Die Pio­nie­rin­nen von Prag

Co­ri­na We­hin­ger (31) und San­dra Zur­bu­chen (33) lei­ten als ers­tes Frau­en­duo WM-Par­ti­en der Män­ner.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Sport -

Die Welt­meis­ter­schaft ver­eint zwei Wel­ten. Hier die O2-Are­na, die Büh­ne der Ar­ri­vier­ten mit Platz für 17 000 Zu­schau­er. 800 Me­ter ent­fernt die Spar­ta-Are­na, Tum­mel­feld der we­ni­ger Ar­ri­vier­ten aber gleich­wohl Am­bi­tio­nier­ten mit 1300 Sitz­plät­zen. Mit­ten­drin im Ge­sche­hen sind zwei Schwei­ze­rin­nen. Sie müs­sen den Über­blick be­hal­ten, wenn der Gast­ge­ber Tsche­chi­en vor gros­ser Ku­lis­se in hit­zi­ger At­mo­sphä­re ge­gen Lett­land an­tritt. Oder wenn sich im klei­nen Rah­men auf tie­fem Ni­veau Sin­ga­pur und Thai­land be­geg­nen. Die zwei Na­tio­nen tun das am Don­ners­tag­vor­mit­tag vor 1000 Be­su­chern der­art lei­den­schaft­lich, dass ei­ni­ge Spie­ler der un­ter­le­ge­nen Thai­län­der die Spar­ta-Are­na wei­nend ver­las­sen. «Ja, es sind zwei Wel­ten. Der Ni­veau­un­ter­schied ist gross. Aber auf dem Feld geht es für uns nur um un­se­re Leis­tung», sagt Co­ri­na We­hin­ger. «Vor dem ers­ten Ein­satz in der O2-Are­na beim Spiel der Tsche­chen wa­ren wir ner­vös – ge­sund ner­vös», sagt San­dra Zur­bu­chen.

Zur­bu­chen, 33 Jah­re alt, und We­hin­ger, 31, ar­bi­trie­ren seit zwölf Jah­ren ge­mein­sam. Am Ur­sprung stand die Vor­ga­be der Uni­ho­ckey­ver­ei­ne, über 18 Jah­re al­te Ak­tiv­mit­glie­der müss­ten Ju­nio­ren trai­nie­ren oder sich als Schieds­rich­ter zur Ver­fü­gung stel­len. Aus Pflicht wur­de Pas­si­on. Weil die Ber­ne­rin­nen noch ak­tiv wa­ren, durf­ten sie kei­ne Frau­en­spie­le pfei­fen. Sie lei­te­ten vor­erst Par­ti­en bei den Ju­nio­ren, spä­ter in der Na­tio­nal­li­ga B der Män­ner, er­hiel­ten gu­te Kri­ti­ken, wuch­sen in die Pio­nier­rol­le. 2013 pfif­fen sie als ers­tes Frau­en­duo ei­ne Be­geg­nung in der höchs­ten Schwei­zer Män­ner­li­ga.

Das lief dann vor­erst so, dass die Spie­ler in die Hal­le ka­men, die bei­den Frau­en er­blick­ten, wie­der weg­schau­ten, re­gis­trier­ten, dass es sich nicht um Hel­fe- rin­nen, son­dern um Schieds­rich­te­rin­nen han­delt, um sie dann um­so län­ger an­zu­star­ren. Die ers­ten Par­ti­en wa­ren schwie­rig, die Spie­ler lo­te­ten Gren­zen aus, ver­such­ten den Frau­en gar nicht exis­tie­ren­de Re­geln auf­zu­schwat­zen. Doch bald war die Spiel­lei­tung kei­ne Fra­ge mehr der Ak­zep­tanz und auch kei­ne Fra­ge mehr des Ge­schlechts. «Die Ak­zep­tanz musst du dir im­mer er­ar­bei­ten», sagt We­hin­ger. «Je bes­ser die Leis­tung, des­to hö­her die Ak­zep­tanz.»

«Je­des Spiel ein High­light»

In Prag er­le­ben die Pio­nie­rin­nen ei­ne wei­te­re Pre­mie­re: Sie sind das ers­te Frau­en­duo, das an ei­ner WM der Män­ner im Ein­satz steht. Noch vor we­ni­gen Jah­ren schien das Uto­pie. «Po­li­tisch wä­re das kaum durch­zu­brin­gen», mein­te We­hin­ger im De­zem­ber 2013 in ei­nem In­ter­view. Nun schmun- zelt sie und sagt: «Ich hät­te nie ge­dacht, dass das der­art schnell klap­pen wür­de.»

Neu­land be­tre­ten be­deu­tet für die Ber­ne­rin­nen auch, dass sie sich den Re­spekt von neu­em er­ar­bei­ten müs­sen. We­hin­ger sagt: «Wir ha­ben ei­ne Vor­rei­ter­rol­le und ver­su­chen, sie so gut wie mög­lich wahr­zu­neh­men.» Zur­bu­chen emp­fin­det die Auf­trit­te in­ter­na­tio­nal ge­ne­rell und an der WM in Prag spe­zi­ell als sehr an­ge­nehm. «Die Spie­ler sind sich be­wusst, dass an ei­ner Welt­meis­ter­schaft nur gu­te Schieds­rich­ter im Ein­satz ste­hen. Ent­spre­chend wird uns seit Be­ginn ein gu­tes Mass an Re­spekt ent­ge­gen­ge­bracht. Es liegt an uns, dass das so bleibt.» Zu­dem wer­de sei­tens der Spie­ler auf in­ter­na­tio­na­lem Ni­veau «we­ni­ger ge­motzt als in der Schwei­zer Li­ga. Die Spie­ler kon­zen­trie­ren sich eher auf ih­re Auf­ga­be.»

Of­fen ist, ob die Ber­ne­rin­nen am Wo­che­n­en­de in der O2-Are­na zum Ein­satz kom­men, wenn es um die Me­dail­len geht. Die Chan­cen dürf­ten ge­ring sein, weil sich die Equi­pe von Da­vid Jans­son für den Halb­fi­nal qua­li­fi­ziert hat und We­hin­ger/Zur­bu­chen für Par­ti­en mit Schwei­zer Be­tei­li­gung nicht in­fra­ge kom­men. Zur­bu­chen sagt: «Wir sind dank­bar, hier zu sein. Für uns ist je­des Spiel ein High­light.» In wel­cher Welt auch im­mer.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.