Sa­mich­laus für al­le

Die Kin­der- und Ju­gend­ar­beit Tok­jo so­wie die re­for­mier­te Kir­che sor­gen da­für, dass heu­te Abend auch be­nach­tei­lig­te Kin­der ei­nen Be­such vom Mann im ro­ten Ge­wand er­hal­ten.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Region - Ju­li­an Per­re­noud

Um die Ant­wort gleich vor­weg­zu­neh­men: Na­tür­lich gibt es nur ei­nen Sa­mich­laus. Aber der ist heu­te der­art be­schäf­tigt, dass er mit Schmutz­li wohl nicht je­des ein­zel­ne Haus auf­su­chen kann, um Kin­der zu lo­ben und zu ta­deln, ein we­nig mit dem Ju­te­sack zu dro­hen, um sie schliess­lich doch reich zu be­schen­ken. Es ist da­her nicht das ers­te Mal, dass er aus Lan­gen­thal zu­sätz­li­che Hil­fe be­kommt. Der Trä­ger­ver­ein of­fe­ne Kin­der- und Ju­gend­ar­beit Obe­ra­ar­gau (Tok­jo) hat zu­sam­men mit der re­for­mier­ten Kir­che vor Jah­ren schon «dr an­ger Sa­mi­ch­lous» ins Le­ben ge­ru­fen. Sei­ne Werk­statt liegt nicht et­wa ver­bor­gen im Wald, son­dern ganz zen­tral im Fo­rum Geiss­berg.

Be­reits ei­ne Wo­che vor dem 6. De­zem­ber herrscht in zwei Räu­men im Erd­ge­schoss Hoch­be­trieb. Die Luft ist sti­ckig, Kin­der wu­seln um­her, ih­re El­tern auch. Der Bo­den ist über­stellt mit Pa­pier­ta­schen vol­ler Scho­ko­la­de, Pas­ta, Müe­slip­a­ckun­gen und Leb­ku­chen. Nüss­li und Man­da­ri­nen wan­dern in Plas­tik­säck­chen. Auf den Ar­beits­ti­schen ver­pa­cken Müt­ter Ge­schen­ke – Kin­der­bü­cher und Mal­stif­te et­wa oder selbst ge­strick­te Pull­over, Hand­schu­he und So­cken. Es sind al­les Spen­den, die am Wo­che­n­en­de zu­sam­men­ge­kom­men sind beim Sam­meln in Lan­gen­thal, Aar­wan­gen und Rogg­wil. «Wir ha­ben der­art vie­le Din­ge er­hal­ten, so­gar noch mehr als letz­tes Jahr», sagt Tok­jo-Mit­ar­bei­te­rin Ste­fa­nie Lü­thi und strahlt.

Der Ro­bin Hood

An den Ar­beits­ti­schen ste­hen Hel­fe­rin­nen, die erst vor kur­zem von der Ak­ti­on er­fah­ren ha­ben oder im El­tern­rat, in der Kirch­ge­mein­de oder an­der­wei­tig bei Tok­jo ak­tiv sind. Für sie sei es ei­ne gu­te Sa­che, des­halb hät­ten vie­le gleich auch ih­re Kin­der mit­ge­nom­men. Um ih­nen be­wusst zu ma­chen, dass nicht al­le Gleich­alt­ri­gen wie selbst­ver­ständ­lich ei­nen Be­such vom Sa­mich­laus er­hal­ten.

Die Frei­wil­li­gen muss­ten zu­erst ei­ne Schwei­ge­pflicht­er­klä­rung un­ter­schrei­ben. An­ony­mi­tät ist wich­tig, auf den ver­pack­ten Ge­schen­ken ste­hen nur das Al­ter und die Vor­na­men der Kin- der. Sie sind beim re­gio­na­len So­zi­al­dienst an­ge­mel­det und wer­den über die­se Stel­le ver­mit­telt. Kin­der aus so­zi­al schwä­che­ren Fa­mi­li­en et­wa oder aus sol­chen mit an­de­ren re­li­giö­sen oder kul- tu­rel­len Hin­ter­grün­den. «Un­ser Sa­mich­laus ist ei­gent­lich ein Ro­bin Hood», sagt Tok­jo-Stel­len­lei­ter Tho­mas Bert­schin­ger. Er nimmt von de­nen, die ha­ben, und gibt je­nen, die brau­chen. Et­wa 50 Kin­der be­sucht «dr an­ger Sa­mi­ch­lous» heu­te Abend. Seit dem Jahr 2010 läuft das Pro­jekt mitt­ler­wei­le schon. «Ei­gent­lich hät­ten wir gar kei­ne Zeit da­für», gibt Bert­schin­ger zu be­den­ken. «Aber es ist je­des Jahr so be­rei­chernd.» Die Freu­de der be­schenk­ten Fa­mi­li­en, die leuch­ten­den Kin­der­au­gen. Ste­fa­nie Lü­thi sagt: «Für uns ist es ein Her­zens­pro­jekt.»

An­fangs wa­ren noch die Mit­ar­bei­ten­den von Tok­jo als Sa­mich­laus und Schmutz­li un­ter­wegs. Als die Ak­ti­on wei­ter wuchs, über­nah­men Frei­wil­li­ge die­se Auf­ga­be. En­de No­vem­ber such­ten der Trä­ger­ver­ein der of­fe­nen Kin­der- und Ju­gend­ar­beit so­wie die re­for­mier­te Kir­che noch meh­re­re Hel­fer. Doch mitt­ler­wei­le sind ge­nug, ja so­gar mehr als ge­nug bei­sam­men: vier Ch­läu­se, sechs Schmutz­li und vier Fah­rer. Bei der In­struk­ti­ons­run­de im Fo­rum Geiss­berg müs­sen auch die­se Frei­wil­li­gen ei­ne Schwei­ge­pflicht­er­klä­rung un­ter­zeich­nen. Viel Zeit vor Ort wer­den die Ch­läu­se nicht ha­ben. Pro Fa­mi­lie steht ih­nen ei­ne Vier­tel­stun­de zur Ver­fü­gung, um et­wa ei­ne kur­ze Ge­schich­te vor­zu­le­sen.

Fürs Fo­to po­sie­ren

Ober­ch­laus Uwe Wein­hold, der be­reits seit vie­len Jah­ren am 6. De­zem­ber im ro­ten Ge­wand un­ter­wegs ist, er­zählt von rüh­ren­den, aber auch schwie­ri­ge­ren Mo­men­ten, die er bis­her er­lebt hat und die heu­te Abend auch auf die an­de­ren Ch­läu­se und ih­re Hel­fer zu­kom­men könn­ten. «Manch­mal», sagt der So­zi­al­dia­kon von der re­for­mier­ten Kirch­ge­mein­de Lan­gen­thal und lacht, «or­ga­ni­sie­ren die Fa­mi­li­en we­gen un­se­res Be­suchs so­gar ein rich­ti­ges Fest.» Man müs­se sich auf sol­che Si­tua­tio­nen ein­fach mit der nö­ti­gen Ru­he ein­stel­len.

Auch, wenn es dar­um ge­he, ein Fo­to zu ma­chen. Denn was wä­re heu­te ein abend­li­cher Be­such oh­ne ein Sel­fie mit dem Sa­mich­laus?

Fo­to: Tho­mas Pe­ter

Beim Ver­pa­cken der ge­spen­de­ten Wa­re hel­fen so­gar die Klei­nen mit.

Fo­to: Beat Ma­thys

Uwe Wein­hold gibt Schmutz­li Mar­cel Fank­hau­ser, Ste­fa­nie Lü­thi und Chlaus Fe­lix Plan­zer (rechts) letz­te In­struk­tio­nen.

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