Der Ro­man

BZ Langenthaler Tagblatt - - Unterhaltung -

46 «Das geht wohl den meis­ten so, wenn sie hier­her­kom­men. Und nach ei­nem To­des­fall wahr­schein­lich erst recht.»

«Der liegt ein hal­bes Jahr­hun­dert zu­rück!» Liz sah ihn ver­ständ­nis­los an.

«Ich spre­che vom Tod mei­nes Va­ters. Er starb vor fast fünf­zig Jah­ren hier in der In­sel. Im Mo­ment ist mir sein Tod nä­her als der mei­ner Mut­ter vor zehn Ta­gen, ei­gen­ar­tig nicht?»

«Wenn wir äl­ter wer­den, schwimmt Ver­gan­ge­nes aus der Tie­fe auf, das er­le­be ich auch so», mein­te Liz ver­ständ­nis­voll. «Aber du bist nicht wirk­lich we­gen Kind­heits­er­leb­nis­sen hier?»

«Be­ruf­lich», er­klär­te Li­ma­cher knapp. «Und du?»

«We­gen mei­ner Mut­ter. Nach dem Kol­laps am letz­ten Frei­tag, – du er­in­nerst dich? – , woll­te sie auf gar kei­nen Fall län­ger als ei­ne Nacht im Spi­tal blei­ben; mit dem Re­sul­tat, dass sie ges­tern er­neut ein­ge­wie­sen wer­den muss­te. Und ob­wohl sie ge­mäss Ein­schät­zung der Ärz­te al­les an­de­re als über den Berg ist, ver­sucht sie be­reits wie­der, den Aus­tritt zu or­ga­ni­sie­ren. Es wird schwie­rig wer­den, sie zur Ver­nunft zu brin­gen. Be­grif­fe wie Schwä­che, Krank­heit und Al­ter hat sie nicht in ih­rem Wort­schatz.»

«Wie alt ist sie ei­gent­lich?» «Drei­und­acht­zig.»

«Sie sieht aber jün­ger aus!» «Sag das bloss nie in ih­rer Ge­gen­wart!»!

Liz ver­warf die Hän­de. «Sie blen­det ihr Al­ter auch oh­ne der­ar­ti­ge Kom­pli­men­te völ­lig aus. Als neu­lich ei­ne ih­rer Schul­kol- le­gin­nen ver­starb, mein­te sie, das He­di ha­be schon im­mer ge­krän­kelt. Und es ist noch gar nicht so lan­ge her, da hat sie ei­ne The­ra­pie ge­gen das Al­ter be­gon­nen. Der Typ, der ihr das auf­ge­schwatzt hat, ist wohl der glei­che, der den Es­ki­mos Pal­men ver­kauft …»

«Gar nicht mehr so ab­we­gig, beim mo­men­ta­nen Kli­ma!» Li­ma­cher wisch­te sich den Schweiss von der Stirn.

«Erst wa­ren es noch Cre­men und Sal­ben, dann Pil­len und Bo­tox, und neu­er­dings Infu­sio­nen. Als ob das Al­ter ei­ne Krank­heit wä­re! We­nigs­tens ist jetzt die Idee, sich ein­frie­ren zu las­sen, vom Tisch. Sie ist im Grun­de ein in­tel­li­gen­ter Mensch, aber hier scheint die Ver­nunft zu ver­sa­gen.»

«Je­der Mensch hängt am Le­ben. Wann man los­las­sen soll, ist das Pro­blem …»

«Tom hat sie des­we­gen schon mehr als ein­mal ge­neckt: In­ves­ti­tio­nen in ein un­ter­ge­hen­des Un­ter­neh­men ver­sties­sen doch ei­gent­lich ge­gen ih­re Ge­schäfts­prin­zi­pi­en! Das hat sie gar nicht gern ge­hört …»

«Ver­tra­gen sich die bei­den des­halb nicht?»

«Wie kommst du dar­auf?» «Ich ha­be am Frei­tag mit­be­kom­men, wie sie sei­ne Hil­fe ab­lehn­te.»

«Ach so!» Liz wink­te ab. «Nein. Es ist we­gen ei­ner Fa­mi­li­en­an­ge­le­gen­heit.»

«Und was muss ich mir un­ter Fa­mi­li­en­an­ge­le­gen­heit vor­stel­len?»

«Das lässt sich nicht so ein­fach er­klä­ren …» ant­wor­te­te Liz aus­wei­chend.

«Viel­leicht bes­ser bei ei­nem Glas Wein?», schlug Li­ma­cher des­halb vor. «Ich hät­te da näm­lich auch noch ei­ne Bit­te an dich. Die­ses Wo­chen­en­de ver­rei­se ich in die Ber­ge. Ich bräuch­te je­man­den, der mal kurz nach mei­nem Ka­ter sieht. Wenn Car­lo kein Fres­sen kriegt, reisst er aus.»

«Mach ich, klar, ger­ne!» Sie ei­nig­ten sich auf die Schlüs­sel­über­ga­be am Don­ners­tag. «Gibt es für dei­ne Rei­se ei­nen be­stimm­ten An­lass?», woll­te sie noch wis­sen, be­vor sie sich ver­ab­schie­de­ten.

«Golf.»

«Du spielst Golf?»

«Nein. Das heisst: noch nicht. Ich be­su­che ei­nen Schnup­per­kurs.»

«Ei­ne neue Lei­den­schaft?» «Ei­ne Al­ters­er­schei­nung. Es ist das Ge­schenk mei­ner Toch­ter zum letz­ten run­den Ge­burts­tag. Das Ablauf­da­tum des Gut­scheins ist im Herbst.»

Li­ma­cher mach­te sich auf den Weg zu Frau Dok­tor Lan­ge. Wäh­rend er durch die Gän­ge schritt, fil­ter­te sein Hirn das eben ge­führ­te Ge­spräch. Zaugg spiel­te in der Fa­mi­lie von Stein ei­ne Rol­le, über die zu spre­chen Liz schwer­fiel. Ei­ne in­ter­es­san­te Kon­stel­la­ti­on. Er be­reu­te, dass er nicht so­fort nach­ge­hakt hat­te. Bei der Schlüs­sel­über­ga­be wür­de er das nach­ho­len. Pe­tra und Ber­ner fan­den die La­bor­ser­vice AG erst im zwei­ten An­lauf. Der Ein­gang im Kä­fig­gäss­chen war nicht be­son­ders ge­kenn­zeich­net. Nur ein ein­fa­ches Schild ne­ben der Klin­gel mit Ge­gen­sprech­an­la­ge wies auf die Fir­ma hin. Die Tür ent­rie­gel­te sich au­to­ma­tisch und ei­ne Stim­me hiess sie den Lift in den ers­ten Stock zu be­nüt­zen.

«Jetzt bin ich mal ge­spannt», mein­te Pe­tra.

Sie hat­ten tat­säch­lich kei­ne Ah­nung, was sie er­war­te­te. In den re­la­tiv spär­li­chen In­for­ma­tio­nen, die im In­ter­net zu er­hal­ten wa­ren, pries sich die La­bor­ser­vice AG als idea­ler Part­ner für in­no­va­ti­ve Un­ter­neh­mun­gen im Be­reich der Me­di­zin an.

Auf­bau und Be­glei­tung von For­schungs­pro­jek­ten, Op­ti­mie­rung von Pro­duk­ti­ons­ab­läu­fen und Un­ter­stüt­zung in Mar­ke­ting­fra­gen sei­en ihr Kern­ge­schäft, so die Home­page, Kom­pe­tenz und Fle­xi­bi­li­tät ih­re Stär­ken. Zum Kun­den­kreis ge­hör­ten haupt­säch­lich Un­ter­neh­men aus der Phar­ma­in­dus­trie und Bio­tech­no­lo­gie, aber auch uni­ver­si­tä­re und staat­li­che Stel­len. Re­fe­ren­zen und Kon­di­tio­nen auf An­fra­ge.

«Macht kei­nen sehr ak­ti­ven Ein­druck, die Fir­ma», raun­te Ber­ner, als sie am Emp­fang auf ei­ne ver­wais­te The­ke tra­fen.

«Wir sind et­was re­du­ziert», ent­schul­dig­te sich der Mann, der we­nig spä­ter aus ei­nem der Bü­ros auf­tauch­te. Er hiess Wa­gner und stell­te sich als Ver­ant­wort­li­cher für die Si­cher­heit vor. «Im Mo­ment sind vie­le Mit­ar­bei­ter in den Fe­ri­en. Aus die­sem Grund blieb der Ein­bruch zu­nächst un­be­merkt.»

Fort­set­zung folgt

Paul Witt­wer: Best­zel­ler. Kri­mi­nal­ro­man. © 2018 Ny­degg Ver­lag Bern

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.