Wie die Kli­ma­wen­de doch noch klappt

Die Ener­gie­wen­de ist tech­nisch mach­bar. Doch fehlt es in der Be­völ­ke­rung und der Po­li­tik noch im­mer an Ak­zep­tanz und Wis­sen bei der Um­set­zung. War­um das so ist, er­klärt So­zi­al­wis­sen­schaft­ler Andre­as Baltha­sar.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseit­e - Stefan Hä­ne und Mar­tin Läu­bli

Der Aus­stieg aus der Kern­ener­gie und den fos­si­len Ener­gie­quel­len ist in der Schweiz grund­sätz­lich mög­lich. Das ist die Quint­es­senz aus mehr als 100 For­schungs­pro­jek­ten des Na­tio­na­len For­schungs­pro­gramms «Ener­gie», das ges­tern vor­ge­stellt wur­de. Die For­scher se­hen gros­ses Po­ten­zi­al in der Son­nen­en­er­gie und neu­en Tech­no­lo­gi­en der Ener­gie­spei­che­rung – und sie de­cken Schwä­chen in der Um­set­zung der Ener­gie­stra­te­gie 2050 auf. So feh­le es im­mer noch an Ak­zep­tanz und Wis­sen in Po­li­tik und Be­völ­ke­rung. Eben­falls ges­tern hat EUKom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ur­su­la von der Ley­en den «Gre­en De­al» prä­sen­tiert. Die EU will in ei­nem Kraft­akt in­nert 30 Jah­ren ih­re ge­sam­te Wirt­schaft um­krem­peln. (lae)

Die ges­tern vor­ge­stell­te Na­tio­nal­fonds­stu­die stellt gros­se Wis­sens­lü­cken zur Ener­gie­stra­te­gie 2050 in der Be­völ­ke­rung und der Po­li­tik fest. Stimm­te die Be­völ­ke­rung 2017 über die Ener­gie­wen­de ab, oh­ne rich­tig zu wis­sen, um was es ging?

Grund­sätz­lich wuss­te die Be­völ­ke­rung, dass es um den Aus­stieg aus der Kern­kraft und den Ein­stieg in ein um­welt­scho­nen­des Ener­gie­sys­tem ging. Aber es man­gelt am Wis­sen, wie man die Ener­gie­wen­de schafft. Neh­men wir zum Bei­spiel die Len­kungs­ab­ga­be. Vie­len ist nicht be­wusst, dass es sich da­bei um ei­ne Ab­ga­be han­delt, bei der al­le je­ne Geld zu­rück­er­hal­ten, die Ener­gie spa­ren. Die meis­ten ge­hen fälsch­li­cher­wei­se da­von aus, es hand­le sich um ei­ne Steu­er, wel­che die Ener­gie für al­le ver­teue­re. Wei­ter stel­len wir in un­se­ren Um­fra­gen fest: 20 Pro­zent der Be­völ­ke­rung wis­sen nicht, dass es ein Kli­ma­pro­blem gibt.

Im zwei­ten Pa­ket der Ener­gie­stra­te­gie hat­te der Bun­des­rat auf Len­kungs­ab­ga­ben ge­setzt, das Par­la­ment lehn­te sie aber ab. Wa­ren die Par­la­men­ta­ri­er al­so zu we­nig über die Vor­tei­le in­for­miert?

Der Gross­teil des Par­la­ments weiss nur grob Be­scheid über die vie­len ver­schie­de­nen Ge­schäf­te. Ent­schei­dend für die Mei­nungs­bil­dung ist die Ar­beit der par­la­men­ta­ri­schen Fach­kom­mis­sio­nen, die wie­der­um von Lob­by­is­ten be­ein­flusst wer­den. Gros­se Skep­sis herrscht ge­gen­über je­nen In­stru­men­ten, mit de­nen man kei­ne oder kaum Er­fah­rung hat, et­wa Mo­bi­li­ty-Pri­cing oder auch Len­kungs­ab­ga­ben. Man­geln­de Kennt­nis und Er­fah­rung macht Po­li­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­ker, aber auch Un­ter­neh­men und die Be­völ­ke­rung ri­si­ko­scheu.

Was kann man da­ge­gen tun?

Die Ver­bän­de zum Bei­spiel müs­sen über die Bü­cher. Die Be­völ­ke­rung hat sich für die Ener­gie­stra­te­gie 2050 ent­schie­den. Al­so soll­ten die Ver­bän­de ih­re staats­tra­gen­de Rol­le wahr­neh­men und mit­hel­fen, den Volks­ent­scheid um­zu­set­zen, statt ihn in­fra­ge zu stel­len. Der Haus­ei­gen­tü­mer­ver­band et­wa hat in­ten­siv beim Na­tio­nal­fonds­pro­jekt mit­ge­ar­bei­tet, weil er in der Sa­nie­rung der Ge­bäu­de ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur Ener­gie­wen­de sieht. Ver­bän­de spie­len ei­ne wich­ti­ge Rol­le, um Ver­trau­en in der Be­völ­ke­rung zu schaf­fen.

Es braucht al­so Vor­bil­der in der Po­li­tik und in der Wirt­schaft.

Un­be­dingt. Wenn ein öf­fent­li­cher Un­ter­neh­mer be­reit ist, in ener­gie- und kli­ma­scho­nen­de Pro­jek­te zu in­ves­tie­ren, dann ist die Be­völ­ke­rung schnel­ler da­von zu über­zeu­gen. Aber sie muss von Be­ginn an im Boot sein.

Was heisst von Be­ginn an?

Be­reits ei­ne Idee oder ei­ne Vi­si­on soll­te man der Be­völ­ke­rung vor­le­gen, und da­bei wä­re es von Vor­teil, wenn be­reits an­er­kann­te und breit ver­netz­te Per­sön­lich­kei­ten in der Ge­mein­de oder der Re­gi­on für das Vor­ha­ben Be­geis­te­rung zei­gen, aber auch of­fen für Be­den­ken sind.

Wie aber über­zeu­gen Sie Men­schen, die in ei­ner Wind­an­la­ge ei­ne Ver­schan­de­lung des Land­schafts­bilds se­hen?

Ei­nes un­se­rer Pro­jek­te hat un­ter­sucht, wie emo­tio­nal die Men­schen re­agie­ren, wenn man in ver­schie­de­ne Land­schaft­s­ty­pen ei­ne Wind­tur­bi­ne stel­len wür­de. Dort, wo die Na­tur un­be­rührt ist, zei­gen sie we­nig Ak­zep­tanz, je­doch in Re­gio­nen, wo es be­reits Berg­bah­nen oder Hoch­span­nungs­lei­tun­gen gibt, sind sie durch­aus of­fen ge­gen­über Wind­pro­jek­ten.

Im Fall der einst ge­plan­ten Wind­an­la­ge in der Linthe­be­ne stimmt das aber nicht.

Es gibt kei­ne Pa­tent­re­zep­te. Es ge­lingt nicht im­mer, aber die Chan­cen für ei­nen Er­folg stei­gen, wenn die Initi­an­ten ihr Pro­jekt nicht als fix­fer­tig vor­stel­len, son­dern Raum für Ent­wick­lun­gen zu­las­sen. Schau­en Sie auf Ös­ter­reich. Dort ste­hen be­deu­tend mehr Wind­kraft­an­la­gen als bei uns, ob­wohl die Land­schaft und das Be­wusst­sein für die Wind­kraft ähn­lich sind wie in der Schweiz.

Die Ener­gie­wen­de ver­langt den Aus­stieg aus der fos­si­len Ener­gie. Noch im­mer ent­schei­den sich aber vie­le aus Kos­ten­grün­den wie­der für ei­ne Öl­hei­zung, wenn sie die al­te er­set­zen.

Die Men­schen über­be­wer­ten die kurz­fris­ti­gen Nach­tei­le und un­ter­be­wer­ten die lang­fris­ti­gen Vor­tei­le. Wenn man heu­te zah­len muss und erst in zehn Jah­ren ei­nen Nut­zen hat, wol­len die meis­ten nicht in­ves­tie­ren. Um zu mo­ti­vie­ren, braucht es Ver­trau­en in die Zu­kunft, es braucht – ich wie­der­ho­le mich – Vor­bil­der, den Nach­barn zum Bei­spiel, der be­reits in Fo­to­vol­ta­ik oder Wär­me­pum­pe in­ves­tiert hat. Wich­tig ist: Die neu­en Sys­te­me müs­sen funk­tio­nie­ren. Aber es spie­len auch so­zia­le Nor­men ei­ne Rol­le.

Wel­che?

Hat die Öl­hei­zung ei­nen De­fekt, ruft der Haus­ei­gen­tü­mer sei­nen lang­jäh­ri­gen Hei­zungs­tech­ni­ker an. Die­ser emp­fiehlt ihm, das de­fek­te Teil, et­wa den Öl­bren­ner, zu er­set­zen. Das Hei­zungs­sys­tem wird da­bei in den sel­tens­ten Fäl­len in­fra­ge ge­stellt.

Al­so braucht es mehr Re­gu­lie­rung, gar Ver­bo­te?

Es braucht zu­min­dest stren­ge Vor­schrif­ten, die den Ein­bau neu­er Öl- und Gas­hei­zun­gen stark er­schwe­ren. In die­se Rich­tung geht der Vor­schlag des Stän­de­rats im neu­en CO2-Ge­setz.

Bei der Mo­bi­li­tät ha­ben es Re­gu­lie­run­gen schwer.

Hier wird das Po­ten­zi­al der Frei­wil­lig­keit, das durch­aus vor­han­den ist, nicht rei­chen. Er­höh­te Ben­zin­prei­se sind un­er­läss­lich. Ob als Steu­er oder Len­kungs­ab­ga­be, bei­de Va­ri­an­ten sind höchst um­strit­ten.

Se­hen Sie An­zei­chen für ei­ne Ent­span­nung?

Die her­an­wach­sen­de Ge­ne­ra­ti­on fo­kus­siert nicht mehr so sehr auf den In­di­vi­du­al­ver­kehr, son­dern ent­schei­det re­la­tiv prag­ma­tisch, ob sie den Bus, den Zug oder das Au­to nimmt. Das ist ei­ne Chan­ce!

Wirk­lich? Ein Jahr Kli­ma­pro­tes­te zeigt beim Flug­ver­hal­ten kaum Wir­kung.

Auch hier spie­len ge­sell­schaft­li­che Nor­men ei­ne Rol­le. Of­fen­sicht­lich herrscht ver­brei­tet die An­sicht vor, dass die Le­bens­qua­li­tät hö­her ist, wenn man die Fe­ri­en weit weg ver­bringt, zum Bei­spiel auf den Ma­le­di­ven.

Könn­te ei­ne Flug­ti­cket­abga­be dar­an et­was än­dern?

Bei den Jun­gen, ja. Sie sind preis­sen­si­bel. Bei den Äl­te­ren sitzt das Geld in der Re­gel et­was lo­cke­rer in der Ta­sche. Al­ler­dings, die Wir­kung der Prei­se wird bei All­tags­ent­schei­dun­gen häu­fig über­schätzt. Die Men­schen ent­schei­den stär­ker norm­ge­prägt, als man glaubt. Sie ver­hal­ten sich so, wie es die an­de­ren tun. Es muss al­so ge­lin­gen, ein neu­es Grup­pen­ge­fühl zu er­zeu­gen. Zum Bei­spiel: Es ist cool, die Win­ter­fe­ri­en in der Schweiz zu ver­brin­gen, mit Freun­den in ei­ner Berg­hüt­te. In­flu­en­cer könn­ten die Ener­gie­wen­de po­pu­lär ma­chen.

Doch Mo­bi­li­täts­lust und Kon­sum­hun­ger sind un­ge­bro­chen. Da scheint es kein Ge­gen­mit­tel zu ge­ben.

Auch das Mo­bi­li­täts­ver­hal­ten kann sich än­dern. Zieht zum Bei­spiel ein Paar an ei­nen neu­en Ort, kann man ihm gut auf­zei­gen, dass es hier kein Au­to braucht, Ve­lo und öf­fent­li­che Ver­kehrs­mit­tel ge­nü­gen. Hier hat die öf­fent­li­che Hand ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Sie kann Neu­zu­zü­ger ent­spre­chend be­ra­ten.

Wie wich­tig sind An­rei­ze wie Sub­ven­tio­nen?

Sub­ven­tio­nen kön­nen hel­fen, die Be­reit­schaft für Neue­run­gen zu stei­gern, et­wa für den Bau ei­ner Fo­to­vol­ta­ik­an­la­ge. We­ni­ger ent­schei­dend ist für Haus­be­sit­zer, wie hoch sie sind. Ent­schei­dend ist das Si­gnal, das von ih­nen aus­geht: Der Staat zeigt so, dass er et­was Sinn­vol­les und All­tags­taug­li­ches un­ter­stützt.

Was muss nun ge­sche­hen, da­mit die Ener­gie­wen­de ei­nen Schub er­hält?

Ener­gie- und Kli­ma­wen­de müs­sen stär­ker als heu­te sicht­bar wer­den. Das schafft je­ne neue Dy­na­mik, die es nun braucht. Es gibt Kan­to­ne, vie­le Städ­te und noch mehr Ge­mein­den, die vor­wärts­ma­chen kön­nen. Die fort­schritt­li­chen un­ter ih­nen tun dies be­reits. Dar­aus ent­ste­hen po­si­ti­ve Wech­sel­wir­kun­gen. Sieht et­wa ei­ne Ge­mein­de, dass die Stadt Zü­rich auf See­was­ser als Kühl- und Heiz­mit­tel setzt und es funk­tio­niert, star­tet sie vi­el­leicht ein ähn­li­ches Pro­jekt.

Foto: Keysto­ne

Tur­bi­ne im Wind­park Mont Cro­sin im Ber­ner Ju­ra: So manch ei­ner sieht in ei­ner Wind­an­la­ge aber vor al­lem ei­ne Ver­schan­de­lung des Land­schafts­bilds.

Andre­as Baltha­sar Der Po­li­to­lo­ge an der Uni­ver­si­tät Lu­zern stand der Lei­tungs­grup­pe des Na­tio­na­len For­schungs­pro­gramms NFP 71 vor.

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