Zu­rück am Ort des Tri­umphs

Sie ist Ab­fahrts-Welt­meis­te­rin. Sie trai­niert mit Män­nern. Sie ist be­tei­ligt an ei­ner Fir­ma, die Cham­pa­gner pro­du­ziert. Und sie will an die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le – als Ru­de­rin. Ge­stat­ten: Il­ka Stu­hec.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Phil­ipp Rind­lis­ba­cher

In St. Mo­ritz hol­te Il­ka Stu­hec 2017 WM-Gold. Nun ver­rät sie ih­re aben­teu­er­li­che Olym­pi­a­idee.

Ma­ma ha­be Recht be­hal­ten, sagt Il­ka Stu­hec. Mit al­lem. Die Ma­ma, Ski­leh­re­rin und frü­her Renn­läu­fe­rin, hat­te ih­re Toch­ter ab­brin­gen wol­len vom Ge­dan­ken an die Pro­fi­kar­rie­re. Aus Sor­ge und we­gen schlech­ter Er­fah­run­gen, weil die Schwes­ter nach ei­nem fürch­ter­li­chen Sturz auf­hö­ren muss­te. Da­her pre­dig­te sie im­mer wie­der: Il­ka, du wirst oft weg sein von zu Hau­se und dei­ne Freun­de kaum mehr se­hen. Du wirst dich ver­let­zen und schlim­me Schmer­zen spü­ren. Und vor al­lem wirst du ei­nen viel zu di­cken Hin­tern krie­gen.»

Stu­hec lacht laut, als sie dies er­zählt, und Mut­ter Dar­ja ver­dreht am Tisch ne­ben­an die Au­gen. Bei­de sind dank­bar für den stu­ren Kopf der Fah­re­rin, wel­che nicht hö­ren woll­te, aber um­so in­ten­si­ver füh­len muss­te. Denn als es kaum noch je­mand er­war­tet hat­te, am we­nigs­ten wohl Il­ka Stu­hec selbst, stand sie auf der Son­nen­sei­te des Le­bens. Den Win­ter 2016/17, sie be­zeich­net ihn als ma­gisch. Ab­fahrts-Gold an der WM in St. Mo­ritz, sie­ben Welt­cup­sie­ge und sechs Po­dest­plät­ze, Ge­winn der klei­nen Kris­tall­ku­geln in der Ab­fahrt und Kom­bi­na­ti­on – aus ei­ner von vie­len wur­de ei­ne der ganz Gros­sen.

Das ei­ge­ne Team

Ge­prägt ha­ben Il­ka Stu­hec je­doch die tie­fen Tä­ler, wel­che sie durch­lau­fen muss­te. Dem Anäs­the­sis­ten in der Kli­nik ha­be sie schon vor Jah­ren das Du an­ge­bo­ten, sagt sie, halb im Ernst, halb im Scherz. Sechs­mal muss­te die Slo­we­nin ihr Knie ope­rie­ren las­sen, sie ver­pass­te meh­re­re Sai­sons, war na­he dran, den Bet­tel hin­zu­schmeis­sen. Stu­hec er­wähnt die vie­len dunk­len Ta­ge, die sie er­lebt ha­be. Es gab sol­che, an de­nen sie fast nur wein­te. 2009 warf sie der hei­mi­sche Ver­band man­gels Er­geb­nis­sen aus al­len Ka­dern. Da­nach war es aus­ge­rech­net die Mut­ter, die als An­trei­be­rin wirk­te. Stu­hec sagt: «Sie hat mich ge­ret­tet.»

Die Bil­dung ei­nes Pri­vat­teams, wie es die eins­ti­ge Do­mi­na­to­rin und Lands­frau Ti­na Ma­ze vor­ge­macht hat­te, blieb als letz­ter Aus­weg. Die Ma­ma war nun Trai­ne­rin, sie such­te Spon­so­ren und prä­pa­rier­te die Ski, koch­te und chauf­fier­te die Toch­ter durch Eu­ro­pa. Es wur­de so viel, dass sie un­ter der Last bei­na­he zu­sam­men­brach. Für Ent­las­tung sorg­te An­ja Ses­um, heu­te Kon­di­ti­ons­trai­ne­rin, The­ra­peu­tin, vor al­lem aber bes­te Freun­din. Sie ist ei­ne al­te Be­kann­te, die Stu­hec auf ei­ner Par­ty nach vie­len Jah­ren wie­der traf. Spon­tan ver­ab­re­de­ten sich die Frau­en zum Zel­ten, ei­ne Wo­che lang ver­brach­ten sie auf engs­tem Raum und spür­ten: Es könn­te funk­tio­nie­ren. Stu­hec schätzt ih­re Be­glei­te­rin. «Je­man­den bei mir zu ha­ben, mit dem ich mei­ne Emo­tio­nen tei­len und über die re­le­van­ten Din­ge des Le­bens spre­chen kann, tut gut. Der Welt­cup-Zir­kus an sich ist und bleibt nun mal ei­ne Bla­se. Sehr vie­les, auch zwi­schen­mensch­lich, bleibt an der Ober­flä­che.»

Die per­fek­te Bot­schaf­te­rin

Ein Trai­ner ist mitt­ler­wei­le zum Team ge­stos­sen, ein ei­ge­ner Ser­vice­mann auch. Sie hat­ten we­ni­ger zu tun, als ih­nen lieb war im letz­ten Win­ter, weil das Schick­sal wie­der ein­mal übel mit­spiel­te. Im Ok­to­ber 2017 stürz­te Stu­hec, aber­mals riss das Kreuz­band. Olym­pia ver­folg­te sie vor dem Fern­se­her. Rie­sig sei der Frust ge­we­sen, «ich bin bei­na­he durch­ge­dreht». Die Schuld am Un­fall gibt sie sich selbst, weil der Mensch im­mer noch mehr wol­le, wenn er et­was er­reicht ha­be. «Dann wird man über­mü­tig, reizt die Gren­zen aus – und es pas­siert so et­was.» Erst vor Wo­chen­frist kehr­te sie in den Welt­cup zu­rück, nach 621 Ta­gen Pau­se. In La­ke Loui­se re­sul­tier­ten die Rän­ge 6, 10 und 14 so­wie die Ge­wiss­heit, nach wie vor mit­hal­ten zu kön­nen. Mor­gen im Su­per-G von St. Mo­ritz könn­te es noch bes­ser lau­fen. Mit dem Dorf, mit der Pis­te, Stu­hec ver­bin­det der­art gu­te Er­in­ne­run­gen da­mit, dass sie gar nicht an­ders kann, als «strah­lend durch die Ge­gend zu lau­fen».

Das La­chen, es ist Stu­hecs Mar­ken­zei­chen. «Kommt sie an den Berg, geht die Son­ne auf», sagt Mar­tin Ca­ter, der ge­le­gent­lich mit der 28-Jäh­ri­gen trai­niert, und sich auf leich­ten Pis­ten spu­ten muss, um zwei Se­kun­den Vor­sprung ins Ziel zu ret­ten. Der slo­we­ni­sche Speed­spe­zia­list steht eben­falls bei Stöck­li un­ter Ver­trag, beim Schwei­zer Ski­fa­bri­kan­ten gilt Stu­hec als Vor­zei­ge­ath­le­tin. Renn­sport­lei­ter Bern­hard Mat­ti be­zeich­net sie als per­fek­te Bot­schaf­te­rin, weil sie stets freund­lich und elo­quent auf­tre­te. Wo­mit die Par­al­le­len zur kratz­bürs­ti­gen Ma­ze, bis zu ih­rem Rück­tritt im Ja­nu­ar 2017 Stöck­lis Aus­hän­ge­schild, en­den. Als bes­te Ent­schei­dung ih­res Le­bens be­zeich­net Stu­hec den spon­ta­nen Mar­ken­wech­sel vor zwei Jah­ren. Und sie spricht vom An­trieb, es be­son­ders gut ma­chen zu wol­len für die Mit­ar­bei­ter. Nach ei­nem Po­dest­platz wird im Werk in Mal­ters am Mon­tag­mit­tag je­weils ein Apé­ro spen­diert. Den Schaum­wein könn­te die Ath­le­tin selbst lie­fern, in Slo- we­ni­en hält sie ei­ne Be­tei­li­gung an ei­ner Fir­ma, die Cham­pa­gner pro­du­ziert. Ei­ne «Il­ka-Li­nie» ist lan­ciert wor­den, und Stu­hec sagt, sie lie­be Cham­pa­gner, weil er in al­len Le­bens­la­gen hel­fe. «Beim Fei­ern und beim Trös­ten, nach Er­fol­gen und Tief­schlä­gen. Ich ken­ne bei­de Sei­ten auf ex­tre­me Art und Wei­se, weil ich mich Ge­fah­ren und ho­her Be­las­tung aus­set­ze, mir da­durch aber auch wun­der­schö­ne Din­ge er­mög­li­che. Es ist ein Le­ben am Li­mit.»

Ein paar gu­te Jah­re sol­len noch vor ihr ste­hen, min­des­tens, und doch denkt sie be­reits ans Le­ben nach der Kar­rie­re. Stu­hec stu­diert Wirt­schaft, sie in­ter­es­siert sich für den Be­ruf der Ver­mark­te­rin, der Ath­le­ten­ma­na­ge­rin. In Re­la­ti­on zum Ri­si­ko, wel­ches ein­ge­gan­gen wer­den müs­se, und zur Wert­schöp­fung ei­nes Welt­cup-Ren­nens sei­en die meis­ten Ski­fah­re­rin­nen un­ter­be­zahlt, hält sie fest. Und glaubt, der­einst Tü­ren öff­nen zu kön­nen.

Gleich­falls reizt sie ein auf den ers­ten Blick bi­zar­res sport­li­ches Pro­jekt: Die 28-Jäh­ri­ge lieb­äu­gelt mit ei­ner Teil­nah­me an den Olym­pi­schen Spie­len 2020 – als Ru­de­rin. Seit vier Jah­ren trai­niert sie auf dem Was­ser, im schwe­ren Dop­pel­zwei­er er­reich­te sie im Herbst an in­ter­na­tio­na­len Ren­nen über kur­ze Dis­tan­zen in Ös­ter­reich und ih­rer Hei­mat zwei zwei­te Rän­ge. Stu­hec selbst spricht von ei­nem Hirn­ge­spinst, «aber vi­el­leicht ver­su­che ich es».

Die Ma­ma hat schon ver­sucht, ihr die Idee aus­zu­re­den.

Fo­to: Reu­ters

Hochs und Tiefs kennt die Slo­we­nin Il­ka Stu­hec (28) auf glei­che Wei­se: ex­trem.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.