Bar­rie­re­freie Bahn­hö­fe ver­zö­gern sich

Die Trans­port­un­ter­neh­men ha­ben bei mehr als 100 Bahn­hö­fen die ge­setz­li­che Frist für den be­hin­der­ten­ge­rech­ten Um­bau ver­schla­fen, wie ein neu­er Be­richt zeigt.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Wirtschaft - Va­nes­sa Mistric

Auch Men­schen mit ei­ner Be­hin­de­rung sol­len Zug fah­ren kön­nen, oh­ne auf frem­de Hil­fe an­ge­wie­sen zu sein. Das ver­spricht das Gleich­stel­lungs­ge­setz (Be­hiG), das seit 2004 in Kraft ist. 20 Jah­re ha­ben SBB, BLS und an­de­re Trans­port­un­ter­neh­men Zeit, um Bahn­hö­fe be­hin­der­ten­ge­recht um­zu­bau­en. 2023 ver­streicht die Frist. Dann sind Be­schwer­den mög­lich. Jetzt zeigt ein Be­richt des Bun­des­amts für Ver­kehr (BAV), dass zahl­rei­che Bahn­hö­fe nicht frist­ge­recht um­ge­baut wer­den.

Das BAV geht von rund 100 Bahn­hö­fen aus, die erst nach 2023 die Vor­ga­ben des Be­hiG er­fül­len. Es han­delt sich bei den ver­spä­te­ten Bau­pro­jek­ten vor al­lem um gros­se Bahn­hö­fe, bei de­nen ne­ben der An­pas­sung an das Be­hiG wei­te­re gros­se Aus­bau­pro­jek­te an­ste­hen. Dar­un­ter sind der SZU-Bahn­hof im Zürcher Haupt­bahn­hof, Wä­dens­wil ZH, Bern, Lenz­burg AG, Mor­ges VD und Neu­en­burg. Die SBB sel­ber ge­hen ge­mäss ei­ner Me­di­en­mit­tei­lung von 123 Bahn­hö­fen aus, bei de­nen sie die Frist per En­de 2023 vor­aus­sicht­lich nicht ein­hal­ten kön­nen. Ab 2026 sind laut BAV al­le Um­bau­mass­nah­men ab­ge­schlos­sen.

Man sei nicht zu­frie­den mit der Um­set­zung des Ge­set­zes, sagt BAV-Spre­cher Gre­gor Sa­la­din. «Wir muss­ten die Bah­nen 2017 an ih­re ge­setz­li­che Pflicht er­in­nern, weil sie deut­lich im Ver­zug wa­ren. Nun ha­ben wir Mil­li­ar­den­be­trä­ge mo­bi­li­siert, da­mit die ver­blei­ben­den Bahn­hö­fe mög­lichst schnell um­ge­baut wer­den.»

3,6 Mil­li­ar­den stellt der Bund bis 2023 für den Um­bau von Bahn­hö­fen be­reit, da­von ent­fällt rund die Hälf­te auf An­pas­sun­gen an das Be­hiG. Wie viel der Um­bau bis­her ge­kos­tet hat, kön­ne man nicht sa­gen, weil vie­le Bahn­hö­fe oh­ne­hin um­ge­baut wur­den und man dort die Kos­ten für bar­rie­re­freie Zu­gän­ge nicht se­pa­rat aus­ge­wie­sen ha­be.

«Mit der ver­spä­te­ten Um­set­zung kön­nen wir nicht zu­frie­den sein. Den­noch wer­den wir dank Er­satz­mass­nah­men wie et­wa SBB-Han­di­cap ab 2024 ei­ne Lö­sung für al­le an­bie­ten kön­nen», sagt SBB-Spre­cher Re­to Schär­li. Da­mit kann über ei­ne Hot­li­ne Per­so­nal an­ge­for­dert wer­den. Wei­ter meint Schär­li, dass ei­ne Per­ron­er­hö­hung im­mer mit auf­wen­di­gen Um­bau­mass­nah­men ver­bun­den sei. Man ach­te dar­auf, die­se mit an­de­ren Ar­bei­ten zu ko­or­di­nie­ren, um un­nö­ti­ge Ein­schrän­kun­gen im Bahn­ver­kehr zu ver­mei­den.

Um­set­zung kon­trol­lie­ren

Auch bei der BLS, die die Ber­ner S-Bahn be­treibt, steht ein gros­ser Teil der Ar­beit noch be­vor. «Bis 2023 müs­sen wir noch rund 50 Bahn­hö­fe um­bau­en. Das ist ein en­ges Pro­gramm, das uns for­dern wird. Aber es ist mach­bar», sagt Spre­cher Ste­fan Dau­ner.

Die Be­hin­der­ten­or­ga­ni­sa­ti­on In­clu­si­on Han­di­cap gibt sich ver­söhn­lich. Seit das BAV in­ter­ve­niert ha­be, sei die Zu­sam­men­ar­beit sehr kon­struk­tiv, sagt Ca­ro­li­ne Hess-Klein. «Es hat sich aber ge­zeigt, dass die Um­set- zung von den Be­hör­den kon­trol­liert wer­den muss. Das se­hen wir jetzt auch im Bus­ver­kehr, wo nur 5 Pro­zent der Hal­te­stel­len bar­rie­re­frei sind. Wenn nie­mand Ver­ant­wor­tung über­nimmt, pas­siert nichts.» Mo­men­tan sei kei­ne Be­schwer­de in der Pi­pe­line. Hess-Klein be­tont, wie wich­tig die Um­set­zung des Ge­set­zes für Be­hin­der­te sei. «Wenn Men­schen sich nicht au­to­nom be­we­gen kön­nen, ist das kein Lu­xus­pro­blem. Das ist et­was sehr Grund­sätz­li­ches.»

Von den rund 1800 Bahn­hö­fen und Bahn­hal­te­stel­len in der Schweiz sind laut BAV ak­tu­ell erst 41 Pro­zent so zu­gäng­lich, wie es das Be­hiG vor­sieht, näm­lich au­to­nom und spon­tan. Kon­kret be­deu­tet dies, dass Roll­stuhl­fah­rer an die­sen Bahn­hö­fen ei­gen­stän­dig zum Gleis kom­men und in den Zug ein­stei­gen kön­nen. Ziel sei es, Men­schen mit Ein­schrän­kun­gen, Se­nio­ren, Pas­sa­gie­re mit Kin­der­wa­gen und Rei­sen­de, die nach ei­nem Un­fall an Krü­cken ge­hen, vom Ge­fühl zu be­frei­en, von an­de­ren ab­hän­gig zu sein, schrieb der Bun­des­rat in sei­ner Bot­schaft zum Ge­setz.

Nach Ablauf der Frist En­de 2023 wer­den 80 Pro­zent der Bahn­hö­fe im Sin­ne des Be­hiG zu­gäng­lich sein. Das Ge­setz er­laubt Aus­nah­men, wenn die bau­li­che An­pas­sung als un­ver­hält­nis­mäs­sig ein­ge­stuft wird, et­wa weil der Um­bau zu teu­er wür­de oder es Si­cher­heits­be­den­ken gibt. Dort müs­sen die Bah­nen Er­satz­mass­nah­men wie SBB-Han­di­cap an­bie­ten. Bei 10 Pro­zent der Bahn­hö­fe ist das BAV in Ab­spra­che mit In­clu­si­on Han­di­cap zum Schluss ge­kom­men, dass ein Um­bau un­ver­hält­nis­mäs­sig wä­re. Bei den rest­li­chen 10 Pro­zent müs­sen of­fe­ne Fra­gen bis Mit­te 2019 ge­klärt wer­den. Es han­delt sich vor al­lem um Per­ron­an­la­gen in en­gen Kur­ven­be­rei­chen mit ho­hen Durch­fahrts­ge­schwin­dig­kei­ten.

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