Un­ter die­sen Be­din­gun­gen wird Ihr Weih­nachts­ge­schenk her­ge­stellt

In chi­ne­si­schen Spiel­zeug­fa­bri­ken herr­schen ka­ta­stro­pha­le Zu­stän­de – be­son­ders wäh­rend der Pro­duk­ti­on für Weih­nach­ten. Die dort an­ge­fer­tig­ten Pro­duk­te wer­den auch in der Schweiz ver­kauft.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Schweiz - Ca­ro­li­ne Frei­gang

Die Puppe singt auf Knopf­druck, sie kann mit in die Ba­de­wan­ne, und der Hö­he­punkt: Schüt­telt man sie hin und her, glit­zert ih­re Schwanz­flos­se. Die Ari­el-Fi­gur von Dis­ney dürf­te die­ses Jahr un­ter vie­len Weih­nachts­bäu­men lie­gen.

We­ni­ger fun­kelnd sind die Be­din­gun­gen, un­ter de­nen das Spiel­zeug «Dis­ney’s Prin­cess Sing & Spark­le Ari­el Doll» her­ge­stellt wird. Ei­ne Ar­bei­te­rin in der chi­ne­si­schen Fa­b­rik Wah Tung, in der die Fi­gur pro­du­ziert wird, be­ar­bei­tet am Tag rund 1800 bis 2500 Stück die­ser Puppe. Sie ar­bei­tet 26 Ta­ge im Mo­nat und ver­dient in die­ser Zeit um­ge­rech­net rund 435 Fran­ken.

Die Ari­el-Puppe wird der­weil auf Ama­zon für rund 35 Fran­ken ver­kauft und ist auch in die Schweiz lie­fer­bar. Für je­de Puppe, an de­ren Her­stel­lung sie be­tei­ligt ist, er­hält die Ar­bei­te­rin ei­nen Rap­pen. Rund 75 Ar­bei­te­rin­nen sind an die­sem Her­stel­lungs­pro­zess be­tei­ligt – es flies­sen al­so ins­ge­samt 75 Rap­pen des Ver­kaufs­werts an die Ar­bei­te­rin­nen.

Hin­zu kommt, dass sich die Zu­stän­de in den chi­ne­si­schen Fa­bri­ken, in de­nen die Pup­pen und an­de­re Spiel­wa­ren für den Welt­markt und auch für die Schweiz pro­du­ziert wer­den, im Ver­gleich zu den Vor­jah­ren teil­wei­se deut­lich ver­schlech­tert ha­ben. Das zeigt ein neu­er Be­richt der Non-Pro­fit-Or­ga­ni­sa­ti­on So­li­dar Suis­se. «Die Sche­re zwi­schen den bes­se­ren und den schlech­te­ren Fa­bri­ken ist die­ses Jahr ex­trem auf­ge­gan­gen», sagt Si­mo­ne Was­mann, Kam­pa­gnen­ver­ant­wort­li­che Fai­re Ar­beit. Be­son­ders sei der Druck auf die Ar­bei­te­rin­nen ge­stie­gen, mehr Pro­duk­te her­zu­stel­len. Nur so könn­ten vie­le auf ei­nen Lohn kom­men, der zum Über­le­ben rei­che.

Ge­hei­me Er­mitt­ler vor Ort

In Zu­sam­men­ar­beit mit der NGO Chi­na La­bor Watch hat die Or­ga­ni­sa­ti­on für ih­ren Be­richt zwei ver­deck­te Er­mitt­le­rin­nen in die vier chi­ne­si­schen Fa­bri­ken Lova­ble, Wah Tung, He­rald und Jet­ta ent­sandt. Die­se pro­du­zie­ren für al­le grossen Spiel­wa­ren­mar­ken, vor al­lem für die USUn­ter­neh­men Has­bro, Dis­ney und Mat­tel. Neu wur­den mit Lova­ble und Wah Tung auch zwei Fa­bri­ken un­ter­sucht, die für die deut­schen Her­stel­ler Ra­vens­bur­ger, Schleich und Sim­ba Di­ckie tä­tig sind.

Die ge­hei­men Er­mitt­ler heu­er­ten als Mit­ar­bei­ter in den Fa­bri­ken an, zeich­ne­ten die Be­din­gun­gen genau auf und in­ter­view­ten an­de­re Ar­bei­ter. Die Un­ter­su­chung er­gab ins­ge­samt 23 Ver­stös­se ge­gen das chi­ne­si­sche Ar­beits­recht.

Be­son­ders schwer­wie­gend wa­ren die Ver­stös­se in den Fa­bri­ken, die für die deut­schen Her­stel­ler pro­du­zie­ren. Im ver­gan­ge­nen Jahr lag die ma­xi­ma­le An­zahl mo­nat­li­cher Über­stun­den bei den un­ter­such­ten Fa­bri­ken noch bei 140. Die­ses Jahr muss­ten Ar­bei­te­rin­nen in der Wah-Tung-Fa­b­rik, die für Sim­ba Di­ckie pro­du­ziert, bis zu 175 Über­stun­den im Mo­nat leis­ten – vie­le da­von un­be­zahlt. In der Hoch­sai­son im Som­mer, wenn al­so das Spiel­zeug für das Weih­nachts­ge­schäft pro­du­ziert wird, er­hiel­ten Mit­ar­bei­ter hier nur ei­nen ein­zi­gen Ru­he­tag. Im Schnitt mach­ten die Ar­bei­ten­den in al­len vier un­ter­such­ten Fa­bri­ken mehr als 80 Über­stun­den pro Mo­nat – ob­wohl das chi­ne­si­sche Ar­beits­recht ma­xi­mal 36 Über­stun­den er­laubt.

Hin­zu kom­men Ge­sund­heits­ri­si­ken. In vie­len Werk­stät­ten wer­den Ver­dün­ner, Lö­sungs­mit­tel und Lei­me ein­ge­setzt, wel­che die Haut ir­ri­tie­ren und die Na­sen­schleim­häu­te rei­zen. Es fehlt an Si­cher­heits­trai­ning und Schutz­aus­rüs­tung. In der chi­ne­si­schen Spiel­wa­ren­in­dus­trie sei zu­dem Ben­zol noch im­mer sehr ver­brei­tet, sagt Si­mo­ne Was­mann von So­li­dar Suis­se. Ben­zol ist ein hoch­gif­ti­ger Stoff, der in Lö­sungs­mit­teln, Lei­men und Far­ben ver­wen­det wird. Aku­te Ver­gif­tun­gen füh­ren zu Herz­rhyth­mus­stö­run­gen und Atem­läh­mung; chro­ni­sche Ver­gif­tun­gen kön­nen zu Leuk­ämie füh­ren. «Al­ter­na­ti­ven sind vor­han­den, kos­ten aber meis­tens mehr», sagt Was­mann.

Kos­ten sen­ken bei Ar­bei­tern

Grund für den stei­gen­den Druck auf die Ar­bei­ter ist So­li­dar Suis­se zu­fol­ge vor al­lem der zu­neh­men­de Druck der Spiel­wa­ren­mar­ken auf die Fa­bri­ken. «Die Mar­ken­un­ter­neh­men wie Has­bro, Dis­ney und Mat­tel ver­lan­gen, dass die Spiel­zeug­fa­bri­ken ih­re Pro­duk­ti­ons­quo­ten er­hö­hen. Sie zah­len den Fa­bri­ken aber nicht mehr für die grös­se­ren Men­gen», sagt Si­mo­ne Was- mann. Un­ter kon­kur­rie­ren­den Fa­bri­ken er­hal­te meist je­ne mit den nied­rigs­ten Kos­ten die meis­ten Auf­trä­ge. «Wenn die Fa­bri­ken die Kos­ten nicht im Her­stel­lungs­pro­zess sen­ken kön­nen, wäl­zen sie dies auf die Ar­bei­te­rin­nen und Ar­bei­ter ab.»

Den Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern fehlt es an Be­schwer­de­me­cha­nis­men. Im Ver­gleich zu an­de­ren Pro­duk­ti­ons­län­dern wie Viet­nam, In­di­en oder In­do­ne­si­en gibt es in Chi­na kein Streik­recht. In den Fa­bri­ken ge­grün­de­te Ge­werk­schaf­ten sind zu­meist nutz­los.

Fo­to: So­li­dar Suis­se

Bis zu 175 Über­stun­den pro Mo­nat muss­ten Ar­bei­ter in der Fa­b­rik Wah Tung (im Bild) leis­ten.

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