YB: Leich­ter Ka­ter nach dem de­fi­ni­ti­ven Out

Gi­gant in der Schweiz, Ha­be­nichts in Eu­ro­pa – die Young Boys be­we­gen sich wei­ter zwi­schen zwei Ex­tre­men. Und es ist An­sichts­sa­che, wie man ih­re Rol­le in der Cham­pi­ons Le­ague de­fi­nie­ren möch­te.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Fa­bi­an Ruch, Va­len­cia «Auf die­sem Ni­veau ist je­der Feh­ler ei­ner zu viel.» YB-Sport­chef Chris­toph Spy­cher

Fuss­ball Nach dem 1:3 vom Mitt­woch bei Va­len­cia ist klar: YB wird nicht in der Cham­pi­ons Le­ague über­win­tern, ein Ver­bleib in der Eu­ro­pa Le­ague ist noch mög­lich. Was die Young Boys nebst dem be­trächt­li­chen fi­nan­zi­el­len Se­gen aus der ers­ten Kam­pa­gne in der Kö­nigs­klas­se nach dem har­ten Du­ell am Mitt­woch mit­neh­men kön­nen, ist die Er­kennt­nis, dass man phy­sisch den Geg­nern auch in­ter­na­tio­nal durch­aus ge­wach­sen ist. Am Sonn­tag muss sich YB in St. Gal­len be­wei­sen. (mrm)

Man kann die Sa­che so se­hen, wie sie YB sieht: Je­der Punkt­ge­winn der Young Boys in der Cham­pi­ons Le­ague ist ei­ne mit­tel­gros­se Sen­sa­ti­on. Wenn man das tut, darf man ger­ne dar­an er­in­nern, von wo der Club her­kommt und wie un­heim­lich schlecht es ihm noch vor et­was mehr als 24 Mo­na­ten ging – ehe Chris­toph Spy­cher als Sport­chef über­nahm. Und es mit YB steil auf­wärts ging. Bis in die Cham­pi­ons Le­ague und am Mitt­woch ins gross­ar­ti­ge Mestal­la mit den steils­ten Tri­bü­nen welt­weit.

2016 wä­re das spek­ta­ku­lä­rer Fan­ta­sy­stoff ge­we­sen.

Die Young Boys kom­men von sehr weit her, das 1:3 in Va­len­cia ist für sie kein Rück­schlag, selbst wenn sie be­reits nach vier Spiel­ta­gen aus der Cham­pi­ons Le­ague aus­ge­schie­den sind.

Wuch­tig, mu­tig, of­fen­siv

Weil aber vie­les im Le­ben ei­ne Fra­ge der Per­spek­ti­ve ist, darf man die Sa­che auch an­ders be­trach­ten. Näm­lich so: YB mag kras­ser Aus­sen­sei­ter sein, aber man müss­te nie mehr als kras­ser Aus­sen­sei­ter zu ei­nem Wett­be­werb an­tre­ten, wenn der kras­se Aus­sen­sei­ter nicht ab und zu ge­winnt. Es ist sel­ten hilf­reich, sich klei­ner zu ma­chen, als man ist. Weit weg wa­ren die Young Boys je­den­falls er­neut nicht vom schwer kri­seln­den Va­len­cia.

Dem­ent­spre­chend ver­är­gert prä­sen­tier­ten sie sich nach der Nie­der­la­ge. «Es wä­re mehr mög­lich ge­we­sen», sagt Cap­tain Ste­ve von Ber­gen. «Aber wir ha­ben zu vie­le Feh­ler ge­macht.» So sieht es auch Sport­chef Chris­toph Spy­cher: «Auf die­sem Ni­veau ist je­der Feh­ler ei­ner zu viel.»

Be­ein­dru­ckend war in Va­len­cia, mit wel­cher Här­te die Young Boys agier­ten, sie wa­ren kom­pro­miss­los und wuch­tig, sie wa­ren in der ers­ten Halb­zeit mu­tig und be­mer­kens­wert of­fen­siv. Was zu je­ner De­bat­te führt, die man bei YB für un­nö­tig hält, die aber je nach Per­spek­ti­ve und ganz si­cher aus neu­tra­ler Op­tik durch­aus in­ter­es­sant ist: Wie tritt man als kras­ser Aus­sens­ei- ter aus­wärts in ei­nem Cham­pi­ons-Le­ague-Spiel an?

Ba­lan­ce fin­den

Die Young Boys sind im 4-4-2-Sys­tem so gross ge­wor­den, wie sie sind. Aber sie sind viel­leicht zu klein, um da­mit bei ei­nem spa­ni­schen Kö­nigs­klas­se­ver­tre­ter zu be­ste­hen. Selbst wenn die­ser schwä­chelt. An­de­rer­seits: Viel fehl­te vor der Pau­se nicht, und YB hät­te sich für sei­nen fre­chen Vor­trag be­lohnt. Wä­ren nicht die­se är­ger­li­chen Aus­set­zer in der De­fen­si­ve ge­we­sen, die je­doch mög­li­cher­wei­se ge­nau des­halb ent­stan­den, weil der Druck auf die Ab­wehr durch die for­sche Spiel­wei­se be­trächt­lich war. Ste­ve von Ber­gen hält we­nig von die­ser Sys­tem­de­bat­te. Er sagt: «Hät­ten wir de­fen­si­ver ge­spielt, wür­de man uns Mut­lo­sig­keit vor­wer­fen.» Und Chris­toph Spy­cher er­klärt: «Wir woll­ten in Va­len­cia un­be­dingt ge­win­nen, um in der Ta­bel­le ei­nen Schritt vor­wärts­zu­ma­chen.» Und so­wie­so: Die haar­sträu­ben­den in­di­vi­du­el­len Pat­zer vor den Ge­gen­to­ren dür­fen in kei­nem Sys­tem pas­sie­ren.

Der Grat ist eher schmal, auf dem die Young Boys durch die­se Herbst­wo­chen wan­deln. Die Cham­pi­ons-Le­ague-Teil­nah­me ver­edelt ihr gross­ar­ti­ges Jahr, in der Su­per Le­ague schwe­ben sie in ei­ge­nen Sphä­ren, wie einst Ba­sel, aber in der Ster­nen­li­ga ge­lin­gen ih­nen kei­ne gran­dio­sen Sie­ge wie da­mals dem FCB. «Wir spie­len zum ers­ten Mal in der Cham­pi­ons Le­ague», sagt Sport­chef Spy­cher, «das sind al­les wert­vol­le Er­fah­run­gen.» Trai­ner Ger­ar­do Seo­a­ne meint, es sei ent­schei­dend, dass die vie­len jun­gen Fuss­bal­ler mög­lichst viel lern­ten. «Sie pro­fi­tie­ren enorm von die­sen Par­ti­en.»

Es war vor­ges­tern das Ziel der Young Boys ge­we­sen, den ver­un­si­cher­ten FC Va­len­cia in vie­le Zwei­kämp­fe zu zwin­gen. «Und wir woll­ten Emo­tio­nen rein­brin- gen», sagt von Ber­gen. «Aber es ist wich­tig, dass man Emo­tio­nen kon­trol­lie­ren kann.» Manch ein Ber­ner über­trieb es: Ni­co­las Nga­mal­eu hät­te sich über ei­nen Platz­ver­weis nicht be­schwe­ren kön­nen und muss­te zur Pau­se aus­ge­wech­selt wer­den, Sék­ou Sa­no­go er­hielt die Ro­te Kar­te.

Ka­der­re­duk­ti­on im Win­ter

Von ei­nem Punkt­ge­winn war YB letzt­lich trotz star­ker ers­ter Hälf­te ei­ni­ges ent­fernt. Nie­mand er­war­tet Sie­ge in der Cham­pi­ons Le­ague, je nach Blick­win­kel aber ist es nicht falsch, auf das 2:0 von Ro­ter Stern Bel­grad am Di­ens­tag ge­gen den Cham­pi­ons-Le­agueFi­na­lis­ten Li­ver­pool, der deut­lich stär­ker ist als Va­len­cia, hin­zu­wei­sen. Ein Coup ist den Young Boys bis­her nicht ge­lun­gen. Nur zwei von 32 Teil­neh­mern sind in der Grup­pen­pha­se schwä­cher und noch oh­ne Punkt: Lo­ko­mo­ti­ve Mos­kau und AEK At­hen.

Die YB-Re­sul­ta­te sind ge­nau so, wie man sie hat­te er­war­ten dür­fen. Aber zu­sam­men­ge­bro­chen ist das Team nie, nicht wie Bel­grad bei Pa­ris Saint-Ger­main (1:6) – oder Do­nezk (0:6 bei Man­ches­ter Ci­ty) und Pil­sen (0:5 ge­gen Re­al Ma­drid) die­se Wo­che.

Ir­gend­wie sind die­se Young Boys vom ei­ge­nen Gross­er­folg rechts über­holt wor­den. Nun sind sie mit der Her­aus­for­de­rung kon­fron­tiert, die Sta­tus als Gi­gant zu Hau­se so­wie als Ha­be­nichts in Eu­ro­pa zu ver­bin­den. Und in der Win­ter­pau­se könn­te das brei­te Ka­der durch lu­kra­ti­ve Spie­ler­ver­käu­fe ver­klei­nert wer­den. Die­ses Team ist kon­zi­piert wor­den für in­ten­si­ve Zei­ten in drei Wett­be­wer­ben. Es ist un­rea­lis­tisch, und dies­be­züg­lich gibt es nur ei­ne Per­spek­ti­ve, Sie­ge bei Man­ches­ter Uni­ted so­wie ge­gen Ju­ven­tus zu er­war­ten und den Sprung als Drit­ter in die Eu­ro­pa­Le­ague-Sech­zehn­tel­fi­nals.

Die auf­re­gen­de Herb­st­rei­se aber darf YB wei­ter ge­nies­sen. Im Old Traf­ford En­de No­vem­ber sol­len laut Fan­ex­per­ten so vie­le Ber­ner Sup­por­ter wie noch nie in ei­nem Eu­ro­pa­cup-Aus­wärts­spiel da­bei sein (rund 3500). Und Mit­te De­zem­ber gas­tiert Cris­tia­no Ro­nal­do im Sta­de de Suis­se.

Glück­los in Va­len­cia: Die Young Boys su­chen in der Cham­pi­ons Le­ague noch ih­ren Platz.Fo­to: Kai Forster­ling (EPA)

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