che die mit­un­ter gröss­ten schwei­ze­ri­schen Straf­ver­fah­ren mit glo­ba­len Di­men- sio­nen: die gros­sen Kor­rup­ti­ons­fäl­le um den ma­lay­si­schen Staats­fonds 1MDB oder den bra­si­lia­ni­schen Ener­gie­kon­zern Pe­tro­bras und vor al­lem den Fuss­ball­fall. Drei­ein­halb Jah­re nach den Fi­fa-Raz­zi­en in Zü­rich sind aus zahl­rei­chen Straf­ver­fah­ren rund um den Welt­ver­band we­der Straf­be­feh­le noch An­kla­gen be­kannt. Den Schwei­zer Er­mitt­lern wird nicht nur in die­sem Zu­sam­men­hang lang­sa­me Ver­fah­rens­füh­rung vor­ge­wor­fen.

Nicht we­gen Fi­fa-Tref­fen

Die Fi­fa-Er­mitt­lun­gen ge­rie­ten über das ver­gan­ge­ne Wo­chen­en­de an­läss­lich des Da­ten­lecks Foot­ball Leaks me­di­al in die Kri­tik. Bun­des­an­walt Micha­el Lau­ber traf sich – wie Ent­hül­lun­gen des Ta­me­dia-Re­cher­che­desks und sei­ner in­ter­na­tio­na­len Part­nern zeig­ten – in­for­mell zwei­mal mit dem Fi­fa-Prä­si­den­ten Gi­an­ni In­fan­ti­no. Ein­mal sass auch Chef-Wirt­schafts­er­mitt­ler Thor­mann mit am Tisch. Die BA hält aber aus­drück­lich fest, dass die In­for­ma­tio­nen, die Bun­des- an­walt Lau­ber En­de Sep­tem­ber zu­ge­tra­gen wur­den, «in kei­nem Zu­sam­men­hang ste­hen mit den zwei bi­la­te­ra­len Tref­fen zwi­schen den Or­ga­ni­sa­ti­ons­spit­zen der BA und der Fi­fa».

Die Auf­sichts­be­hör­de für die Bun­des­an­walt­schaft wird laut Prä­si­dent Niklaus Ober­hol­zer nicht nur die Um­stän­de un­ter­su­chen, die zu Thor­manns Su­s­pen­die­rung führ­ten, son­dern auch die Hin­ter­grün­de der Tref­fen mit Gi­an­ni In­fan­ti­no ab­klä­ren.

Sei­ne Macht wuchs ste­tig

Thor­mann war frü­her Staats­an­walt in Frei­burg ge­we­sen, schei­ter­te dort 2010 mit sei­ner Kan­di­da­tur für das Amt des Ge­ne­ral­staats­an­walts und wech­sel­te zur Bun­des­an­walt­schaft. Vor Ge­richt fiel Thor­mann in mehr als sie­ben Jah­ren beim Bund nur durch ei­nen Fall auf.

En­de 2012 kas­sier­te der An­klä­ger ei­ne Kan­ter­nie­der­la­ge in ei­nem Wettskan­dalpro­zess, der mit Frei­sprü­chen en­de­te. Die Ge­setz­ge­bung er­wies sich selbst für zu­ge­ge­be­ne Fuss­ball­spiel­ma­ni- pu­la­tio­nen als we­nig grif­fig und ist seit­her ver­schärft wor­den.

Bei der Bun­des­an­walt­schaft wuchs Thor­manns Macht ste­tig. Sei­ne Ab­tei­lung für Wirt­schafts­de­lik­te wur­de stän­dig aus­ge­baut. Heu­te ist sie ei­ne von nur noch drei Er­mitt­lungs­ein­hei­ten der Bun­des­an­walt­schaft.

Sein Vor­ge­setz­ter Lau­ber sah in Thor­mann lan­ge Zeit die idea­le Be­set­zung für die Ka­der­po­si­ti­on, weil er per­fekt zwei­spra­chig und ein her­vor­ra­gen­der Er­mitt­ler sei. Der gross ge­wach­se­ne Thor­mann ist al­les an­de­re als ei­ne graue Maus. Er tritt selbst­be­wusst und char­mant auf, das lan­ge Haar mit Gel in den Na­cken ge­kämmt, lo­cke­re Klei­dung, meist mit ei­nem Lä­cheln um die Mund­win­kel.

Bun­des­an­walt Lau­ber hat An­fang Wo­che al­le Mit­ar­bei­ter der Bun­des­an­walt­schaft über die Frei­stel­lung sei­nes Che­f­er­mitt­lers in­for­miert, auch per­sön­lich in Zweig­stel­len. Dem Su­s­pen­dier­ten un­ter­stan­den auch die Er­mitt­ler in Lau­sanne, Zü­rich und Lu­ga­no.

Nach den Raz­zi­en in Zü­rich sind aus den Straf­ver­fah­ren rund um die Fi­fa kei­ne An­kla­gen be­kannt.

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