Mus­kel­spie­le im Ber­ner Asyl­we­sen

Kan­ton Bern Die Ge­sund­heits- und Für­sor­ge­di­rek­ti­on von Pier­re Alain Sch­negg strafft das Asyl­we­sen. Das lockt den Zürcher Bran­chen­rie­sen ORS zu­rück in den Kan­ton Bern.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Ced­ric Fröh­lich

Die Asy­l­a­gen­da des Bun­des bringt den Kan­ton Bern auf Tr­ab. Die Eid­ge­nos­sen­schaft er­höht die Ent­schä­di­gung für Asyl­su­chen­de und vor­läu­fig Auf­ge­nom­me­ne, ver­langt von den Kan­to­nen aber auch, die Ge­flüch­te­ten bes­ser in den Ar­beits­markt zu in­te­grie­ren. Die Ge­sund­heits­und Für­sor­ge­di­rek­ti­on von Pier­re Alain Sch­negg (SVP) re­agiert auf die neu­en Vor­ga­ben mit ei­ner fun­da­men­ta­len Neu­struk­tu­rie­rung des Ber­ner Asyl­we­sens: Es wird künf­tig noch fünf Asyl­re­gio­nen im Kan­ton Bern ge­ben, und in je­der die­ser Re­gio­nen wird die «ope­ra­ti­ve Ge­ samt­ver­ant­wor­tung» in Asyl­in­te­gra­ti­ons­fra­gen ei­nem Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer über­ge­ben.

Für die­se Gross­auf­trä­ge läuft noch bis Mit­te Ja­nu­ar die Aus­schrei­bung, aber es ist klar: Es steht ein Ver­drän­gungs­kampf an. Heu­te tei­len sich drei­zehn An­bie­ter den Ber­ner Asyl­markt auf, künf­tig wer­den es noch fünf sein. Klei­ne­re Or­ga­ni­sa­tio­nen dürf­ten das Nach­se­hen ha­ben. In­ter­es­sant: Ein gros­ser Play­er im Schwei­zer Asyl­we­sen, der auch Aus­land­am­bi­tio­nen ver­folgt, will in den Kan­ton Bern zu­rück­keh­ren. Die Zürcher Fir­ma ORS er­klärt, sie möch­te auf dem ge­sam­ten Kan­tons­ge­biet Ver­ant­wor­tung über­neh­men.

Das Dis­play zeigt ei­ne Mi­nu­te und ei­ne Se­kun­de an, als der Mann fragt: «Kön­nen wir das bit­te aus­schal­ten?» Er zeigt auf das Ton­band, ent­schul­digt sich. «Das Ti­ming ist ganz, ganz schlecht.» Der Mann ar­bei­tet in ei­ner Ka­der­funk­ti­on bei ei­ner Ber­ner Asyl­or­ga­ni­sa­ti­on. An die­sem Mor­gen bei Kaf­fee und Gip­fe­li ist er Sinn­bild des Ge­fühls, das sei­ne Bran­che be­schli­chen hat: Un­si­cher­heit.

Aus­ge­löst wur­de die Ner­vo­si­tät durch vier Buch­sta­ben: Na­be. Ei­ne Ab­kür­zung, ent­stan­den in den Stu­ben der Ber­ner Ge­sund­heits­und Für­sor­ge­di­rek­ti­on (GEF) und un­ter der Füh­rung von Re­gie­rungs­rat Pier­re Alain Sch­negg (SVP). Aus­ge­deutscht steht Na­be für «Neu­struk­tu­rie­rung des Asyl- und Flücht­lings­be­reichs im Kan­ton Bern» (sie­he Kas­ten).

Un­ter­brin­gung, In­te­gra­ti­ons­för­de­rung, So­zi­al­hil­fe – ak­tu­ell la­gert der Kan­ton die­se Auf­ga­ben an drei­zehn Part­ner aus. Dar­un­ter die Heils­ar­mee und das Schwei­ze­ri­sche Ro­te Kreuz. Mit­te 2020 wer­den es noch fünf sein. Die Bran­che steht vor ei­nem bru­ta­len Ver­drän­gungs­kampf.

Künf­tig gibt es im Kan­ton fünf Asyl­re­gio­nen: Stadt Bern, Mit­tel­land, Ober­land, See­lan­dBer­ner Ju­ra, Obe­ra­ar­gau-Em­men­tal. In je­der Re­gi­on über­nimmt ein Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer die «ope­ra­ti­ve Ge­samt­ver­ant­wor­tung» in Asyl- und In­te­gra­ti­ons­fra­gen. Der Kan­ton hat die­se Auf­trä­ge öf­fent­lich aus­ge­schrie­ben, die Be­wer­bungs­frist läuft noch bis 18. Ja­nu­ar 2019. Bis da­hin be­äugt man sich in­ner­halb der Bran­che. Wer be­wirbt sich? Und wo? Noch hal­ten sich vie­le Ak­teu­re be­deckt. Aber nicht al­le.

Das Schwer­ge­wicht

Wenn es im Schwei­zer Asyl­we­sen so et­was wie ein Schwer­ge­wicht gibt, dann ist das die ORS Ser­vice AG, Sitz in Zü­rich. Ge­mäss der ei­ge­nen Web­site un­ter­hält das Un­ter­neh­men 21 Kol­lek­ti­v­un­ter­künf­te. Ko­or­di­niert das Asyl­we­sen von 37 Ge­mein­den. Führt 13 Bun­des­asyl­zen­tren, dar­un­ter die Un­ter­kunft auf dem Are­al des ehe­ma­li­gen Zieg­ler­spi­tals. Aus dem Kan­ton Bern hat sich die ORS seit dem En­de der un­ter­ir­di­schen Not­un­ter­künf­te fast gänz­lich zu­rück­ge­zo­gen. Nun sieht sie die Zeit für ih­re Rück­kehr ge­kom­men.

«Grund­sätz­lich möch­ten wir un­se­re Di­enst­leis­tun­gen im gan­zen Kan­tons­ge­biet an­bie­ten», teilt ein Spre­cher des Un­ter­neh­mens schrift­lich mit. Man prü­fe, «at­trak­ti­ve Lö­sun­gen» in al­len fünf aus­ge­schrie­be­nen Re­gio­nen

«Es bringt nichts, sich nun ver­rückt ma­chen zu las­sen.»

Chris­ti­an Rohr Ge­schäfts­füh­rer Asyl Ber­ner Ober­land

ein­zu­rei­chen. Die ORS will al­so den gan­zen Ku­chen. Und sie gibt sich selbst­be­wusst: «Die ge­for­der­ten Kri­te­ri­en kön­nen voll­um­fäng­lich er­füllt wer­den», so der Spre­cher. Er spielt da­mit auf die Zu­schlags­kri­te­ri­en an, die der Kan­ton de­fi­niert hat. Wich­tigs­ter Fak­tor ist der Preis. 35 Pro­zent des Ver­ga­be­ent­scheids ba­sie­ren dar­auf. Dem­ge­gen­über wird Er­fah­rung nur mit 5 und re­gio­na­le Ver­net­zung mit 15 Pro­zent be­rück­sich­tigt.

«Ei­ne Ex­trem­si­tua­ti­on»

Pier­re Alain Sch­negg be­grün­de­te die Ge­wich­tung jüngst da­mit, dass es Platz ha­ben müs­se für neue, in­no­va­ti­ve Lö­sun­gen. Er tat dies im Rah­men ei­ner Ver­eins­ver­samm­lung in ei­ner ehe­ma­li­gen Dorf­beiz im Ber­ner Ober­land. Die Beiz ist heu­te ei­ne Asyl­un­ter­kunft, der Ver­ein ei­ne Asyl­or­ga­ni­sa­ti­on, für die es um al­les geht. Asyl Ber­ner Ober­land (ABO) un­ter­hält heu­te zwei Asyl­un­ter­künf­te, be­schäf­tigt rund 50 Mit­ar­bei­ten­de, be­treut an die 1000 Per­so­nen – ver­gli­chen mit der Kon­kur­renz aus Zü­rich ist ABO ein Leicht­ge­wicht. Und trotz­dem steigt ABO nun mit der ORS in den Ring.

Denn auch ABO be­wirbt sich für die Asyl­re­gi­on Ober­land. Wo­für sonst? Der Ver­ein setzt sich aus den 13 kom­mu­na­len und re­gio­na­len So­zi­al­diens­ten der Ge­mein­den des Ber­ner Ober­lan­des zu­sam­men. Aus­wei­chen ist kei­ne Op­ti­on. Chris­ti­an Rohr ist Ge­schäfts­füh­rer des Ver­eins. Er gibt un­um­wun­den zu: «Na­tür­lich ist das Vor­ha­ben sehr an­spruchs­voll.» Ga­ran­ti­en ge­be es kei­ne. «Aber es bringt nichts, sich nun ver­rückt ma­chen zu las­sen.» Er fügt an: ABO ste­he hin­ter der Zu­sam­men­füh­rung, heu­te sei vie­les zu kom­pli­ziert. Rohr strahlt Zu­ver­sicht aus. Und doch gilt für sei­nen klei­nen Ver­bund: Ver­liert man das Ober­land, geht es um die Exis­tenz.

Das Du­ell ORS vs. ABO ist nur ei­nes von vie­len, die in den kom­men­den Wo­chen stei­gen wer­den. Nicht al­le sind so of­fen­siv mit ih­ren Am­bi­tio­nen. Ob­schon – oder ge­ra­de weil – es um sehr viel geht. «Zum jet­zi­gen Zeit­punkt: kein Kom­men­tar», heisst es da. Und dort: «Es ist ei­ne ex­tre­me Si­tua­ti­on. Für al­le.»

Fo­to: Chris­ti­an Pfan­der

Das Füh­ren von Asyl­un­ter­künf­ten ist ein Ge­schäft, um das im Kan­ton Bern ein hef­ti­ger Kampf ent­brannt ist.

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