Hier klas­sisch, da «fä­gig»

Im Lie­be­feld herrscht Ei­nig­keit: Kir­chen­chö­re sind nicht ein­fach ein Aus­lauf­mo­dell. Und Gos­pel­chö­re nicht ein­fach ih­re wür­di­gen Nach­fol­ger.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Region - Ste­phan Kün­zi

Sind die Gos­pel­chö­re die Kir­chen­chö­re der heu­ti­gen mo­der­nen Zeit?

Am Wo­chen­en­de fei­ert der Gos­pel­chor Lie­be­feld Ge­burts­tag. Die rund 50 Sän­ge­rin­nen und Sän­ger bli­cken auf 20 Jah­re Ver­eins­ge­schich­te zu­rück. Ent­stan­den ist er 1998 aus ei­ner spon­ta­nen In­itia­ti­ve des da­ma­li­gen Quar­tier­pfar­rers her­aus, und seit­her bringt er re­gel­mäs­sig afro­ame­ri­ka­nisch ge­präg­te Mu­sik in den Vo­r­ort im Sü­den der Stadt Bern.

Gos­pel, sin­niert Prä­si­den­tin Bet­ti­na In­der­bit­zin, sei ei­ne sehr an­spre­chen­de Mu­sik, «die ein­fach ‹fägt›». Man sin­ge nicht nur Me­lo­di­en, son­dern kön­ne sich zu den Rhyth­men auch be­we­gen. «So ent­steht ei­ne Wech­sel­wir­kung zum Pu­bli­kum, zu­wei­len klat­schen die Zu­hö­re­rin­nen und Zu­hö­rer be­geis­tert mit» – die Be­geis­te­rung ist ihr nur zu gut an­zu­hö­ren, wenn sie von den ma­gi­schen Mo­men­ten spricht, in de­nen der Fun­ke über­springt.

Kir­chen­chö­re gin­gen ein

And­reas Mar­ti ist Di­ri­gent des Tho­ma­schors, wie sich der rund 30-köp­fi­ge klas­si­sche Kir­chen­chor im Ge­biet Lie­be­feld, Kö­niz und Schli­ern neu­er­dings nennt. Da­zu ein pro­fun­der Ken­ner der Kir­chen­mu­sik, und aus sei­ner jahr­zehn­te­lan­gen Tä­tig­keit im schwei­ze­ri­schen Kir­chen­ge­sangs­bund weiss er: Al­lein in den 35 Jah­ren von 1980 bis 2015 sind in der Deutsch­schweiz tat­säch­lich ein Drit­tel al­ler re­for­mier­ten Kir­chen­chö­re von der Bild­flä­che ver­schwun­den.

Dass die Kir­che des­halb schon bald oh­ne den Ge­sang der Kir­chen­chö­re aus­kom­men muss, glaubt er aber nicht, im Ge­gen­teil. Chö­re, die pro­fes­sio­nell ge­lei­tet wür­den, or­ga­ni­sa­to­risch mit der Zeit gin­gen und nicht zu­letzt auch über ein grös­se­res Ein­zugs­ge­biet ver­füg­ten, könn­ten sehr wohl be­ste­hen.

Für den Tho­ma­schor sind die Be­din­gun­gen schon des­halb gut, weil in den drei Kö­ni­zer Orts­tei­len 17 000 Leu­te woh­nen. Der Chor sel­ber übt nicht nur für sei­ne re­gel­mäs­si­gen Kon­zert- und Got­tes­dienst­auf­trit­te, son­dern packt hin und wie­der ein grös­se­res Pro­jekt an. Da­mit zieht er auch Aus­sen­ste­hen­de an, die sich nur für die­se ein­ma­li­ge Sa­che ver­pflich­ten müs­sen – und zu­wei­len doch hän­gen blie­ben. Beim Re­per­toire ha­ben sich die Ge­wich­te ein Stück weit ver­scho­ben. Statt der üb­li­chen ba­ro­cken Kom­po­nis­ten wie Jo­hann Se­bas­ti­an Bach oder Hein­rich Schütz kom­men ver­mehrt Ver­tre­ter der Ro­man­tik wie Fe­lix Men­dels­sohn zum Zug. Ih­re Wer­ke ste­hen der heu­ti­gen Zeit mu­si­ka­lisch wie text­lich nä­her.

«Dem Tho­ma­schor», stellt And­reas Mar­ti zu­frie­den fest, «ge­lingt es gut, sich ste­tig zu er- neu­ern.» Wer dies nicht schafft, ge­rät da­ge­gen nur zu rasch in ei­nen Ab­wärts­stru­del, denn: So­bald ein Chor die ver­schie­de­nen Stimm­la­gen nicht mehr aus­ge­wo­gen be­set­zen kann, tönt er schlecht. Das wie­der­um de­mo­ti­viert die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, und dann ist das En­de oft nicht mehr weit.

Gos­pel­mu­sik tickt an­ders

Sind die Gos­pel­chö­re die Kir­chen­chö­re der heu­ti­gen mo­der­nen Zeit?

Nicht nur And­reas Mar­ti räumt der tra­di­tio­nel­len kirch­li­chen Chor­ar­beit durch­aus ei­ne Zu­kunft ein. Auch Bet­ti­na In­der­bit­zin will als Ver­tre­te­rin des Gos­pel­chors nicht von ei­nem Ent­we­der-oder re­den, son­dern fin­det, dass «bei­des durch­aus sei­nen Platz hat». Ob­wohl die afro­ame­ri­ka­nisch ge­präg­te Gos­pel­mu­sik der hie­si­gen, von emo­tio­na­ler Zu­rück­hal­tung ge­präg­ten Kul­tur ein Stück weit fremd ist, wie sie of­fen ein­ge­steht. Be­merk­bar macht sich dies vor al­lem beim Ein­üben der Cho­reo­gra­fi­en. Sie sel­ber, er­zählt sie, las­se sich sehr gern von der Mu­sik mit­reis­sen. Nicht al­len im Chor fal­le es aber gleich leicht, sich frei zu be­we­gen. Im Takt zu klat­schen oder Schritt­fol­gen zu be­fol­gen, sei «ei­ne ste­te Her­aus­for­de­rung» und ma­che «viel Auf­bau­ar­beit» nö­tig.

Im Got­tes­dienst tritt die­se An­ders­ar­tig­keit be­son­der her­vor. In­der­bit­zin er­wähnt die Chö­re in Ame­ri­ka, dem Ge­burts­land des Gos­pels, zeigt sich be­ein­druckt vom Wech­sel­ge­sang mit der Ge­mein­de, der dort üb­lich ist. Dass sol­ches im Um­feld ei­ner viel stil­le­ren Pre­digt hier­zu­lan­de kaum so statt­fin­det, fin­det sie auch nicht wei­ter tra­gisch. Es ge­he ja gar nicht dar­um, die gros­sen Vor­bil­der aus dem Ge­burts­land des Gos­pels eins zu eins zu ko­pie­ren: «Wir sind Eu­ro­pä­er, ha­ben auch ein ganz an­de­res Tem­pe­ra­ment.»

Das än­dert nichts an der Kraft, die sie aus ih­rer Mu­sik schöpft. Es sei im­mer toll, auf der Büh­ne zu ste­hen, den Blick in den Saal schwei­fen zu las­sen und mit dem Pu­bli­kum Kon­takt auf­neh­men zu kön­nen, sagt sie. Rich­tig. Der Kopf ist dann ge­nau­so frei wie die Hän­de – denn Gos­pel singt man aus­wen­dig.

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