Zu­rück in der Ber­ner Sze­ne

Die Schrift­stel­le­rin und Schau­spie­le­rin Jean­net­te Kö­nig (66) spielt im Stück «Crea­ti­on (Pic­tu­res for Do­ri­an)» der deutsch-eng­li­schen Per­for­man­ce­grup­pe Gob Squad mit.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - He­len Lag­ger

Jean­net­te Kö­nig stand schon der frei­en Ber­ner Thea­ter- und Kunst­sze­ne der Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger­jah­re na­he. Nach ei­nem län­ge­ren Aus­flug nach Frank­furt ist sie nun nach Bern zu­rück­ge­kehrt und spielt im Stück «Crea­ti­on (Pic­tu­res for Do­ri­an)» der Per­for­man­ce­grup­pe Gob Squad mit.

Jean­net­te Kö­nig trägt ei­ne hell­blau­en Hut, ein Mi­ckey-Mou­seT-Shirt und vio­let­te So­cken. Die Mits­ech­zi­ge­rin blickt durch ei­nen Rah­men und wird mit Fra­gen bom­bar­diert. Sie soll so tun, als ob sie sich selbst in ei­nem Spie­gel be­trach­ten wür­de. «Whe­re ist to­mor­row?», fragt die Per­for­me­rin Sha­ron Smith her­aus­for­dernd. Jean­net­te Kö­nig macht ein be­tont rat­lo­ses Ge­sicht. So be­ginnt die Pro­be im Schlacht­haus-Thea­ter zum Stück «Crea­ti­on (Pic­tu­res for Do­ri­an)» der deutsch-eng­li­schen Per­for­man­ce­grup­pe Gob Squad. Die Auf­füh­run­gen fin­den dann in Räu­men der Hoch­schu­le der Küns­te statt.

Os­car Wil­de

Das seit 1994 be­ste­hen­de sie­ben­köp­fi­ge Kol­lek­tiv ist ge­mein­sam in die Jah­re ge­kom­men und macht nun das ei­ge­ne Al­tern, Ju­gen­der­in­ne­run­gen und die Ver­gäng­lich­keit zum The­ma. In­spi­riert vom 1890 er­schie­ne­nen Ro­man «The Pic­tu­re of Do­ri­an Grey» des iri­schen Au­tors Os­car Wil­de lo­tet die Trup­pe die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit, das Jetzt und die Zu­kunft aus. In dem sei­ner­zeit als an­rü­chig gel­ten­den Ro­man Wil­des be­sitzt die Haupt­fi­gur, der eben­so rei­che wie schö­ne Do­ri­an Gray, ein Por­trät, das an sei­ner Stel­le al­tert. Er selbst bleibt jung und schön, han­delt aber im­mer un­mo­ra­li­scher. Bei Gob Squad wer­den «Bil­der für Do­ri­an Grey» live auf der Büh­ne ent­wor­fen. Lo­ka­le Darstel­le­rin­nen und Darstel­ler die­nen der in Ber­lin be­hei­ma­te­ten Trup­pe als «Ma­te­ri­al». Die Wahl­ber­ne­rin Jea­net­te Kö­nig stellt ge­mein­sam mit dem hier bes­tens be­kann­ten Clown Mar­co Mo­rel­li und der Tän­ze­rin Gly­nis Acker­mann die Zu­kunft – das Al­ter – dar.

Bas­ti­an Trost, Si­mon Will und Sha­ron Smith sind im Durch­schnitt 48 Jah­re alt. Ih­re ge­al­ter­ten «Bil­der» sind im Schnitt 67 und ih­re drei jun­gen «Al­ter Egos», dar­ge­stellt von Léo Tho­mas, Neil Hö­he­ner und Ani­na St­ei­ner, durch­schnitt­lich 19 Jah­re alt. Die Per­for­mer spie­geln sich – tat­säch­lich und im über­tra­ge­nen Sinn – in den Darstel­le­rin­nen und Darstel­lern, die sie als Kun­st­ob­jek­te in auf der Büh­ne ste­hen­den Rah­men in­sze­nie­ren und mit ei­ner Ka­me­ra fil­men. Ei­ne ei­gent­li­che Re­gie gibt es bei Gob Squad nicht. Die Trup­pe spricht lie­ber vom «Aus­sen­blick», den hier Be­rit Stumpf ein­nimmt, in­dem sie wäh­rend der Pro­ben be­ob­ach­tet, No­ti­zen macht und, wenn nö­tig, kom­men­tie­rend ein­greift.

Im Fluss

Für Jean­net­te Kö­nig be­deu­tet das Pro­jekt ihr ers­ter Büh­nen­auf­tritt seit ih­rer Rück­kehr nach Bern. Zu­vor hat sie meh­re­re Jah­re in Frank­furt am Main ge­lebt. Bis 2012 hat die 1952 im Aar­gau ge­bo­re­ne Au­to­rin und Schau­spie­le­rin im Bil­dungs- und Ge­sund­heits­we­sen ge­ar­bei­tet. In die­ser Zeit hat sie Hör­spie­le, Ge­dich­te, Kurz­ge­schich­ten, ein Thea­ter­stück und ei­ne Ma­te­ri­al­samm­lung ge­schrie­ben und in frei­en Grup­pen Thea­ter ge­spielt. Ihr Ro­man «Wurst im Kopf» er­zählt die Ge­schich­te ei­nes 24-jäh­ri­gen BWL-Stu­den­ten, des­sen Le­ben durch­ein­an­der­ge­wir­belt wird, als er ei­ne Wurst­fa­brik erbt. Kö­nig, die Mut­ter zwei­er Söh­ne ist, woll­te wis­sen, wie jun­ge Leu­te den­ken. Das Sich-Ein­füh­len in an­de­re Le­bens­wel­ten hilft ihr auch beim Thea­ter­spie­len. Der frei­en Ber­ner Thea­ter- und Kunst­sze­ne der Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger­jah­re stan­den sie und ihr 2010 ver­stor­be­ner Mann, der Schrift­stel­ler Rolf Geiss­büh­ler, na­he. «Wir ha­ben viel ex­pe­ri­men­tiert da­mals», so Kö­nig. Im­pro­vi­sa­ti­on und die In­ter­ak­ti­on mit dem Pu­bli­kum stan­den im Vor­der­grund. Das Spie­len emp­fin­det Kö­nig als «ei­ne der tiefs­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sich selbst». Im Thea­ter kön­ne man nicht Thea­ter spie­len. Man sei wahr­haf­tig.

Bei ih­rer Rück­kehr nach Bern kon­tak­tier­te Kö­nig das Schlacht­haus-Thea­ter. Es er­öff­ne­te sich die Mög­lich­keit, sich zu be­wer­ben und mit Gob Squad zu spie­len. Viel mehr als ein Ge­rüst zum Stück er­hielt die Per­for­me­rin nicht. «Mir ge­fällt die Ar­beits­wei­se der Trup­pe und die Idee ei­nes Ge­samt­kunst­wer­kes.» Mit dem The­ma Al­tern be­schäf­tigt sich Kö­nig auch in ih­rem noch nicht fer­tig ge­schrie­be­nen Ro­man «Frau K. räumt auf». Ist das Al­ter ei­ne Bür­de? «Über­haupt nicht», kommt die promp­te Ant­wort. Ei­ne gros­se Fül­le, auf die man bli­cken und aus der man schöp­fen kön­ne, be­deu­te das Al­ter für sie. Al­les sei doch ver­gäng­lich. Sie den­ke manch­mal, wir hät­ten ei­ne ge­wis­se Tran­szen­denz ver­lo­ren. «Man muss ler­nen, im Fluss zu sein».

Pre­mie­re: Fr, 7. 12., 20.30 Uhr, HKB-Thea­ter, Zi­ka­den­weg 35, Bern.

«Das Al­ter ist ei­ne gros­se Fül­le, auf die man bli­cken und aus der man schöp­fen kann.»

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Im ak­tu­el­len Stück spielt Jea­net­te Kö­nig die Zu­kunft, das äl­te­re Ich ei­nes Prot­ago­nis­ten.

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