Wal­dau tes­te­te jah­re­lang nicht zu­ge­las­se­ne Me­di­ka­men­te

In der psych­ia­tri­schen Kli­nik Wal­dau kam es zwi­schen 1950 und 1970 zu Ver­su­chen mit noch nicht zu­ge­las­se­nen Me­di­ka­men­ten.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseit­e - Ma­ri­us Aschwan­den

HF 1854: So hiess das Prä­pa­rat, das ei­ner jun­gen Frau 1969 ge­gen ih­ren Wil­len in der da­ma­li­gen psych­ia­tri­schen Kli­nik Wal­dau ver­ab­reicht wur­de. Zu­ge­las­sen war das Me­di­ka­ment nicht. Viel­mehr wur­de die Frau un­frei­wil­lig zur Teil­neh­me­rin ei­nes Ver­suchs. Wie ihr ging es vie­len an­de­ren Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten. Min­des­tens 33 Test­prä­pa­ra­te wur­den zwi­schen 1950 und 1970 in der Wal­dau ein­ge­setzt. Man­che wur­den spä­ter of­fi­zi­ell als Neu­ro­lep­ti­ka zu­ge­las­sen, an­de­re nicht.

Erst­mals be­leuch­tet nun ei­ne Stu­die die­ses dunk­le Ka­pi­tel Ber­ner Psych­ia­trie­ge­schich­te. Die Au­to­rin und Ärz­tin Ju­lia Man­serEg­li zeigt dar­in auf, wie eng die Phar­ma­in­dus­trie da­mals mit den Kli­ni­ken zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat. «Die Fir­men ga­ben die Prä­pa­ra­te gra­tis ab, die Kli­ni­ken ver­sorg­ten die Un­ter­neh­men mit Er­fah­rungs­be­rich­ten», sagt sie. In der frü­he­ren Wal­dau wa­ren mehr Frau­en von den Tests be­trof­fen als Män­ner. Bei vie­len von ih­nen kam es wäh­rend der Ver­su­che zu Ne­ben­wir­kun­gen, auf die nicht im­mer Rück­sicht ge­nom­men wur­de.

Da in der Stu­die nur ein Teil­be­reich un­ter­sucht wur­de, wä­re ei­ne wei­ter­ge­hen­de For­schung sinn­voll, sagt Man­ser-Eg­li. Die­ser Mei­nung ist auch SP-Gross­rä­tin Ur­su­la Mar­ti. Sie sagt, der Kan­ton Bern sei den Be­trof­fe­nen ei­ne Au­f­ar­bei­tung schul­dig. Der zu­stän­di­ge SVP-Re­gie­rungs­rat Pier­re Alain Sch­negg winkt al­ler­dings ab und sieht kei­nen Hand­lungs­be­darf.

Kla­rer kann man es kaum for­mu­lie­ren. «Die Pa­ti­en­tin ist vol­ler Wi­der­stand ge­gen die­se Kur», steht in der Kran­ken­ak­te von H. A.*, ei­ner jun­gen Frau, die im Sep­tem­ber 1969 in die da­ma­li­ge Psych­ia­tri­sche Uni­ver­si­täts­kli­nik Wal­dau ein­ge­wie­sen wur­de. Ver­dacht auf Schi­zo­phre­nie lau­te­te die Be­grün­dung.

Von Be­ginn an wei­ger­te sich die 27-Jäh­ri­ge, Me­di­ka­men­te zu neh­men. Trotz­dem wur­den ihr sol­che in­ji­ziert. Lar­gac­til, Qui­lo­num, Bel­ler­gal, Ha­l­oper­idol – kei­nes brach­te die ge­wünsch­te Wir­kung. Al­so setz­te der zu­stän­di­ge Arzt ir­gend­wann auf ein Prä­pa­rat mit dem Namen HF 1854. «Zu­erst gros­ser Wi­der­stand, Sui­zid­dro­hun­gen», steht in der Ak­te, «dann Be­ru­hi­gung, nach­dem sie von Prof. Hei­mann den Rat­schlag er­hielt, die von uns ver­ord­ne­ten Me­di­ka­men­te zu neh­men.»

H. A. ist ei­ne je­ner Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten, an wel­chen in den 1950er- und 1960er-Jah­ren in der Wal­dau neue Wirk­stof­fe ge­tes­tet wur­den. Ver­mut­lich oh­ne Ein­wil­li­gung und teil­wei­se un­ter Zwang. Erst­mals wur­de die­ses dunk­le Ka­pi­tel Ber­ner Psych­ia­trie­ge­schich­te nun in ei­ner Stu­die un­ter­sucht. Die Ärz­tin Ju­lia Man­ser-Eg­li durch­fors­te­te für ih­re Dis­ser­ta­ti­on das Ar­chiv der heu­ti­gen Uni­ver­si­tä­ren Psych­ia­tri­schen Di­ens­te Bern und ana­ly­sier­te 531 Pa­ti­en­ten­ak­ten, dar­un­ter auch je­ne von H.A.

In 47 Fäl­len fand sie kla­re Hin­wei­se dar­auf, dass noch nicht zu­ge­las­se­ne Me­di­ka­men­te ver­ab­reicht wor­den sind. 33 ver­schie­de­ne Prä­pa­ra­te. Sie stamm­ten von Bas­ler Phar­ma­fir­men wie J. R. Gei­gy, Wan­der oder Hoff­mann-La Ro­che. Man­che die­ser Stof­fe wur­den spä­ter of­fi­zi­ell zu­ge­las­sen, an­de­re schaff­ten es nie über die Ver­suchs­pha­se hin­aus.

«Es han­del­te sich klar nicht um Ein­zel­fäl­le. Die Prüf­stof­fe wa­ren Teil des Kli­nik­all­tags.»

Teil des All­tags

«Als An­fang der 1950er-Jah­re die ers­ten Me­di­ka­men­te ge­gen psy­chi­sche Krank­hei­ten auf den Markt ka­men, war die Nach­fra­ge nach wei­te­ren ähn­li­chen oder gar bes­ser wir­ken­den Prä­pa­ra­ten gross», sagt Man­ser-Eg­li. Des­halb ent­wi­ckel­te sich ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen der Phar­ma­in­dus­trie und den psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken. «Die Fir­men ga­ben die Prä­pa­ra­te gra­tis ab, die Kli­ni­ken ver­sorg­ten die Un­ter­neh­men mit Er­fah­rungs­be­rich­ten», so die Ärz­tin.

Zu­dem sei­en die Al­ter­na­ti­ven be­schränkt ge­we­sen. Wenn we­der ein zu­ge­las­se­nes Me­di­ka­ment noch ein Test­prä­pa­rat ge­hol­fen hät­ten, sei­en häu­fig nur noch Elek­tro­schock, In­su­lin­oder Schlaf­ku­ren üb­rig ge­blie­ben. «Die­se The­ra­pi­en wa­ren aber ge­fähr­lich und um­strit­ten.»

Wie vie­le Prä­pa­ra­te in Bern ins­ge­samt ge­tes­tet wor­den sind, kann die Ärz­tin auf­grund ih­rer Stu­die nicht sa­gen. «Da­für ist die Stich­pro­be zu klein.» Man­serEg­li geht aber da­von aus, dass es weit mehr ge­we­sen sein müs­sen als die 33 iden­ti­fi­zier­ten Test­me­di­ka­men­te. Denn: «Es han­del­te sich klar nicht um Ein­zel­fäl­le. Die Prüf­stof­fe wa­ren Teil des Kli­nik­all­tags.» Es sei nicht wirk­lich

Ärz­tin und Stu­di­en­au­to­rin

Ju­lia Man­ser-Eg­li

«Zu­erst gros­ser Wi­der­stand, Sui­zid­dro­hun­gen, dann Be­ru­hi­gung.»

Aus der Pa­ti­en­ten­ak­te von H. A.

zwi­schen Me­di­ka­men­ten und noch nicht zu­ge­las­se­nen Stof­fen un­ter­schie­den wor­den. «Das hängt auch da­mit zu­sam­men, dass man über die zu­ge­las­se­nen Psy­cho­phar­ma­ka noch nicht sehr viel wuss­te», so Man­ser-Eg­li.

Mehr Frau­en als Män­ner

Nicht nur in der Wal­dau wur­de in den 1950er- und 1960er-Jah­ren mit noch nicht zu­ge­las­se­nen Stof­fen ge­ar­bei­tet. Auch in Münsin­gen gibt es Be­le­ge für sol­che Ver­su­che. In Ba­sel, Zü­rich, He­ri­sau, St. Ur­ban, Genf oder Lau­sanne eben­so. Und na­tür­lich in Müns­ter­lin­gen. Dort war der Ober­arzt und spä­te­re Kli­nik­di­rek­tor Ro­land Kuhn be­son­ders um­trie­big. Bis 1980 tes­te­te er min­des­tens 67 Sub­stan­zen an über 3000 Pa­ti­en­ten, wie ei­ne eben­falls kürz­lich er­schie­ne­ne Stu­die ei­nes His­to­ri­ker­teams der Uni­ver­si­tät Zü­rich zeig­te. Kuhn er­hielt da­für von den Phar­ma­un­ter­neh­men ei­nen Be­trag, der heu­te rund acht Mil­lio­nen Fran­ken ent­spre­chen wür­de.

Ob auch in Bern ein sol­ches Aus­mass denk­bar ist, weiss Man­ser-Eg­li nicht. «Müns­ter­lin­gen ist auf­grund der Fi­gur von Ro­land Kuhn ein Spe­zi­al­fall. In Bern ist bis jetzt noch nicht be­kannt, wel­che Ärz­te in der For­schung die trei­ben­den Kräf­te ge­we­sen sind», sagt sie. Ge­mäss ih­rer For­schung wa­ren in der Psych­ia­tri­schen Uni­k­li­nik aber an rund 9 Pro­zent der Pa­ti­en­tin­nen mit Schi­zo­phre­ni­en und De­pres­sio­nen Prä­pa­ra­te ge­tes­tet wor­den. Aus ähn­li­chen Un­ter­su­chun­gen aus Ba­sel und Zü­rich sind glei­che An­teils­wer­te be­kannt.

Ver­suchsprä­pa­ra­te sei­en vor al­lem dann zur An­wen­dung ge­kom­men, wenn an­de­re me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie­optio­nen aus­ge­schöpft wa­ren. Be­son­ders häu­fig be­trof­fen wa­ren Frau­en und chro­nisch kran­ke Per­so­nen. «Be­züg­lich der so­zia­len Stel­lung konn­te ich je­doch kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten se­hen», so Man­ser-Eg­li.

Vie­le Ne­ben­wir­kun­gen

Für die Pa­ti­en­ten hat­ten die Ver­su­che un­ter­schied­li­che Fol­gen. Man­che lit­ten un­ter Ne­ben­wir­kun­gen, an­de­re konn­ten dank der Prä­pa­ra­te ent­las­sen wer­den. «Die Kran­ken­ak­ten deu­ten dar­auf hin, dass man auf den Zu­stand der Pa­ti­en­tin­nen in vie­len Fäl­len Rück­sicht ge­nom­men hat», sagt Man­ser-Eg­li. Tra­ten zu star­ke Ne­ben­wir­kun­gen auf, wur­den die Tests ab­ge­bro­chen. «Man muss wis­sen, dass auch die zu­ge­las­se­nen Me­di­ka­men­te Ne­ben­wir­kun­gen hat­ten.»

Die Ärz­tin fand je­doch auch ver­schie­de­ne Fäl­le, in wel­chen kei­ne Rück­sicht ge­nom­men wor­den ist. So wur­de et­wa ei­ner Pa­ti­en­tin das Prä­pa­rat nach wie vor ver­ab­reicht, ob­schon sie über Seh­ver­lust klag­te.

Man­che Pa­ti­en­ten in an­de­ren psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken traf es noch här­ter. In Müns­ter­lin­gen star­ben laut der dor­ti­gen Stu­die 36 Per­so­nen wäh­rend oder kurz nach Ver­ab­rei­chung der Prüf­sub­stan­zen. Und auch in Münsin­gen kam es zu ei­nem To­des­fall. Un­klar ist al­ler­dings, ob die Pa­ti­en­tin­nen al­lein auf­grund der kli­ni­schen Ver­su­che ge­stor­ben sind oder ob ei­ne an­de­re Ur­sa­che zum Tod führte.

Be­hör­den wuss­ten Be­scheid

Die Pa­ti­en­ten dürf­ten je­weils kaum ge­wusst ha­ben, dass sie an ei­nem Ver­such teil­neh­men. «Klar ist, dass es in der Wal­dau an­ders als bei kör­per­li­chen The­ra­pi­en kei­ne schrift­li­che Ein­wil­li­gung ge­ge­ben hat», sagt Man­ser-Eg­li. Auf­grund der un­ter­such­ten Kran­ken­ak­ten kön­ne sie aber nicht aus­schlies­sen, dass die Be­trof­fe­nen münd­lich in­for­miert wor­den sei­en. «Sys­te­ma­tisch ge­macht wur­de das aber ziem­lich si­cher nicht.»

So­wie­so hät­ten die Pa­ti­en­tin­nen zu je­ner Zeit kaum Rech­te ge­habt. «Es herrsch­te ein sehr pa­ter­na­lis­ti­sches Arzt-Pa­ti­en­tenVer­hält­nis. In der Psych­ia­trie wur­de das durch die häu­fig feh­len­de Ur­teils­un­fä­hig­keit der Ein­ge­wie­se­nen noch ver­stärkt.» Woll­ten die Be­trof­fe­nen al­so ein Test­prä­pa­rat nicht ein­neh­men, re­de­te man ih­nen gut zu. «Wei­ger­ten sie sich nach wie vor, wur­de es ih­nen oft­mals in­ji­ziert.»

Die Ver­su­che sei­en aber kei­nes­wegs ver­heim­licht wor­den. Es sei auch an­zu­neh­men, dass die Ber­ner Be­hör­den da­von ge­wusst ha­ben. «Schliess­lich wa­ren da­mals die Kan­to­ne für die Zu­las­sung von neu­en Me­di­ka­men­ten zu­stän­dig.» Pra­xis­tests sei­en zwar vor­aus­ge­setzt wor­den, je­doch oh­ne Ge­set­ze oder Richt­li­ni­en vor­zu­ge­ben, wie die­se durch­ge­führt wer­den sol­len. «Die Ver­su­che be­weg­ten sich so­mit in ei­nem Grau­be­reich.»

H. A. wehr­te sich ver­geb­lich

Für Man­ser-Eg­li ist ih­re Dis­ser­ta­ti­on nur ein ers­ter Schritt bei der Au­f­ar­bei­tung die­ses The­mas. «Erst ei­ne grös­se­re Stich­pro­be

so­wie der Ein­be­zug al­ler psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken im Kan­ton Bern kann ein kla­re­res Bild der da­ma­li­gen Si­tua­ti­on zei­gen», sagt sie. Auch die Kin­der­psych­ia­tri­sche Kli­nik Neu­haus soll­te mit­ein­be­zo­gen wer­den, um zu über­prü­fen, ob es auch Ver­su­che mit Kin­dern und Ju­gend­li­chen ge­ge­ben hat. «Mir geht es kei­nes­falls um ei­ne Schuld­zu­wei­sung, son­dern um ei­nen of­fe­nen Um­gang mit der Ver­gan­gen­heit», sagt Man­ser-Eg­li. Noch bes­ser fän­de sie ei­ne na­tio­nal ko­or­di­nier­te Au­f­ar­bei­tung des The­mas.

Die jun­ge Frau H.A., die En­de 1969 an ei­nem Me­di­ka­men­ten­test teil­neh­men muss­te, konn­te noch im sel­ben Jahr die Kli­nik ver­las­sen. 1974 wand­te sie sich dann in ei­nem Brief an die Fir­ma Wan­der AG, die das Prä­pa­rat HF 1854 her­ge­stellt hat­te, das ihr ver­ab­reicht wor­den war. Sie ha­be «ge­gen ih­ren Wil­len» an dem Ver­such teil­neh­men müs­sen, bis jetzt aber kei­ne Ent­schä­di­gung da­für er­hal­ten, schreibt H. A. Dann zählt sie die bei ihr auf­ge­tre­te­nen Ne­ben­wir­kun­gen auf:

Über­ge­wicht, Haar­aus­fall, Pe­ri­oden­ver­schie­bung, Seh­stö­run­gen, Hör­stö­run­gen, Sprech­stö­run­gen, Stö­run­gen im gan­zen Hor­mon­haus­halt, Stoff­wech­sel­stö­run­gen.

Das me­di­zi­ni­sche Bü­ro der Fir­ma Wan­der AG be­fand, dass der Brief krank­heits­be­dingt ent­stan­den sei. Und mass ihm kei­ne wei­te­re Be­deu­tung bei.

* Initia­len ge­än­dert

Ei­ne Pfle­ge­rin füt­tert in der frü­he­ren Wal­dau ei­ne Pa­ti­en­tin. Auf­ge­nom­men wur­de das Bild 1944.

Fotos: Keysto­ne

In der Wal­dau fan­den im letz­ten Jahr­hun­dert Me­di­ka­men­ten­ver­su­che statt. Das Bild stammt eben­falls von 1944.

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