Gelb­wes­ten wol­len ins Ely­sée

Die Re­gie­rung in Pa­ris hat dem Druck der Stras­se nach­ge­ge­ben. Doch die Ma­cron-Mü­den wol­len er­neut de­mons­trie­ren. An der Spit­ze: Ma­ri­ne Le Pen.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Ausland - Na­dia Pan­tel,

Noch nie wirk­te die Re­gie­rung von Em­ma­nu­el Ma­cron so schwach wie in die­ser Wo­che. Ma­xi­mal ver­druckst, zog sie am Mitt­woch­abend die Steu­er auf Ben­zin und Die­sel zu­rück, die zu ei­nem Volks­auf­stand ge­führt hat­te. Es war ein Weg­du­cken in drei Ak­ten: Am Di­ens­tag ver­kün­de­te Pre­mier­mi­nis­ter Edouard Phil­ip­pe die Ein­füh­rung der Steu­er wer­de zu­nächst für sechs Mo­na­te aus­ge­setzt. Am Mitt­woch­nach­mit­tag sag­te Phil­ip­pe vor der Na­tio­nal­ver­samm­lung, die Steu­er wer­de nicht kom­men, wenn sich «kei­ne gu­ten Lö­sun­gen fin­den las­sen». Und am Mitt­woch­abend sorg­te der Um­welt­mi­nis­ter end­lich für Klar­heit: kei­ne Steu­er, Plä­ne ver­wor­fen.

Als spä­ter am Abend Ver­tre­ter der Be­we­gung der Gelb­wes­ten im Fern­seh­stu­dio von BFM sit­zen, um mit eben­die­sem Um­welt­mi­nis­ter zu dis­ku­tie­ren, wird klar: Den Zor­ni­gen ist die Steu­er mitt­ler­wei­le fast egal. Die Mäch­ti­gen zie­hen sich zu­rück, die Bür­ger wü­ten wei­ter.

Die neon­gel­be Warn­wes­te ist in Frank­reich zu ei­nem Wie­der­er­ken­nungs­zei­chen al­ler Un­zu­frie­de­nen ge­wor­den. Täg­lich wächst die Lis­te der Grup­pen, die sich dem Auf­stand an­schlies­sen. Last­wa­gen­fah­rer und Land­wir­te wol­len in der kom­men­den Wo­che strei­ken. Gym­na­si­as­ten in Mar­seil­le, Pa­ris, Lyon und Tou­lou­se blo­ckie­ren ih­re Schu­len und lie­fern sich Stras­sen­schlach­ten mit der Po­li­zei. Stu­den­ten be­strei­ken die Uni­ver­si­tä­ten. Kran­ken­wa­gen­fah­rer sper­ren die Place de la Con­cor­de in Pa­ris. Die Bahn­ge­werk­schaft Sud Rail ruft ih­re Mit­ar­bei­ter zum zi­vi­len Un­ge­hor­sam auf: Wer mit Gelb­wes­te un­ter­wegs ist, soll am Sams­tag nicht kon­trol­liert wer­den, da­mit die Men­schen gra­tis zur Gross­de­mo nach Pa­ris kom­men kön­nen. Zu den Bür­ger­be­we­gun­gen ge­sel­len sich die Po­li­ti­ker. So­zia­lis­ten, Kom­mu­nis­ten und die gröss­te lin­ke Op­po­si­ti­ons­par­tei Fran­ce In­so­u­mi­se wol­len am Mon­tag ein Miss­trau­ens­vo­tum ge­gen die Re­gie­rung auf den Weg brin­gen. Und die rechts­ra­di­ka­le Ma­ri­ne Le Pen sieht sich an der Spit­ze des Auf­stands. «Ich bin ei­ne ‹gi­let jau­ne› der ers­ten St­un­de», sag­te sie dem TV-Sen­der TF1.

Im­mer mehr For­de­run­gen

Die For­de­run­gen, die sich un­ter dem Schutz der Wes­te sam­meln, sind in ih­rer Viel­falt un­über­sicht­lich. Die Land­wir­te sind ge­gen ein Ver­bot von Gly­pho­sat. Die Am­bu­lanz­fah­rer wol­len ver­hin­dern, dass Kran­ke künf­tig auch von Uber-Fah­rern trans­por­tiert wer­den dür­fen. Die Schü­ler ha­ben Angst, vom neu­en Ver­ga­be­sys­tem für Stu­di­en­plät­ze aus­sor­tiert zu wer­den. Die Stu­den­ten er­klä­ren sich so­li­da­risch mit Nicht-EU-Aus­län­dern, die in Frank­reich künf­tig ho­he Stu­di­en­ge­büh­ren zah­len sol­len. Je­der sieht in die­ser gel­ben St­un­de den Mo­ment ge­kom­men, auf sich und die ei­ge­ne Agen­da auf­merk­sam zu ma­chen.

Fragt man nach po­li­ti­schen Lö­sun­gen, wird es wi­der­sprüch­lich. Die Lin­ken wol­len ei­ne sechs­te Re­pu­blik, al­so ein En­de des star­ken Prä­si­den­ten. In den Face­book-Grup­pen der Gelb­wes­ten wün­schen sich vie­le mehr Volks­ab­stim­mun­gen. Ein Wes­ten­trä­ger fan­ta­siert im Fern­se­hen dar­über, ob ein Mi­li­tär an der Spit­ze des Staa­tes nicht die bes­te Lö­sung wä­re. Und Le Pen emp­fiehlt na­tur­ge­mäss ih­re Par­tei Ras­sem­ble­ment Na­tio­nal als Heils­brin­ge­rin des Lan­des.

«Was soll pas­sie­ren, wenn Ma­cron weg ist?» Die BFM-Mo­de­ra­to­rin Ruth El­krief stellt die­se Fra­ge in der Li­ve­dis­kus­si­on am Mitt­woch­abend im­mer wie­der. Zu­vor hat sie sich ge­las­sen an­ge­hört, wie der Gelb­wes­ten- Ver­tre­ter Eric Drou­et er­klärt hat, man wol­le am Sams­tag «ins Ely­sée». Drou­et spricht vom Sturm auf den Prä­si­den­ten­pa­last, als sei es ein fried­fer­ti­ger Spa­zier­gang. Und was dann? «Dann fah­ren Sie Bus wie wir an­de­ren auch», sagt ei­ne von Drou­ets Mit­strei­te­rin­nen und zeigt auf die bei­den an­we­sen­den Mi­nis­ter Mar­lè­ne Sch­iap­pa (Gleich­stel­lung der Ge­schlech­ter) und Fran­cois de Ru­gy (Um­welt). In die­sem Mo­ment ver­mischt sich al­les: Um­sturz­fan­ta­si­en, Zorn auf die Eli­ten, Über­druss an der ei­ge­nen fi­nan­zi­el­len Not. Der Chef des fran­zö­si­schen Mei­nungs­in­sti­tuts If­op, Jé­rô­me Four­quet, hat in ei­ner aus­führ­li­chen Stu­die für die Stif­tung Je­an Jau­rès die Wur­zeln die­ser Be­we­gung un­ter­sucht, die in­zwi­schen zur Pro­jek­ti­ons­flä­che für al­le Ma­cron-Mü­den ge­wor­den ist. Four­quet grenzt das Mi­lieu, das sich als al­ler­ers­tes die gel­ben Wes­ten über­ge­zo­gen hat, klar ein: Es ist die un­te­re Mit­tel­schicht des länd­li­chen Frank­reich. Men­schen, die nur knapp über die Run­den kom­men, die durch die feh­len­de In­fra­struk­tur auf ihr Au­to an­ge­wie­sen sind und die es so­fort auf ih­rem Kon­to be­mer­ken, wenn der Ben­zin­preis steigt.

Es geht um Er­nied­ri­gung

Ihr Pro­test war zu­nächst sehr kon­kret, sie wehr­ten sich ge­gen die stei­gen­den Treib­stoff­prei­se. Doch je län­ger sie ge­mein­sam an ih­ren Stras­sen­blo­cka­den stan- den, des­to grund­le­gen­der wur­de ih­re Wut. Es ging nicht mehr um ei­ne neue Steu­er, es ging um ein Ge­fühl der Er­nied­ri­gung. Nun ist die Steu­er weg, das Ge­fühl ist ge­wach­sen. Four­quet be­schreibt, wie An­ge­stell­te und Selbst­stän­di­ge in Vo­r­or­ten und Klein­städ­ten durch die stei­gen­den Le­bens­kos­ten Mo­nat für Mo­nat wie­der bei null lan­den. Das Geld reicht knapp für Mie­te und Es­sen, es reicht nicht mehr, um mit den Kin­dern in den Frei­zeit­park zu fah­ren oder um zu zweit ins Re­stau­rant zu ge­hen. Sie wol­len ih­re Kauf­kraft zu­rück – auf die­se For­de­rung kön­nen sich al­le «gi­lets jau­nes» ei­ni­gen. Hin­ter die­sem Wunsch steht die Er­kennt­nis, dass sie es sich nicht mehr leis­ten kön­nen, am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben teil­zu­neh­men.

An den Stras­sen­sper­ren ent­stand ein Selbst­ver­ständ­nis, das die Be­we­gung bis Heu­te trägt: Wir kämp­fen für die Ar­men. Die­sen Grun­d­im­puls un­ter­stützt die Mehr­heit der Fran­zo­sen wei­ter­hin – auch nach Rück­nah­me der Öko­steu­er. Laut ei­ner Um­fra­ge des In­sti­tuts Ela­be be­grüs­sen 72 Pro­zent der Fran­zo­sen die Ak­tio­nen der «gi­lets jau­nes». Dar­an än­dert we­der die Tat­sa­che et­was, dass in den Face­book-Fo­ren der Gelb­wes­ten zu­neh­mend rech­te Ver­schwö­rungs­theo­ri­en ver­brei­tet wer­den, noch der Um­stand, dass vie­le in der Be­we­gung oh­ne gros­ses Zau­dern ge­walt­tä­tig wur­den.

Die The­se von fried­li­chen Warn­wes­ten­trä­gern, die Op­fer von Pro­fi­ran­da­lie­rern wur­den, lässt sich seit dem 1. De­zem­ber nicht mehr hal­ten. Die Män­ner, die in die­sen Ta­gen von der Pa­ri­ser Staats­an­walt­schaft für Brand­stif­tung, An­grif­fe auf Po­li­zis­ten und Plün­de­rung an­ge­klagt wer­den, sind häu­fig Fa­mi­li­en­vä­ter oh­ne Vor­stra­fen, die mit gel­ber Wes­te nach Pa­ris ge­reist sind. So wie sie es am Wo­che­n­en­de wie­der tun wol­len.

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