Bra­ve Bus­sen­zah­ler

Stadt Bern Bei ei­ner Ve­lo­kon­trol­le stiess die Po­li­zei selbst bei Sün­dern auf Ver­ständ­nis.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Sei­te 8+9

45 Mi­nu­ten Kon­trol­le, 24 aus­ge­spro­che­ne Bus­sen – und ziem­lich viel gu­te Lau­ne: So könn­te man die Ve­lo­kon­trol­le, die der Ver­kehrs­dienst der Re­gio­nal­po­li­zei Bern kürz­lich im Mor­gen­grau­en am Hel­ve­tia­platz durch­führ­te, zu­sam­men­fas­sen. Beim Au­gen­schein, den die­se Zei­tung neh­men konn­te, fiel auf, wie vie­le Ve­l­o­pend­ler an­stands­los das Porte­mon­naie zü­cken, wenn die Po­li­zei et­wa ein feh­len­des Rück­licht be­an­stan­det. Es scheint, dass zu­min­dest den hart­ge­sot­te­nen Rad­fah­rern, die auch im Win­ter un­ter­wegs sind, der Prä­ven­ti­ons­ge­dan­ke schon in­tus ist, den die Po­li­zei mit ih­ren Kon­trol­len wei­ter streu­en will: Dass man mit gu­ter Sicht­bar­keit viel da­zu bei­tra­gen kann, nicht zum Op­fer ei­nes Un­falls zu wer­den.

Der äl­te­re Herr auf dem schnit­ti­gen Fahr­rad weiss so­fort, was es ge­schla­gen hat. Ein Mit­ar­bei­ter des Ver­kehrs­diensts der Re­gio­nal­po­li­zei Bern hat ihn so­eben beim Hel­ve­tia­platz mit­tels Leuchtstab von der Ma­ri­en­stras­se auf ei­nen Kon­troll­platz ge­wie­sen. «Ja, ich weiss», meint der Mann, noch be­vor der Po­li­zei­be­am­te et­was sa­gen kann, «mein Rück­licht ist de­fekt.» Trotz die­ser an­stands­lo­sen Ein­sicht kommt er na­tür­lich nicht um

ei­ne Bus­se her­um. 40 Fran­ken kos­tet das Velo­fah­ren oh­ne Licht.

Der Ver­kehrs­sün­der zahlt, oh­ne zu mur­ren, kann sich aber ei­nen klei­nen Sei­ten­hieb nicht ver­knei­fen: «Ihr habt si­cher viel zu tun heu­te, es muss sich ja auch ren­tie­ren.» Der Po­li­zist schüt­telt den Kopf: «Das ist nicht das Ziel, es geht al­lein um die Si­cher­heit.» Der Mann denkt kurz nach, steigt auf sein Ve­lo und meint: «Das ist auch wie­der wahr.» Dann braust er los.

Hand­zet­tel und Hals­tü­cher

Es ist kurz vor 7 Uhr, die ers­te Bus­se aus­ge­stellt. 16 Mit­ar­bei­ten­de des Ver­kehrs­diensts ha­ben sich an den drei Zu­fahrts­stras­sen zum Hel­ve­tia­platz po­si­tio­niert, um Velo­fah­re­rin­nen und -fah­rer zu kon­trol­lie­ren. Die Kan­tons­po­li­zei tut dies im Rah­men ih­res «Jah­res­schwer­punkts Lang­s­am­ver­kehr». Hin­ter­grund sind stei­gen­de Un­fall­zah­len ge­ra­de bei Ve­lo- und E-Bi­ke-Fah­ren­den (sie­he Kas­ten).

Ge­mäss der Be­ra­tungs­stel­le für Un­fall­ver­hü­tung (BfU) ist bei Dun­kel­heit und in der Däm­me­rung das Un­fall­ri­si­ko drei­mal hö­her, als wenn es hell ist. Des­halb führt die Po­li­zei in die­sem Jahr auf dem gan­zen Kan­tons­ge­biet ge­ziel­te Be­leuch­tungs­kon­trol­len durch, so wie eben an die­sem kal­ten und noch dunk­len Mor­gen auf dem Hel­ve­tia­platz in Bern. Der Po­li­zei ist es wich­tig, auch den Prä­ven­ti­ons­ge­dan­ken der Kam­pa­gne her­vor­zu­he­ben. So be­ge­ben sich Po­li­zis­ten et­wa an neur­al­gi­sche Or­te, um dort Fuss­gän­gern und Velo­fah­rern Hand­zet­tel mit den wich­tigs­ten Tipps zum The­ma Sicht­bar­keit so­wie Gi­ve-aways wie re­flek­tie­ren­de Hals­tü­cher ab­zu­ge­ben.

Blink­lich­ter nicht er­laubt

Bei der früh­mor­gend­li­chen Gross­kon­trol­le auf dem Hel­ve­tia­platz ist auch And­reas Bie­ri vor Ort. «In der kal­ten Jah­res­zeit fah­ren die Velo­fah­rer dis­zi­pli­nier­ter», sagt der Lei­ter des Ver­kehrs­diensts bei der Re­gio­nal­po­li­zei Bern und fügt an: «Das sind knall­har­te Leu­te, die bei die­sen Ver­hält­nis­sen aufs Ve­lo stei­gen.» Bie­ri zeigt auf ei­nen vor­bei­fah­ren­den Mann, der wie aus ei­ner Prä­ven­ti­ons­bro­schü­re zur Un­fall­ver­hü­tung da­her­kommt: funk­tio­nie­ren­de Velo­lich­ter, vor­ne und hin­ten be­leuch­te­ter Ve­lo­helm, Leucht­wes­te, Drei­fach­be­leuch­tung am Ve­lo­an­hän­ger. «Der ist ab­so­lut pro­fi­mäs­sig un­ter­wegs», meint Bie­ri.

Er rech­net mit nicht all­zu vie­len Bus­sen an die­sem Mor­gen, an dem haupt­säch­lich er­fah­re­ne Pend­ler un­ter­wegs sind. Ganz an­ders sei dies in lau­en Som­mer­näch­ten, wenn auch al­ko­ho­li­sier­te Nacht­schwär­mer mit ih­rem Draht­esel nach Hau­se kurv­ten. Da könn­ten die Re­ak­tio­nen der Kon­trol­lier­ten auch mal et­was häs­si­ger da­her­kom­men, meint er. Das kommt früh­mor­gens tat­säch­lich kaum vor. Da wird freund­lich ge­grüsst, in Small Talk ver­fal­len, ja so­gar ge­lacht.

Der Gross­teil der Kon­trol­len en­det in­des auch nicht mit ei­ner Bus­se, son­dern le­dig­lich mit

«In der kal­ten Jah­res­zeit fah­ren die Velo­fah­rer dis­zi­pli­nier­ter.» And­reas Bie­ri Lei­ter Ver­kehrs­dienst

Der Gross­teil der Kon­trol­len en­det nicht mit ei­ner Bus­se, son­dern nur mit ei­ner Be­leh­rung. Et­wa wenn Velo­fah­rer mit ei­nem blin­ken­den Licht un­ter­wegs sind.

ei­ner Be­leh­rung. Et­wa dann, wenn Velo­fah­rer mit ei­nem blin­ken­den Licht un­ter­wegs sind. Denn die Blink­lich­ter sind nicht er­laubt. Das Ge­setz schreibt ein ru­hen­des Licht vor. Das wis­sen je­doch die we­nigs­ten, wie sich auch an die­sem Mor­gen zeigt. Ge­büsst wird des­we­gen nie­mand, son­dern nur dar­auf hin­ge­wie­sen.

Ach­ten auf Stras­sen­lam­pen

Mitt­ler­wei­le ist es halb acht, das Fir­ma­ment rö­tet sich, die Kon­trol­le neigt sich dem En­de zu. Ein «Mel­der», der wei­ter oben an der Stras­se po­si­tio­niert ist, in­for­miert sei­ne Kol­le­gen via Funk, dass in Kür­ze ein jun­ger Mann oh­ne Licht auf­tau­chen wird. Kur­ze Zeit spä­ter wird die­ser auf dem Hel­ve­tia­platz her­aus­ge­winkt. Sein Fi­xie-Bi­ke hat we­der vor­ne noch hin­ten Licht. Leicht grum­me­lig ver­sucht der jun­ge Mann die Po­li­zis­ten da­von zu über­zeu­gen, dass es ja schon fast hell sei. Doch die Be­hör­den­ver­tre­ter kön­nen nebst auf die noch herr­schen­de Däm­me­rung auch auf ei­ne Faust­re­gel ver­wei­sen. Die­se be­sagt, dass, so­lan­ge die Stras­sen­be­leuch­tung an ist, beim Fahr­rad gilt: Licht an!

Nur ei­ne Mi­nu­te spä­ter ras­selt ein cir­ca 50-jäh­ri­ger E-Bi­ke-Fah­rer aus dem­sel­ben Grund in die Kon­trol­le. Er blickt ver­wun­dert in al­le Him­mels­rich­tun­gen und meint: «Oh! Das mit den Stras­sen­lam­pen wuss­te ich nicht.» Die Bus­se nimmt er oh­ne zu rek­la-

mie­ren in Form ei­nes Ein­zah­lungs­scheins mit. Um 7.40 Uhr bricht der Ein­satz­lei­ter die Kon­trol­le ab. Ob­wohl die Stras­sen­lam­pen noch leuch­ten, ist es mitt­ler­wei­le zu hell.

In­ner­halb von rund 45 Mi­nu­ten pas­sier­ten 1423 Velos die drei Kon­troll­punk­te rund um den Hel­ve­tia­platz. Das gibt der Ein­satz­lei­ter bei der Ein­satz­be­spre­chung be­kannt. Da­bei muss­ten le­dig­lich 24 Ord­nungs­bus­sen we­gen Fah­rens oh­ne Licht aus­ge­stellt wer­den. Das be­stä­tigt die Ein­schät­zung von And­reas Bie­ri: Die früh­mor­gend­li­chen Pend­ler sind to­paus­ge­rüs­tet.

Fo­tos: Beat Ma­thys

45 Mi­nu­ten Kon­trol­le, 24 Velo­fah­rer ge­büsst: Ein Ver­kehrs­po­li­zist winkt beim Hel­ve­tia­platz ei­nen her­an­brau­sen­den Ve­l­o­pend­ler ein.

Die­ser Mann muss bei sei­ner Be­leuch­tung noch et­was nach­bes­sern.

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