Ge­ber­kan­to­ne sol­len ent­las­tet wer­den

Por­trät Er hat die Freun­de rei­hen­wei­se ster­ben se­hen und sich jah­re­lang bei der Aids-Prä­ven­ti­on en­ga­giert. Nun hat sich der le­gen­dä­re Bas­ler Klatsch­ko­lum­nist -mi­nu sel­ber mit HIV an­ge­steckt.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Michè­le Bins­wan­ger Kostas Ma­ros

Fi­nanz­aus­gleich Der Stän­de­rat hat ges­tern ei­ner An­pas­sung des Fi­nanz­ und Las­ten­aus­gleichs zu­ge­stimmt. Neu soll der res­sour­cen­schwächs­te Kan­ton auf min­des­tens 86,5 Pro­zent der durch­schnitt­li­chen Res­sour­cen­aus­stat­tung kom­men.

Da­durch wür­de auch der Bund ent­las­tet. Der Be­trag, den er ein­spart, soll aber im Sys­tem blei­ben: 140 Mil­lio­nen Fran­ken flies­sen in den so­zio­de­mo­gra­fi­schen Las­ten­aus­gleich, wei­te­re 140 Mil­lio­nen Fran­ken ge­hen wäh­rend fünf Jah­ren als Über­gangs­hil­fe an die res­sour­cen­schwa­chen Kan­to­ne.

Es hängt noch ein biss­chen Glit­ter in sei­nem gezwir­bel­ten Schnauz. Das kommt vom Weih­nachts­schmuck, mit dem Hans-Pe­ter Ham­mel ali­as -mi­nu ge­ra­de den Christ­baum im Bas­ler Re­stau­rant Kunst­hal­le be­hängt. Hier geht die fei­ne Bas­ler Ge­sell­schaft ein und aus, hier kennt ihn je­der. -mi­nu grüsst und nickt im Mi­nu­ten­takt, im­mer freund­lich, oh­ne sich von sei­ner Mis­si­on ablen­ken zu las­sen. Das Re­sul­tat ist ei­ne glitz­rig-bun­te Ad­vents-Ex­tra­va­gan­za von ei­nem Weih­nachts­baum. So bunt wie -mi­nu selbst.

Je­der in Ba­sel kennt den Ko­lum­nis­ten, stets ex­tra­va­gant ge­klei­det und mit ei­ner geist­rei­chen Be­mer­kung auf den Lip­pen. Der 71-Jäh­ri­ge ist ei­ne In­sti­tu­ti­on, und das seit fast fünf­zig Jah­ren. Jah­re­lang schrieb er die ein­zi­ge und eben­so ge­lieb­te wie ge­hass­te Bas­ler Klatsch­ko­lum­ne. Die­sen Herbst mach­te er sel­ber Schlag­zei­len. -mi­nu ist HIV­po­si­tiv. 2016 gab es in Ba­sel 36 neue HIV-An­ste­ckun­gen, ei­ne da­von ist -mi­nu, an­ge­steckt beim un­ge­schütz­ten Ge­schlechts­ver­kehr.

«Ich war ein Rie­sen­arsch» lau­tet der Ti­tel sei­nes Bei­trags im eben er­schie­ne­nen Buch «Aids in Ba­sel». So be­zeich­ne­te ihn der Göt­ti­bub, nach­dem er von -mi­nus An­ste­ckung er­fah­ren hat­te. Aus­ge­rech­net -mi­nu, der ihn ein­dring­lich vor un­ge­schütz­tem Ver­kehr ge­warnt hat­te. Der die An­fän­ge der Krank­heit in den Acht­zi­ger­jah­ren mit­er­lebt hat, als man von der «Schwu­len­seu­che» sprach. Der Freun­de in Se­rie weg­ster­ben sah.

«Es war so grau­en­voll, dass ich ganz auf Sex ver­zich­te­te», sagt -mi­nu. Spä­ter en­ga­gier­te er sich, tauch­te in ein­schlä­gi­gen Bars auf, über­zog Ba­na­nen mit Prä­ser­va­ti­ven. Und jetzt HIV durch un­ge­schütz­ten Sex – wie kann das in sei­nem Al­ter noch pas­sie­ren?

Was er schrieb, schlug ein

Wer ihm ge­gen­über­sitzt, kann sich sei­nem Charme kaum ver­schlies­sen. Mit Schalk in sei­nen grü­nen Au­gen nennt er die Din­ge oh­ne fal­sche Scham beim Na­men, re­det vom Bum­sen und Bla­sen, wenn es um Sex geht. Aber Men­schen be­han­delt er höf­lich und re­spekt­voll. Draus­sen spa­ziert ei­ne Da­me vor­bei, -mi­nu deu­tet mit dem En­de sei­ner Ga­bel auf sie und sagt: «Das ist XY» – er nennt ei­nen Na­men aus dem «Daig». «Sie hat­te da­mals ein Ver­hält­nis mit AB» – er nennt ei­nen be­kann­ten An­walt. «Sie er­war­te­te ein Kind von ihm, aber er war ver­hei­ra­tet. So et­was hät­te ich na­tür­lich nie ge­schrie­ben.»

Ein äl­te­res Ehe­paar schiebt sich vor den Christ­baum, die fein ge­pu­der­te Da­me lä­chelt über­schwäng­lich, reicht ihm die Hand, be­dankt sich für den Baum. Seit 16 Jah­ren schmückt ihn -mi­nu zur Weih­nachts­zeit. Auch das ist ei­ne In­sti­tu­ti­on.

Dis­kre­ti­on bei öf­fent­li­chen Fi­gu­ren, Of­fen­heit im Pri­va­ten, das war im­mer -mi­nus Stra­te­gie. Sie hat sich bis heu­te be­währt. Mit neun Jah­ren teil­te der Sohn ei­nes Tram­chauf­feurs sei­nen El­tern mit, er wer­de nie ei­ne Frau nach Hau­se brin­gen, weil er sich für Män­ner in­ter­es­sie­re. Als er 1969 mit sei­ner Klatsch­ko­lum­ne ans Licht der Öf­fent­lich­keit trat, war sei­ne se­xu­el­le Ori­en­tie­rung kein Ge­heim­nis – zu ei­ner Zeit, da es in der Schweiz noch ein Ho­mo­se­xu­el­lenRe­gis­ter gab. Und jetzt sagt er mit der­sel­ben Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass er Pa­ri­ser noch nie ge­mocht ha­be, sie ein­engend und lust­tö­tend fin­de. Das hört die Aids-Hil­fe dann wohl nicht so gern.

Wer ver­ste­hen will, wie ein schwu­ler Ar­bei­ter­sohn in ei­ner ver­snob­ten Stadt wie Ba­sel zum Chro­nis­ten des Ge­sell­schafts­le­bens

«Pa­ri­ser ha­be ich noch nie ge­mocht, ich fin­de sie ein­engend und lust­tö­tend.»

wer­den konn­te, muss in die Sieb­zi­ger­jah­re zu­rück­bli­cken. Aus dem be­gab­ten Jun­gen soll­te nach Wün­schen des Va­ters ein SP-Re­gie­rungs­rat oder nach der Mut­ter ein Leh­rer wer­den. Doch zum Ent­set­zen der El­tern schmiss er kurz vor der Ma­tur die Schu­le und warb bei der links­li­be­ra­len «Na­tio­nalZei­tung» an. Der Ver­le­ger Fritz Ha­ge­mann ha­be beim Be­wer­bungs­ge­spräch nach dem feh­len­den Ab­schluss ge­fragt, er­zählt -mi­nu. Er ha­be ihm ge­sagt: «Ich hat­te ein Ver­hält­nis mit dem Che­mie­leh­rer, des­halb ha­be ich die Schu­le ge­schmis­sen.» Die Ant­wort: «Da ha­ben Sie mehr ge­lernt als mit ei­ner Ma­tur.» -mi­nu be­gann im Wirt­schafts­res­sort und re­di­gier­te Bör­sen­be­rich­te, die dann et­wa so tön­ten: «Fällt die La Ro­che in ein Loch, kau­fen wir die Ak­tie doch.»

Bald schon kam er mit der Idee an­ge­tanzt, die «Na­tio­nal-Zei­tung» brau­che ei­ne Klatsch­ko­lum­ne. Fritz Ha­ge­mann un­ter­brei­te­te das so­fort dem Re­dak­ti­ons­kol­lek­tiv, das bei per­so­nel­len und ver­le­ge­ri­schen Ent­schei­den mit­re­de­te. Die Her­ren Re­dak­to­ren wa­ren ent­rüs­tet. Un­wür­dig sei so et­was, ni­veau­los, für vul­gä­re Be­dürf­nis­se. Die er­hitz­ten Ge­mü­ter über­zeug­ten den Ver­le­ger da­von, dass die Idee gut sein muss­te. «Er klopf­te mit sei­nen gich­ti­gen Fin­gern auf den Tisch und sprach ein Macht­wort», sagt -mi­nu, der für sei­ne ers­te Ko­lum­ne 1969 ei­nen Cock­tail­emp­fang beim Bas­ler Ex­zen­tri­ker und Cou­turi­er Fred Spill­mann heim­such­te. Er schrieb, was er woll­te, und was er schrieb, schlug ein. Schon 1974, als 27-Jäh­ri­ger, führ­te er die Su­jet­lis­te der Bas­ler Fas­nacht – er hat­te die schöns­ten Toi­let­ten der Re­gi­on in ei­nem «Gui­de» pu­bli­ziert – als Spit­zen­rei­ter an. Ein Rit­ter­schlag. Der Bas­ler Jour­na­list Chris­ti­an Platz, Sohn des lang­jäh­ri­gen BaZ-Chef­re­dak­tors Hans-Pe­ter Platz, kennt -mi­nu von Kin­des­bei­nen an: «Er war im­mer ei­ne gross­ar­ti­ge Per­sön­lich­keit, flam­boyant, mit Schneid und manch­mal so frech, dass die Leu­te leer schluck­ten. Doch er ist auch grund­ehr­lich und rück­sichts­voll.» Vor al­lem liebt -mi­nu sei­ne Stadt. Ba­sel sei auch ein Vi­rus, sagt er, sein Glit­zer­schnauz lä­chelt. Heu­te lebt er mehr­heit­lich in Ita­li­en und hat ge­ra­de drei Jah­re in Wi­en an ei­nem au­to­bio­gra­fi­schen Ro­man ge­schrie­ben. Aber wenn er die Müns­ter­tür­me, Ba­sels Wahr­zei­chen, wie­der er­bli­cke, klop­fe sein Herz wie beim An­blick ei­nes Ge­lieb­ten.

Ba­sel ist heu­te noch Pro­vinz, und viel mehr noch war es das in den Sieb­zi­gern, als -mi­nu mit sei­nem Klatsch be­gann. Die Stadt gab zu we­nig her, um ei­ne wö­chent­li­che Ko­lum­ne zu fül­len, zu­mal das al­te Geld, in Ba­sel «Daig» ge­nannt, Öf­fent­lich­keit fürch­tet wie der Vam­pir den Knob­lauch. -mi­nu re­spek­tier­te das. Er be­rich­te­te nur über je­ne, die nichts da­ge­gen hat­ten. Und er dich­te­te da­zu: Lang­wei­lern leg­te er kna­cki­ge State­ments in den Mund, oft kreuz­te er nicht sel­ber auf, son­dern liess sich von sei­nen «Agen­ten» Be­richt er­stat­ten, manch­mal ver­wech­sel­te er An­läs­se und Gäs­te­lis­ten. Doch er mach­te nie ei­nen Hehl aus sei­ner Vor­ge­hens­wei­se und war geist­reich ge­nug, dass es nie­man­den küm­mer­te. Nie­mand gab zu, in sei­ner Ko­lum­ne er­schei­nen zu wol­len, und doch war man be­lei­digt, wenn man es nicht in die Ko­lum­ne schaff­te.

Gros­se Lie­be, of­fe­ne Be­zie­hung

Mit dem Klatsch hat er nach vier­zig Jah­ren auf­ge­hört, Ge­schich­ten­er­zäh­ler ist er ge­blie­ben. Mit der ge­wohn­ten Non­cha­lance be­rich­tet er die Ge­schich­te sei­ner HIV-An­ste­ckung. «Es war ei­ne al­te Af­fä­re, ich wuss­te, dass er HIV-po­si­tiv war. Aber er war in Be­hand­lung und des­halb nicht an­ste­ckend.» Doch der Mann ha­be sei­ne Me­di­ka­men­te in Ei­gen­re­gie ab­ge­setzt, sei­ne Vi­ren­last sei un­be­merkt ge­stie­gen. Bis -mi­nu nach ei­nem Be­such in Lon­don plötz­lich von ei­ner hef­ti­gen und hart­nä­cki­gen Er­käl­tung heim­ge­sucht und beim Arzt als HIV-po­si­tiv dia­gnos­ti­ziert wur­de.

Die Ge­schich­te passt zur eben ge­star­te­ten Kam­pa­gne der Aids-Hil­fe Schweiz. Sie will nicht in ers­ter Li­nie vor Neu­an­ste­ckun­gen war­nen, son­dern rich­tet sich ge­gen Dis­kri­mi­nie­rung und Vor­ur­tei­le ge­gen­über HIV-Po­si­ti­ven. «Kei­ne Kam­pa­gne ge­gen Aids, son­dern ei­ne für die HIV-Po­si­ti­ven», fasst And­reas Leh­ner von der Aids-Hil­fe Schweiz zu­sam­men. Man wol­le den Leu­ten klar­ma­chen, dass HIV-Po­si­ti­ve mit der rich­ti­gen The­ra­pie nicht mehr an­ste­ckend sei­en. -mi­nus Bei­spiel zeigt, dass Sorg­lo­sig­keit nicht an­ge­zeigt ist. Gleich­zei­tig hilft er mit sei­ner Of­fen­heit, Vor­ur­tei­le ab­zu­bau­en.

Nun müs­se er halt täg­lich zwei Pil­len schlu­cken, sagt er ge­las­sen. Auf sei­ne Le­bens­er­war­tung ha­be das kei­ne Aus­wir­kung, hat ihm der Arzt ver­si­chert. Doch nicht al­le neh­men es so lo­cker. Ver­wand­te und Be­kann­te hät­ten na­tür­lich die Hän­de ver­wor­fen. In den Le­ser­brief­spal­ten der «Bas­ler Zei­tung» heisst es em­pört, er ver­harm­lo­se die Krank­heit, er­mu­ti­ge zu ver­ant­wor­tungs­lo­sem Ver­hal­ten, und das al­les in ge­wohnt lo­cker flo­cki­gem Ton. Da­zu -mi­nus Be­zie­hungs­sta­tus – ist er nicht seit bald fünf­zig Jah­ren fest li­iert? «Da wun­dern sich wohl man­che, dass man mit sieb­zig über­haupt noch Sex ha­ben kann.» Er lacht. «Aber ich und mein Part­ner hat­ten im­mer ei­ne of­fe­ne Be­zie­hung. Mei­ne An­ste­ckung hat uns noch nä­her­ge­bracht.» Für Mora­lis­ten wohl ei­ne schwe­rer zu schlu­cken­de Pil­le als die zwei Ta­blet­ten, die -mi­nu nun täg­lich nimmt.

Fo­to: Kostas Ma­ros

Ei­ne In­sti­tu­ti­on: Ko­lum­nist -mi­nu in der Bas­ler Kunst­hal­le, wo er seit 16 Jah­ren den Christ­baum schmückt.

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