Ein Hü­gel und ei­ne lan­ge Ge­schich­te

Gleich in der ers­ten Zei­le des «Obe­ra­ar­gau­er­lieds» wird sie er­wähnt. Doch wie wur­de die Hoch­wacht ei­gent­lich zu dem, was sie heu­te ist?

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseit­e - Ma­xi­mi­li­an Ja­co­bi Ei­ne Bil­der­stre­cke zur Hoch­wacht fin­den Sie auf un­se­rer Web­site.

Schon früh nutz­ten die Obe­ra­ar­gau­er die An­hö­he auf dem Ghürn. Et­wa als Früh­warn­sys­tem des Kan­tons Bern, um Si­gnal­feu­er an­zu­zün­den, soll­ten sich Fein­de nä­hern. Im Ers­ten und Zwei­ten Welt­krieg dien­te die Hoch­wacht als Be­ob­ach­tungs­pos­ten. Heu­te ist der Aus­sichts­turm, der auf Lan­gen­tha­ler Grund steht, ein be­lieb­tes Aus­flugs­ziel, bei dem ger­ne auch mal Fes­te ge­fei­ert und Pre­dig­ten ge­hal­ten wer­den.

Auf der Spit­ze des Ghürn, 780 Me­ter über Meer, steht der Aus­sichts­turm: die so­ge­nann­te Hoch­wacht. 105 Stu­fen oder 20 Me­ter hö­her steht die obers­te Aus­sichts­platt­form, wo sich ei­nem ein Rundum­pan­ora­ma­blick auf die ge­sam­te Re­gi­on bie­tet. Das grü­ne Mit­tel­land brei­tet sich um ei­nen her­um aus, man sieht das Aa­re­tal, den Ju­ra und hat bei gu­tem Wetter so­gar Aus­blick auf die Al­pen.

Be­reits lan­ge be­vor der heu­ti­ge Turm auf dem Ghürn er­rich­tet wur­de, nutz­ten die Obe­ra­ar­gau­er die An­hö­he. Lan­ge Jah­re war sie Teil der «Chutzen­si­gna­le», ei­nes Früh­warn­sys­tems des Kan­tons Bern. Wenn Un­heil droh­te und bei­spiels­wei­se frem­de Trup­pen in den Kan­ton ein­fie­len, wur­de über Si­gnal­feu­er auf da­für be­stimm­ten Gip­feln die War­nung wei­ter­ge­tra­gen. So konn­te in­nert kür­zes­ter Zeit der ge­sam­te Kan­ton in Alarm­be­reit­schaft ver­setzt wer­den. Das letz­te Mal wur­de das Chutzen­feu­er 1798 ent­facht, als die na­po­leo­ni­sche Ar­mee in Bern ein­fiel. Bei­na­he 100 Jah­re blieb die Hoch­wacht da­nach un­ge­nutzt. 1886 wur­de ein 15 Me­ter ho­her hoch­sitz­ar­ti­ger Holz­turm dort er­rich­tet, wo der heu­ti­ge Aus­sichts­turm steht.

Der ers­te Di­rek­tor des Lan­gen­tha­ler Spi­tals, Dok­tor Au­gust Rik­li, be­gann sich zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts für ein öf­fent­li­ches Wan­der­weg­netz in der Re­gi­on zu en­ga­gie­ren. Die­ses soll­te auf der Hoch­wacht zu­sam­men­lau­fen. Als Rik­li dank sei­nes Man­dats als Na­tio­nal­rat früh­zei­tig da­von Wind be­kam, dass für die Schwei­ze­ri­sche Lan­des­to­po­gra­phie auf der Hoch­wacht für Ver­mes­sun­gen ein Hö­hen­si­gnal er­rich­tet wer­den soll­te, er­kann­te er dar­in ein un­gleich grös­se­res Po­ten­zi­al.

Be­geis­ter­te Un­ter­stüt­zung

Bei ei­nem Ge­spräch zwi­schen Nach­barn frag­te Rik­li den Bau­un­ter­neh­mer Hec­tor Eg­ger, wie rea­lis­tisch die Er­rich­tung ei­nes Tur­mes aus ar­mier­tem Be­ton auf der Hoch­wacht wä­re. Nach ei­ni­gen Mes­sun­gen und Be­rech­nun­gen konn­te ihm Eg­ger die Ant­wort lie­fern. Dar­auf­hin or­ga­ni­sier­te Rik­li 1911 ei­ne Ver­samm­lung im Bä­ren in Lan­gen­thal, um die Öf­fent­lich­keit über die Plä­ne zu in­for­mie­ren und fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung für sein Pro­jekt zu er­hal­ten. Schnell fand der ge­plan­te Bau des Aus­sichts­turms die Un­ter­stüt­zung vie­ler Ver­ei­ne und In­sti­tu­tio­nen der Re­gi­on.

Auch der Wirt des Re­stau­rants Trau­be in Rei­sis­wil, der Be­sit­zer des Bo­dens, auf dem der neue Turm ge­baut wer­den soll­te, er­klär­te sich be­reit, den Bau zu un­ter­stüt­zen. Den Bau­auf­trag er­hielt Hec­tor Eg­ger. Das Mi­li­tär­de­par­te­ment, in dem die Ab­tei­lung für Lan­des­to­po­gra­phie an­ge­sie­delt war, steu­er­te 3000 Fran­ken bei. Den Rest be­zahl­te vor­erst die Lan­gen­tha­ler Ver­kehrs­kom­mis­si­on. Da des­we­gen Un­klar­hei­ten be­züg­lich der Ei­gen­tums­rech­te auf­ka­men, ver

Nach 105 Stu­fen lockt oben auf dem Turm die Aus­sicht. lang­te der Stadt­rat den Über­gang des Turms in Lan­gen­tha­ler Be­sitz. Noch im sel­ben Jahr, in dem das Pro­jekt der Öf­fent­lich­keit vor­ge­stellt wor­den war, wur­den die Ar­bei­ten ab­ge­schlos­sen. Seit dem No­vem­ber 1911 ziert der Turm den Gip­fel des Ghürn.

Preis­wer­tes Wahr­zei­chen

Statt der vor­ge­se­he­nen 10 000 Fran­ken kos­te­te der Bau nur rund 8500, wo­von der Lan­gen­tha­ler Stadt­rat schliess­lich nur 130 Fran­ken sel­ber be­zah­len muss­te. Denn Rik­li ge­lang es durch eif­ri­ges En­ga­ge­ment, vie­le Ban­ken, Ver­ei­ne und Ge­mein­den der Re­gi­on von ei­ner fi­nan­zi­el­len Be­tei­li­gung am Bau zu über­zeu­gen. Im Som­mer 1912 nahm der Be­trieb un­ter dem Turm sei­nen An­fang, fand je­doch durch den bald dar­auf fol­gen­den Ers­ten Welt­krieg ein jä­hes En­de. Wäh­rend der bei­den Welt­krie­ge fun­gier­te die Hoch­wacht als Be­ob­ach­tungs­pos­ten für das Mi­li­tär. Von hier aus such­ten die Hilfs­dienst­pflich­ti­gen aus der gan­zen Re­gi­on den Him­mel nach Feind­flie­gern ab, wo­für sich der Aus­sichts­turm bes­tens eig­ne­te.

Rund um die Uhr be­setzt

Von 1939 bis 1944 war der Pos­ten auf dem Ghürn rund um die Uhr be­setzt. Zum Vor­teil des Re­stau­rants Trau­be, denn die im Wirts­haus ein­quar­tier­ten Sol­da­ten wa­ren ei­ne wich­ti­ge Ein­nah­me­quel­le für die Wirt­schaft wäh­rend der Kriegs­jah­re. In der Nach­kriegs­zeit ge­wann der Aus­sichts­punkt zu­neh­mend an Po­pu­la­ri­tät bei der üb­ri­gen Be­völ­ke­rung. Ver­ei­ne aus der Re­gi­on fei­er­ten häu­fig ih­re Chil­bis auf dem Ghürn, und der Aus­sichts­turm wur­de zu ei­nem re­gio­na­len Wahr­zei­chen. Da­von in­spi­riert, schrieb der Ber­ner Schrift­stel­ler Ernst Balz­li an­läss­lich des Schüt­zen­fes­tes in Her­zo­gen­buch­see 1946 die Ver­se des Hoch­wachts­lie­des – heu­te be­kannt als «Obe­ra­ar­gau­er­lied».

Doch die zu­neh­men­den Be­su­cher­zah­len brach­ten nicht nur Gu­tes. Der sich ver­meh­ren­de Ver­kehr mit mo­to­ri­sier­ten Fahr­zeu­gen führte zu ei­nem Rechts­streit mit den Land­be­sit­zern der pri­va­ten Zu­fahrts­we­ge. Erst Mit­te der Sieb­zi­ger­jah­re konn­te der Rechts­streit bei­ge­legt und ei­ne be­fes­tig­te Zu­fahrts­stras­se ge­baut wer­den. Das 250 Qua­drat­me­ter gros­se Grund­stück rund um den Turm ge­hört heu­te der Ein­woh­ner­ge­mein­de Lan­gen­thal. Jähr­lich fin­det hier seit der Sa­nie­rung 1988 je­weils am letz­ten Jul­isonn­tag die Hoch­wachts­pre­digt satt, die von der Kirch­ge­mein­de Lan­gen­thal durch­ge­führt wird. Bis 2011, dem 100. Ge­burts­tag des Aus­sichts­tur­mes, wur­den hier zu­dem 50 Obe­ra­ar­gau­er Kin­der ge­tauft.

Foto: Tho­mas Pe­ter

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