Die Rea­li­tät boomt

Die Zahl der Schwei­zer Do­ku­men­tar­fil­me hat sich in den letz­ten Jah­ren ver­dop­pelt. Auch die Kunst­schu­len spü­ren den Zu­lauf. Jun­ge Re­gis­seu­re ent­de­cken die Do­ku als idea­les Mit­tel für die heu­ti­ge Zeit.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Magazin - Pas­cal Blum

Sa­bi­ne Gi­si­ger pol­tert an die Tür. Es kommt ein er­schöpf­tes Hallo, am Bo­den lie­gen ge­ord­net Pos­tit-Zet­tel, auf de­nen Film­sze­nen no­tiert sind. Zwei Stu­den­ten sind in ei­nem Schnei­de­raum der Zürcher Kunst­hoch­schu­le ge­ra­de da­bei, ih­ren Mas­ter-Film zu mon­tie­ren, es geht um Män­ner, die nach En­de ih­rer Haft­stra­fe von der Schweiz in die Tür­kei ab­ge­scho­ben wur­den. Im Ne­ben­raum schnei­det ei­ne Stu­den­tin ih­ren Be­richt über die pa­ralym­pi­sche Mann­schaft der Ukrai­ne, die mit der Be­set­zung der Krim ih­re Trai­nings­an­la­ge ver­lo­ren hat. Die Stu­den­ten säs­sen mo­na­te­lang an den Schnitt­plät­zen, sagt Dok­film­pro­fes­so­rin Gi­si­ger. «Er­staun­lich, nicht?»

Gi­si­ger merkt in der Kunst­schu­le, wie das In­ter­es­se am Do­ku­men­tar­film zu­nimmt. «In den letz­ten Jah­ren be­such­ten et­wa sie­ben Stu­die­ren­de das Wahl­fach Dok-Ate­lier, nun kom­men dop­pelt so vie­le.» Auch die Zahl der Schwei­zer Kin­odo­ku­men­tar­fil­me steigt, wie das Bun­des­amt für Kul­tur jüngst aus­rech­ne­te: Von 2012 bis 2017 hat sie sich von 25 auf 49 pro Jahr ver­dop­pelt. Da­bei nahm auch der An­teil der Nach­wuchs-Dok­fil­me kon­ti­nu­ier­lich zu. Und: Mehr als 40 Pro­zent der Nach­wuchs­re­gis­seu­re sind Frau­en.

Das Pro­blem der Emo­tio­nen

Klin­geln bei Chris­ti­an Frei, dem be­rühm­ten Schwei­zer Dok­film­re­gis­seur, der ge­ra­de sein neu­es Werk «Ge­ne­sis 2.0» ins Ki­no bringt. Ihm fal­le auf, dass Do­kus im­mer mehr die Er­zähl­tech­ni­ken des Spiel­films in­te­grier­ten. «Viel­leicht pas­siert das im sel­ben Mo­ment, in dem die Leu­te das In­ter­es­se an der Ober­fläch­lich­keit der Fik­ti­on et­was ver­lo­ren ha­ben und der Dok­film in die Lü­cke springt.» Die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on der Schwei­zer Do­ku­men­tar­fil­me­ma­cher ha­be in ih­ren Fil­men zum Teil The­sen ab­ge­han­delt, sagt Frei. «Die Jün­ge­ren ver­su­chen eher, ein Le­bens­ge­fühl ein­zu­fan­gen. Sie ha­ben auch we­ni­ger Angst vor Über­hö­hun­gen.»

Do­kus als Ge­gen­mit­tel zu Fake News und Fil­ter­bla­sen – die­ses Ar­gu­ment ploppt in den Ge­sprä­chen oft auf. Für Chris­ti­an Frei ist der Dok­film das An­ti­dot zur «po­sau­nen­den Ge­gen­wart», für Sa­bi­ne Gi­si­ger stellt er sich der Kom­ple­xi­tät der Welt. Al­ler­dings lau­fen im Ki­no im­mer wie­der ein­sei­ti­ge Mes­sa­ge-Fil­me zu Na­tur- oder Er­näh­rungs­the­men. Und müss­te man ge­ra­de heu­te nicht klar zwi­schen Be­richt und Ins­ze­nie­rung tren­nen?

Fred van der Kooij hat im Film­po­di­um Zü­rich eben ei­ne Vor­le­sung zum The­ma «Fik­tio­na­les im Do­ku­men­tar­film» ge­hal­ten und kri­ti­siert die Emo­tio­na­li­sie­rung der Form. «Es führt da­zu, dass wir, auch wenn wir über Po­li­tik re­den, im­mer öf­ter sa­gen: Das war wie in ei­ner Film­sze­ne. Es ist po­li­tisch ver­hee­rend, wenn Fak­ten und Fik­tio­na­les im­mer we­ni­ger von­ein­an­der un­ter­schie­den wer­den.»

Nach­ge­hol­fen hat der Dok­film schon im­mer. Aber ei­ne Äs­t­he­tik, die es dem Zu­schau­er er­laubt, die Ar­ran­ge­ments mit­zu­be­den­ken, müs­se er noch fin­den, sagt Van der Kooij: «Fil­mi­sche Ma­ni­pu­la­tio­nen tref­fen auf ei­nen nach wie vor er­staun­lich ah­nungs­lo­sen Zu­schau­er.» Je ein­fa­cher es heu­te wird, die Rea­li­tät zu stel­len, des­to wich­ti­ger wer­de es, Tech­ni­ken zu ent­wi­ckeln, die Raum lies­sen für Re­fle­xi­on – über die Welt, aber auch dar­über, wie die Welt dar­ge­stellt wird.

Blick ins Aus­land

Jün­ge­re be­geg­ne­ten dem Dok­film of­fe­ner, sagt Film­wis­sen­schaf­te­rin Mar­cy Gold­berg. «Sie le­gen die Gen­res we­ni­ger fest und in­ter­es­sie­ren sich auch im do­ku­men­ta­ri­schen Ki­no für Ins­ze­nie­run­gen, Ex­pe­ri­men­te und Kniffs des Spiel­films.» Die 36-jäh­ri­ge Gen­fe­rin Ma­ryam Goor­magh­tigh hat für «Avant la fin de l'été» in Frank­reich ei­ne Cli­que von Heim­weh-Ira­nern be­ob­ach­tet, für sie aber auch Par­ty­be­geg­nun­gen mit jun­gen Frau­en ar­ran­giert und ge­filmt, was dar­auf pas­siert.

Viel­fach rich­tet sich die jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on mit ih­ren Fil­men an ein in­ter­na­tio­na­les Pu­bli­kum, denn Ruhm heisst heu­te: Fes­ti­val­teil­nah­men. Da­für geht der Blick oft ins Aus­land. Die 35-jäh­ri­ge Ni­co­le Vö­ge­le dreh­te ih­ren in Lo­car­no aus­ge­zeich­ne­ten Es­say «Clo­sing Time» rund um ei­ne Gar­kü­che in Tai­peh. Das Re­gie­duo Mark Ole­xa und Fran­ce­sca Sca­li­si stellt der­zeit sein Ma­te­ri­al aus Ban­gla­desh zu­sam­men, wo es ein Mäd­chen be­glei­te­te, das zwangs­ver­hei­ra­tet wer­den soll.

Durch die Di­gi­ta­li­sie­rung wur­den Ka­me­ras und Fil­me­qui­pen klei­ner; ei­ne Schnitt­soft­ware kann man sich heu­te auf den Lap­top la­den. Mill­en­ni­als fin­den im Do­ku­men­tar­film aber auch des­halb das idea­le Mit­tel zur Welt­be­schrei­bung, weil sie ein The­ma nach ei­ge­nen Ide­en ge­stal­ten kön­nen. Re­cher­chie­ren und rei­sen – macht man eh die gan­ze Zeit. In Sze­ne set­zen und sti­li­sie­ren – ge­hört eben­falls zum di­gi­ta­len All­tag.

Auch in­ter­na­tio­nal boomt der Dok­film. Bei den Os­cars er­war­tet man ein Re­kord­jahr bei den Do­cu­men­ta­ry-Ein­ga­ben. Die Schweiz schickt «El­do­ra­do» von Mar­kus Imhoof an die Ver­lei­hung, das Werk ge­hört ak­tu­ell zu den zehn er­folg­reichs­ten Schwei­zer Fil­men 2018 – ne­ben fünf an­de­ren Do­kus. Zu­gleich wird der Auf­merk­sam­keits­kampf im­mer ex­tre­mer: Im Ki­no star­tet fast je­de Wo­che ei­ne neue Schwei­zer Do­ku. Und in der Zeit, in der sich die Zahl der Dok­fil­me ver­dop­pel­te, er­reich­ten 70 Pro­zent we­ni­ger als fünf­tau­send Zu­schau­er.

«Do­kus wer­den sau­be­rer»

Den Zu­lauf an der Kunst­schu­le er­klärt Sa­bi­ne Gi­si­ger un­ter an­de­rem da­mit, dass im Netz do­ku­men­ta­ri­sche For­men wie Web­docs enorm an Be­deu­tung ge­won­nen hät­ten. Das sieht auch Mar­cy Gold­berg bei ih­ren Stu­den­ten in Lu­zern. «Die Kurz­do­kus von ‹Vice News› sind po­pu­lär, et­wa über den Neo­na­zi-Auf­marsch in Char­lot­tes­vil­le oder den IS.» Ei­nen wei­te­ren Grund für den Auf­schwung laut Gold­berg: Es gibt im­mer mehr Aus­bil­dungs­gän­ge für Do­ku­men­tar­fil­me. An der Hoch­schu­le der Küns­te in Bern wird seit 2016 so­gar ein CAS Do­ku­men­tar­film an­ge­bo­ten. Man lernt dort, ein pro­fes­sio­nel­les Pro­jekt­dos­sier zu er­stel­len, um es et­wa bei För­der­stel­len wie dem Bund ein­zu­ge­ben. Es ha­be auch schon Teil­neh­mer ge­ge­ben, die per­sön­li­che Fa­mi­li­en- oder Krank­heits­ge­schich­ten be­ar­bei­tet hät­ten, heisst es in Bern.

Film­stu­den­ten möch­ten heu­te at­trak­ti­ve Ge­schich­ten er­zäh­len, sagt Mar­cy Gold­berg. «Frü­her hiess es, ein Dok­film müs­se un­po­liert aus­se­hen, da­mit er glaub­wür­dig sei, er zei­ge ja das Ech­te. Heu­te ist das um­ge­kehrt: Do­ku­men­tar­fil­me wer­den sau­be­rer, Spiel­fil­me dre­cki­ger.» Im neu­en Do­ku­men­tar­film von Chris­ti­an Frei («War Pho­to­gra­pher») gehts weit zu­rück in der Zeit und weit vor­wärts: ins Ur­al­te der Schöp­fung, wo­hin die Er­in­ne­rung nur noch als Poe­sie oder als Pa­lä­on­to­lo­gie reicht, und in die Zu­kunft der Ge­ne­tik, die schon lang nicht mehr an Got­tes Zorn oder den Fluch ge­stör­ter Tier­geis­ter glaubt.

Auf den Neu­si­bi­ri­schen In­seln su­chen Män­ner im schmel­zen­den Per­ma­frost nach Mam­mutstoss­zäh­nen. Das schlech­te Ge­wis­sen las­tet im­mer auf dem müh­se­li­gen Ge­schäft. We­gen der Stö­rung ei­ner wür­de­vol­len To­ten­ru­he. An­de­rer­seits muss der Mensch ja le­ben, und wirk­lich pro­fi­ta­bles Glück ist oh­ne­hin sel­ten. Ein­mal aber fand ein Such­trupp ein gan­zes, gut er­hal­te­nes Woll­haar­mam­mut, Zäh­ne, Rüs­sel, Ske­lett und Fell, so­gar Blut floss aus dem an­ge­tau­ten Fleisch. Die Pa­lä­on­to­lo­gen ka­men grad noch recht­zei­tig, um den Leich­nam zu si­chern, und nun steht im Mam­mut­mu­se­um von Ja­kutsk ein le­bens­ech­tes Ur­vieh. Aber da­mit solls nicht ge­tan sein. Man hat­te sei­ner­zeit Blut­pro­ben des Ka­da­vers in Re­agenz­glä­ser ge­füllt, ak­ti­ve DNA wo­mög­lich, und das schür­te gleich die Hoff­nung, es kön­ne so ein We­sen wie­der ins Le­ben ge­klont wer­den.

Der Di­rek­tor des Ja­kuts­ker Mu­se­ums denkt da an ein Mam­muto­ri­gi­nal. Ein Mo­le­ku­lar­bio- lo­ge wie der Ame­ri­ka­ner Ge­or­ge Church eher an ei­nen käl­te­re­sis­ten­ten Hy­bri­den aus Mam­mut und Ar­beits­ele­fant. So oder so: Die­se Zu­kunft des Re­pro­du­zie­rens hat schon be­gon­nen. In Süd­ko­rea klont die Fir­ma Soo­am Bio­tech sehr er­folg­reich Hun­de, 900 sind es bis jetzt, und ein Zweit­klon ist je­weils im Preis in­be­grif­fen. Am Pe­kin­ger Ge­no­mics In­sti­tu­te wä­re man für das Pro­jekt Mam­mut durch­aus zu ha­ben und denkt sei­ner­seits an die Her­stel­lung von Men­schen. Weil Gott nicht per­fekt sei und weiss Gott Hil­fe brau­chen kön­ne bei der Per­fek­tio­nie­rung sei­ner Krea­tu­ren.

Ent­spann­te Ethik

Ein klug ge­stal­te­ter Film. Chris­ti­an Freis Co-Re­gis­seur war der ja­ku­ti­sche Fil­me­ma­cher Ma­xim Ar­bu­gaev. Der hielt es wo­chen­lang in Käl­te bei den Zahn­jä­gern aus, wäh­rend Frei durch die La­bo­re der Le­ben­sin­ge­nieu­re ging wie durch ei­ne fu­tu­ro­lo­gi­sche Geis­ter­bahn. Ein Pan­ora­ma tut sich auf – von ar­chai­scher Schöp­fungs­dich­tung bis zu ein paar wohl­ge­laun­ten, ethisch ent­spann­ten Er­ben des Dok­tor Fran­ken­stein. Und ja, ein we­nig kalt wird ei­nem beim Zu­hö­ren manch­mal schon.

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